Zum Hauptinhalt springen

"Qualität nicht verschütten"

Von Martina Pock

Politik
"NZZ"-Chefredaktor Markus Spillmann im Gespräch mit "Kleine"-Chef Hubert Patterer.
© Ramspacher

"NZZ"-Chefredaktor Spillmann ist von der Zukunft der Zeitung überzeugt.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 12 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Graz. Haben Zeitungen eine Zukunft? Ja, das haben sie, davon ist Markus Spillmann, Chefredaktor der "Neuen Züricher Zeitung" überzeugt, wie er Montagabend in der Aula der Alten Universität in Graz im Rahmen der Diskussionsreihe "Geist und Gegenwart" bekräftigte. "Solange Unternehmen sinnvoll mit ihr umgehen, wird es immer eine Zeitung geben."

Im April dieses Jahres sorgte ein Kommentar Spillmanns in der "NZZ" mit dem Titel "Die Zeitung spürt den Herbst" für Diskussionen innerhalb und außerhalb der Branche, die sich seit langem in einer Umbruchphase befindet: Sinkende Absatzzahlen im Print und neue Technologien stellen Verlagshäuser vor neue Herausforderungen. "Stillstand lässt keine Probleme lösen", mahnt Spillmann. Doch wie lassen sich diese in Anbetracht der digitalen Revolution im Medienmarkt lösen?

"Wir müssen uns neue Fähigkeiten aneignen, in die wir jetzt auch Geld investieren", so Spillmann. Das Produkt als Teil einer kommerziellen Wertkette zu sehen, sei der größte Schaden. Es sei auch falsch und fatal, publizistische Leistung daran zu messen, ob sie dem Zweck der Kommerzialisierung dient. Eine wahre Gratwanderung in einem dualistischen Markt mit Rezipienten und Werbepartnern. "Reine Gewinnmaximierung ist nicht oberste Priorität bei der ,NZZ‘." Die Tageszeitung mit einer verkauften Auflage von knapp 130.000 Exemplaren pro Tag leistet sich 50 Korrespondenten, "die auch von Orten und Ereignisse berichten, die es nicht in die ZiB1 schaffen". 90 Prozent aller Mitarbeiter der absatzstärksten Zeitung der Schweiz haben ein abgeschlossenes Studium. Darunter finden sich nicht nur ausgebildete Journalisten, sondern auch eine Reihe von Experten mit Fachwissen etwa in Bereichen wie Mathematik oder Medizin. (In Österreich beträgt die Akademikerquote bei Journalisten 34 Prozent, in Deutschland 69 Prozent und in der Schweiz 44 Prozent).

Doch auch die "NZZ" hat in den letzten Jahren Personal abgebaut. "Auch wir haben kein Geld zum Versauen." Doch mit Qualität ließe sich auch in Zukunft Geld verdienen. Nicht zuletzt die steigenden Verkaufszahlen der deutschen Wochenzeitung die "Zeit" bestätigen dies - seit 1998 ist ihr Absatz mit 503.723 verkauften Exemplaren 2012 um mehr als elf Prozent gestiegen, der Abo-Anteil liegt hier bei 70 Prozent. Hingegen sind die Zahlen der Boulevard-Blätter "Bild Zeitung" und der "Kronen Zeitung" rückläufig.

Die Ausrichtung auf den digitalen Markt ist und bleibt das Gebot der Stunde. "Wir wollen nicht, dass die Qualitäten, die wir im Print hatten, verschüttet werden." Wertige Informationen müssten aber auch etwas kosten - auch digital. Es sei ein Irrglaube vieler Verleger, dass digitale Journalisten günstiger seien, es sei genau umgekehrt, weil es hier viel mehr Fähigkeiten und Ressourcen braucht. Dennoch herrscht seit Jahren eine Schieflage in Bezug auf Gehälter bei Print- und Onlinejournalisten. Sowohl in Europa als auch in den USA gibt es, laut Spillmann, nur wenige Verlagshäuser, die in werterelevanten Journalismus investieren.

Die Gewichtung verschiebt sich immer weiter auf leichte und seichte Themen, mit der Folge einer Entpolitisierung. "Wenn wir unsere Branche nicht kritisch hinterfragen, werden es früher oder später andere tun." Systemrelevanter Journalismus sei wichtig für Demokratie und Gesellschaft. Es bedürfe dafür aber an Freidenkern, die Konventionen verweigern, kritisch hinterfragen und die Gesellschaft wachrütteln. "In meiner Zunft nehme ich nicht sehr viele mutige Stimmen wahr", beklagt der 45-jährige Baseler. Daran, dass Journalisten weit unten in der Beliebtheitsskala rangieren, seien sie nicht ganz unschuldig. "Journalisten sollen sich davor hüten, geliebt zu werden."

Wieso empfahl NZZ Blocher?

Vorsicht sei geboten bei der Rolle der Medien als vierte Gewalt im Staat. Sie sollen zwar als Bindeglied zwischen Öffentlichkeit und Nichtöffentlichkeit fungieren, jedoch nicht selbst Politik machen. Inwieweit sich diese These mit der Wahlempfehlung der "NZZ" für den Ständeratskandidaten und nationalkonservativen Politiker Christoph Blocher 2011 vereinbaren lässt, wollte Moderator und Chefredakteur der "Kleinen Zeitung", Hubert Patterer, dann doch noch genauer wissen. Hierbei sei es lediglich darum gegangen, zu zeigen, wen die "NZZ" hinsichtlich seiner liberalen Ausrichtung als geeigneteren Kandidaten gesehen hat, so Spillmann.