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Rahmbos Politik des Mittelfingers

Von Klaus Stimeder

Politik

Rahm Emanuel könnte schon im ersten Wahlgang erfolgreich sein. | Tough, "Blue Dog" und für Irak-Krieg. | Chicago. Da kommt der Mann zurück in seine Heimatstadt, mit den besten Absichten, weil er ihr, wie er sagt, "etwas zurückgeben will". Er fährt zu dem Haus, das ihm gehört, und das er während seiner rund zweijährigen Abwesenheit vermietet hat. Schließlich hat er kein Geld rauszuschmeißen, "wer Bürgermeister werden will, der muss jeden Cent dreimal umdrehen." Und dann das: Der Untermieter empfängt den Hausbesitzer mit der Bitte, dass er gefälligst verschwinden möge, weil das sei so alles nicht ausgemacht gewesen; und darüber hinaus gedenke er selber für den Posten des Bürgermeisters zu kandidieren.


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Eine Posse, wie sie Kafka erfinden hätte können, und die sich dennoch jüngst genauso zugetragen hat in der drittgrößten Stadt Amerikas. Der Hausbesitzer heißt Rahm Emanuel - in den vergangenen zwei Jahren diente er Präsident Barack Obama als White House Chief of Staff, als Kabinettschef. Die Stadt heißt Chicago.

Unmittelbar nach den für die Demokraten desaströsen Kongresswahlen im Herbst 2010, im Rahmen derer die Präsidentenpartei ihre Mehrheit im Abgeordnetenhaus verloren hatte, verabschiedete sich der bis dahin treue Diener seines Herrn Richtung Nordwesten. Dort hatte sich unverhofft eine Gelegenheit aufgetan, wie sie in einem Politikerleben nur einmal vorkommt. Nachdem Bürgermeister Richard J. Daley überraschend verkündet hatte, nach sage und schreibe 22 Jahren an der Spitze der Stadt sein Amt abgeben zu wollen, erklärte Emanuel seine Kandidatur für dessen Nachfolge.

Obwohl sich seine Rückkehr wie beschrieben problematisch gestaltete - auch wenn der renitente Mieter seine Kandidaturpläne inzwischen aufgegeben hat - zweifelt seitdem kein professioneller Kommentator mehr daran, dass die Mehrheit der Bürger Chicagos den auf der relativ wohlhabenden North Side aufgewachsenen, heute 51-jährigen Sohn jüdischer Eltern zum Nachfolger Daleys wählen wird.

In den Umfragen liegt Emanuel kurz vor dem Wahlgang am 22. Februar konstant an der Spitze. Nachdem er sich der Unterstützung des gesamten Establishments der Partei gewiss sein kann, wird in den Zeitungen der Stadt und in den Politik-Onlinediskussionsforen der USA praktisch nur mehr eine Frage verhandelt: Ob es Emanuel schon im ersten Wahlgang schaffen wird, eine absolute Mehrheit der Stimmen auf sich zu vereinen oder ob es einer oder eine der fünf Gegenkandidaten schaffen wird, ihn in eine Stichwahl zu zwingen.

Drei Konkurrenten

Zugetraut wird das nur drei von ihnen: Der erste heißt Gery Chico, ein ehemaliger Stadtschulratpräsident, der zudem Richard J. Daley einst als Kabinettschef diente. Dem mexikanischstämmigen Anwalt wird noch am ehesten zugetraut, Emanuel Paroli zu bieten. Dann wäre da noch die ehemalige US-Senatorin Carol Moseley Braun: Die ehemalige Botschafterin in Neuseeland und Samoa weiß weite Teile der afroamerikanischen Community Chicagos hinter sich. Als weiterer Außenseiter, wenn auch als in der Stadt wie im Bundesstaat Illinois bekannter, geht Miguel del Valle ins Rennen. Der aus Puerto Rico stammende Ex-Finanzstadtrat schrieb Geschichte als erster in den Staatssenat gewählte Latino.

