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Rache im Namen des Nordens

Von WZ-Korrespondent Fabian Kretschmer

Politik

Der US-Botschafter in Südkorea wurde bei einem Messerangriff verletzt. Der Täter gehört der extremen Linken an, | die sich gegen die US-Militärpräsenz stemmt. Pjöngjang lobt das Attentat als "gerechte Strafe".


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Seoul. Es war Viertel vor acht, als im Sejong Kulturinstitut in Seoul, nur einen Katzensprung von der US-Botschaft entfernt, die Frühstückssuppen ausgeteilt wurden. Der amerikanische Botschafter Mark Lippert wollte gerade zu seinem Vortrag über die Friedensaussichten auf der koreanischen Halbinsel ansetzten, als plötzlich aus dem Publikum ein kleiner, älterer Mann aufstand, gekleidet in traditionell koreanischem Gewand und mit einem Bart wie Ho Chi Minh. "Nord- und Südkorea sollten wiedervereinigt werden!", rief er durch den Veranstaltungsraum, rannte zum Tisch des US-Botschafters und zog ein Obstmesser mit einer 25 Zentimeter langen Klinge aus seiner Tasche. Er schlitzte Mark Lipperts rechte Wange und seinen linken Arm auf. Eine riesige Blutfontäne bedeckte den Frühstückstisch.

Nur wenige Minuten später wurde der Attentäter bereits identifiziert. Kim Ki-jong heißt der polizeibekannte 55-Jährige. Seine Akte weist eine lange Historie an militantem Aktivismus auf: Bereits 1985 verbrannte er US-Flaggen auf dem Botschaftsgelände in Seoul. Zwanzig Jahre später setzte er sich aus Protest vor dem Präsidentensitz in Flammen, wurde aber gerettet. 2010 warf der Aktivist einen Zementstein auf den damaligen japanischen Botschafter. Und als der nordkoreanische Diktator Kim Jong-il 2011 starb, versuchte er, einen Gedenkaltar im Zentrum der südkoreanischen Hauptstadt zu errichten.

Wie eng seine Verbindungen in den kommunistischen Norden tatsächlich sind, bleibt vorerst unklar. Fakt ist: Kim Ki-jong hat den Diktatoren-Staat zwischen 2006 und 2007 achtmal besucht. Laut Eigenaussage habe er bei einer Aufforstungskampagne nahe der Grenzstadt Kaesong Bäume gepflanzt. Wenig überraschend ließ auch die Reaktion aus Pjöngjang auf das Attentat nicht lange auf sich warten: Die staatliche Nachrichtenagentur KCNA wertete die Ereignisse als "gerechte Strafe für die US-Kriegstreiber".

Kim Ki-jong hat den Zeitpunkt seines Angriffes ganz bewusst gewählt. Seit Montag finden die alljährlichen gemeinsamen Militärübungen von US- und südkoreanischer Armee statt, bei der über 200.000 Streitkräfte involviert sind. Jedes Jahr aufs Neue lösen die Manöver einen exzessiven Reigen aus Drohgebärden aus: Der nordkoreanische Außenminister Ri Su-yong verdammte die Militärübungen jüngst als Kriegsvorbereitung und drohte mit Präventiv- und Vergeltungsschlägen. Noch diesen Montag hatte die nordkoreanische Armee als Gegenreaktion zwei Kurzstreckenraketen mit einer Reichweite von 500 Kilometern ins Japanische Meer geschossen.

Feindbild Washington

Für die extreme Linke im Land ist es vor allem die Großmacht aus Übersee, die einem Frieden zwischen Nord- und Südkorea im Weg steht. Die amerikanische Militärpräsenz von fast 30.000 Soldaten würde den Konflikt mit Nordkorea aufrechterhalten und Familienzusammenführungen unmöglich machen, argumentieren sie. Genau wie der Attentäter Kim Ki-jong, der seit seinem Jus-Abschluss 1984 all sein Schaffen der Wiedervereinigung der beiden Koreas gewidmet hat. Seine Familie brach bereits seit Jahren den Kontakt zu ihm ab. "Die Gesellschaft hat ihn nicht akzeptiert, deswegen hat er wohl immer radikaler gehandelt", sagte Kims jüngerer Bruder der Tageszeitung "Joongang Ilbo".

Leute wie Kim Ki-jong sind zwar eine Minderheit in der südkoreanischen Gesellschaft, doch sie sind auch fest im politischen Spektrum etabliert: anti-amerikanisch, nationalistisch und pro-nordkoreanisch.

Im Dezember hatte das Verfassungsgericht erstmals in seiner Geschichte eine Partei verboten: Die linksextreme UPP hätte das Ziel, einen Sozialismus nordkoreanischer Prägung zu installieren, begründete die Staatsanwaltschaft. Die als Wiedervereinigungspartei bekannte UPP hatte im 300-köpfigen Parlament fünf Sitze.

Kritiker behaupten, dass die konservative Regierung rund um Park Geun-hye ihre politische Opposition mit totalitären Methoden einschüchtern möchte. Die südkoreanische Gesellschaft ist zutiefst gespalten. Konservative und Linke sind selten zum Kompromiss fähig. Das politische Klima wird von gegenseitigem Misstrauen und Paranoia bestimmt.

Enge Beziehungen

Gleichzeitig erreicht jedoch kein Land in Südkorea bessere Umfragewerte als die USA. In einem Bericht des Asan Thinktanks aus Seoul von letztem Jahr gaben über 93 Prozent aller Befragten an, die militärische Allianz mit den USA sei angesichts der Bedrohung aus dem Norden notwendig. Gleichzeitig finden über sechs von zehn Südkoreanern, dass der Nutzen der bilateralen Beziehung ungleich verteilt ist.

Mark Lippert hat seit seinem Amtsantritt im letzten Oktober eine Menge dafür getan, die Sympathien für sein Land zu erhöhen. So lernte er im Gegensatz zu vielen seiner Vorgänger die Landessprache und gab seinem im Jänner geborenem Sohn einen koreanischen Zweitnamen. Zudem gab sich der Diplomat bewusst volksnah: Jeden Morgen konnten ihm die Hauptstädter beim Gassigehen mit seinem Basset Hound im Stadtzentrum beobachten oder in der örtlichen Starbucks-Filliale beim Cappuccino antreffen.

"Ich bin frohen Mutes und zutiefst berührt von der Unterstützung, "twitterte Lippert noch am Nachmittag vom Krankenhaus aus. Dort wurde er zweieinhalb Stunden lang operiert. Es brauchte ganze 80 Stiche, um die neun Zentimeter lange Wunde am Gesicht zu schließen. Der Korea-Rat für Aussöhnung und Zusammenarbeit als Organisator der Vortragsveranstaltung entschuldigte sich für unzureichende Sicherheitsvorkehrungen.