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Quacksalberei in der Grauzone

Von Wolfgang Kappler

Wissen

Vor allem im Internet boomen die dubiosesten "Naturmittel" und finden reißenden Absatz. Die Deutschen etwa sind innerhalb der EU Meister im Verbrauch von Nahrungsergänzungsmitteln auf pflanzlicher Basis, obwohl Ernährungsforscher keinen Nutzen erkennen und Grundlagenwissenschaftler und staatliche Institutionen regelmäßig sogar vor schädlichen Nebenwirkungen warnen.


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Im Gegensatz zu pflanzlichen Arzneimitteln benötigen Nahrungsergänzungsmittel nämlich keine Zulassung und keinen Wirksamkeitsnachweis, sie dürfen aber nicht mit dem Hinweis einer medizinischen Wirksamkeit beworben werden. Da sich nicht alle Hersteller daran halten, hält sich hartnäckig der Glaube an die versprochenen Heilwirkungen und die von Bekannten versicherten positiven Wirkungen, die scheinbar mächtiger sind, als die Auseinandersetzung mit gesichertem Wissen.

Nach diesem zeigen zum Beispiel Ginkgo-Produkte hinsichtlich ihres behaupteten positiven Einflusses auf Gedächtnisstörungen, Demenz, Konzentrationsstörungen und hirnorganisch bedingten Leistungsstörungen nicht mehr Wirkung als ein Stück Zucker, wie US-Forscher vor zwei Jahren mit einer Vergleichsstudie (Ginkgo gegen Placebo) an 230 Personen nachwiesen. Dennoch wurden im gleichen Jahr allein in den bundesdeutschen Apotheken für 5,3 Mio. Euro Ginkgo-Extrakte verkauft. Tendenz wider besseres Wissen steigend. Immerhin: Mit Ausnahme einer möglichen erhöhten Blutungsneigung schadet Ginkgo wenigstens nicht in dem Ausmaß wie andere Mittel.

Die Afa-Alge etwa, als "das vollständigste Gehirn-Nahrungsmittel auf der Welt" beworben, soll gegen Depressionen, Schlaf- und Aufmerksamkeitsstörungen, Demenz, Alzheimer und Diabetes helfen. Allerdings sind die meisten Produkte mit anderen Algen-Arten verunreinigt. Häufig enthalten diese sogenannte Mikrozystine, die als Ursache von Krebs, Blutvergiftungen und Nervenschäden gelten. Typische Vergiftungssymptome sind Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen. Solche Nebenwirkungen würden von den Herstellern irreführend als "reinigende Wirkung" bezeichnet, warnen die Herausgeber des Arznei-Telegramms. Kava Kava-Produkte wiederum beanspruchen nicht selten eine positive Wirkung gegen Depressionen, Nervosität, Stress und Unruhe, schädigen aber die Leber und können Parkinson begünstigen. Als Medikamente sind Kava Kava-Produkte seit 2002 nicht mehr zugelassen, via Internet aber immer noch erhältlich. Damit ist das Schädigungsrisiko immer noch enorm.

Bedenklich ist auch Johanniskraut. Dessen Wirksubstanz Hyperforin ist zwar als Antidepressivum anerkannt, hemmt aber bestimmte Herzmedikamente, Chemotherapeutika, Antibiotika und Substanzen zur Vermeidung von Abstoßungsreaktionen nach Organtransplantation. Von einer Selbstmedikation ist deshalb abzuraten.

Zunehmend bereitet Forschern auch die Beimengung von Arzneimitteln in Pflanzenextrakten Sorge. Osporo-Kapseln, angeblich gegen Osteoporose und Alterserscheinungen wirkend, enthalten u.a. Schmerz- und Beruhigungsmittel sowie synthetische Östrogene.

Ullrich Wissenbach, Pharmakologe am Universitätsklinikum Homburg, berichtet weiters über mangelnde Sorgfalt bei der Pflanzenernte. So fand sich in Breit-Wegerich-Produkten (gegen angegriffene Schleimhäute) auch Fingerhut (Digitalis), aus dem Herzmedikamente hergestellt werden. Vorhofflimmern, Halluzinationen und Erbrechen sind häufige Konsequenzen solch unreiner Produkte.

Gefährliche Irrtümer

Viele Menschen schwören zunehmend auf chinesische Heilkräuter. Doch auch hier können Verwechslungen erheblichen Schaden anrichten. So gilt die Pflanze Han Fang Ji als beliebtes Schlankheitsmittel, während Stoffwechselprodukte von Aristolochia Fangchi Nierenversagen und Tumoren auslösen können. Die gleiche Aussprache und damit einhergehende Verwechslungen haben bereits einige Hundert Menschenleben gekostet.

Dass sich mit fernöstlichen Produkten und der Leichtgläubigkeit von Menschen viel Geld machen lässt, wurmt die Experten. So soll das Kalzium der japanischen Sango-Koralle gleich für über 200 Krankheiten gut sein und besser wirken als alle anderen Kalzium-Präparate. Eine Werbeaussage, die die amerikanische Gesundheitsbehörde im Januar ebenso unterbunden hat wie den Hinweis, dass Kalzium vor Krebs, Multipler Sklerose und Herzkrankheit schützen würde. Zusammenfassend warnt der Pharmakologe Wissenbach: "Solche Nahrungsergänzungsmittel haben keine definierte Zusammensetzung, Untersuchungen zur Wirksamkeit fehlen meist, und wenn sie wirken, tun sie es häufig nicht besser als ein Placebo". Nur viel teurer.