Zum Hauptinhalt springen

Q-Cells setzt Pleiteserie in Solarbranche fort

Von WZ-Korrespondentin Christine Zeiner

Wirtschaft

In Deutschland ist die einstige Euphorie längst verflogen.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 12 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Berlin/Athen. Endlich wieder Arbeitsplätze und Wachstum: Die Erwartungen sind groß, die Griechenland und die EU-Kommission an das neue Solarprogramm "Helios" knüpfen. 20 Milliarden Euro werden in den nächsten Jahren investiert, dann sollen Europa und vor allem Deutschland vom kostengünstigen Solarstrom Griechenlands profitieren. Auch wenn das geplante Exportvolumen von zehn Gigawatt für deutsche Verhältnisse vergleichsweise gering ist: EU-Kommissar Günther Oettinger sprach am Dienstag in Athen von einer "Riesen-Chance".

2000 Kilometer von Athen entfernt erinnerte man sich zeitgleich an eine ähnliche Aufbruchsstimmung: Auch in Deutschland versprach die Solarindustrie einst nach der Wende einen Neubeginn und eine bessere Zukunft. Doch mit Q-Cells meldete am Dienstagmittag nach Solarhybrid, Solar Millennium und Solon das vierte Unternehmen der deutschen Solarbranche innerhalb kurzer Zeit Insolvenz an. Im vergangenen Jahr hatte Q-Cells einen Verlust von 846 Millionen Euro verbucht, der Umsatz war um ein Viertel auf 1 Milliarde Euro gesunken.

"Das ist eine furchtbare Zeit", sagte Manfred Kressin, der Bürgermeister des Ortsteils Thalheim in Bitterfeld-Wolfen. Aber man habe schon andere Zeiten überstanden, und man werde auch dieses Problem lösen. Vor mehr als zehn Jahren hatte Kressin Q-Cells nach Bitterfeld im ostdeutschen Sachsen-Anhalt geholt - die Berliner Truppe aus Kreuzberg, die Q-Cells gründete, wollte eigentlich gar nicht dort hin. Bitterfeld klang wenig attraktiv. Als "schmutzigste Stadt Europas" bezeichnete die ostdeutsche Schriftstellerin Monika Maron Bitterfeld. Nach der Eingliederung der DDR in die BRD wurden die Chemiefabriken abgerissen und die verpesteten Böden saniert. Bürgermeister Kressin erhoffte sich nun neue Arbeitsplätze für die Region und umwarb die Solarunternehmer. Ein steiler Aufstieg begann, Q-Cells wurde Weltmarktführer. Andere siedelten sich an.

Der Aufstieg der Solar-Branche kam nicht aus heiterem Himmel: Die rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer förderten diesen Zweig mit dem EEG ("Erneuerbare-Energien-Gesetz"): Möglichst viele Deutsche sollten Solaranlagen auf ihren Dächern installieren. Dafür gibt es eine Einspeisevergütung, die über den Strompreis von allen Kunden getragen wird.

Chinesische Unternehmen sprangen auf den Zug auf - und die deutschen gerieten ins Straucheln. Vier der sechs größten Solarunternehmen der Welt kommen heute aus China. Anders als in Deutschland werden dort nicht die Konsumenten über eine Förderpolitik dazu gebracht, Solaranlagen zu kaufen: Die Politik unterstützt die Firmen. Zudem sind die Produktionskosten vergleichsweise gering. Und europäische und US-amerikanische Hersteller werfen ihren Konkurrenten vor, ihre Produkte billiger als in China anzubieten. Erst vor wenigen Tagen verhängte das US-Handelsministerium vorläufige Strafzellen auf chinesische Solarzellen. Der Bundesverband für Solarwirtschaft warnt zudem vor weiteren Einschnitten in der deutschen Solarstrom-Förderung. Diese würden "die Existenz zahlreicher Solarunternehmen" gefährden. Für Q-Cells kann sich Sachsen-Anhalts Finanzminister Jens Bullerjahn (SPD) staatliche Hilfen vorstellen, etwa Förderungen oder Bürgschaften. Was mit den mehr als 2000 Beschäftigten geschieht, ist unklar. 1300 Mitarbeiter sind im "Solar-Valley" in Bitterfeld tätig - davon 400 bei der Tochterfirma Solibro - und weitere 500 in Malaysia. Die Produktion soll weiterlaufen, bereits eingegangene Bestellungen sollen erfüllt werden.

Erst vor knapp einem Monat hatte man nämlich bekannt gegeben, den Auftrag für den Bau von vier Solaranlagen erhalten zu haben - in Griechenland.