Im Vergleich mit der schillernden Laufbahn und der politischen Erfahrung Emanuels sehen diese Kandidaten freilich alle blass aus. Nachdem er sich im Laufe der Achtziger in der Parteihierarchie nach oben gearbeitet hatte, diente Emanuel in den Neunzigern dem damaligen Präsidenten Bill Clinton als Strategie-Berater. Nach dessen Abdankung schlug er, obwohl als studierter Kommunikationswissenschafter nicht dafür prädestiniert, eine Karriere als Investmentbanker ein. Mit großem Erfolg: Laut Recherchen der "Chicago Sun-Times" und der "New York Times" häufte er damit binnen ein paar Jahren ein Privatvermögen an, das zwischen 16 und 17 Millionen Dollar liegt.

Nachdem Emanuel aber stets die Politik und nicht die Finanzwelt als sein ureigenes Terrain begriff, kandidierte er 2003 erfolgreich für das US-Abgeordnetenhaus, dem er bis zu seiner Berufung zum Kabinettschef Obamas Anfang 2009 angehörte. Seinen Spitznamen hatte sich der leidenschaftliche Triathlet, dessen Führungsstil das Magazin "Time" einmal "imperial" nannte, zu jener Zeit längst erarbeitet: "Rahmbo".

Was seine politische Arbeit angeht, war mit dem verheirateten Vater zweier Töchter und eines Sohnes tatsächlich noch nie zu spaßen. "Wenn er einen Unfall hätte, bei dem er auch noch den anderen Mittelfinger verliert, wäre er praktisch taub." So beschrieb des Kandidaten Kommunikationsfähigkeit einst sein bisher letzter Arbeitgeber. Emanuel hat nur mehr einen Mittelfinger, seit er als Kind bei einem Unfall den seiner rechten Hand verlor.

Nackte Überredung

Als sein damaliger Chef Bill Clinton mit den Nachwehen seiner Affäre mit Monica Lewinsky zu kämpfen hatte, schrie Emanuel den damaligen britischen Premier Tony Blair, der am Höhepunkt der Impeachment-Krise eine Art Verteidigungsrede für seinen Freund halten sollte, mit den Worten "Don't fuck this up!" an. Zur Legende wurde auch jene Geschichte, in der Emanuel einem Kongressabgeordneten der Demokraten, der sich weigerte, für das Obamasche Budget zu stimmen, in der Dusche des Fitnesscenters im Kapitol auflauerte - um ihn ebendort zu überzeugen, dass es besser für seine weitere Karriere sei, sich das noch mal genau zu überlegen. Emanuel soll das ganze Gespräch über nackt gewesen sein. Der Abgeordnete war davon offenbar derart beeindruckt, dass er seine Meinung änderte.

Rechtsausleger

Nachdem Emanuel aber sonst innerhalb der Demokraten als Rechtsausleger gilt, hegen viele jener jungen, liberalen Wähler, die Obama einst ins Weiße Haus hievten, gegenüber seinem Ex-Kabinettschef eher gemischte Gefühle. 2002 sprach er sich für eine militärische Intervention im Irak aus. Zudem gilt Emanuel als Erfinder der so genannten "Blue dogs"-Fraktion im Kongress - ein Sammelbegriff für Demokraten, die teilweise weiter rechts stehen als manche Republikaner.

Laut den Umfragen spielt all dies für die Mehrheit der Bürger seiner Heimatstadt keine Rolle. June Rosner, eine über die Grenzen der Stadt hinaus bekannte Politikberaterin, nennt das Kind beim Namen: "Das hier ist Chicago. Die Leute wollen einen toughen Bürgermeister."

Was die Sachthemen angeht, würde sich Emanuel in ein gemachtes Nest setzen. Die Arbeit von Richard J. Daley, dessen Vater Richard M. Daley ("The Boss"), die Stadt am Lake Michigan fast solange regierte wie er (von 1955 bis 1976), wird im ganzen Land anerkannt: Die Kriminalitätsrate ist so niedrig wie seit 40 Jahren nicht, der Tourismus zieht an, der öffentliche Verkehr wurde ausgebaut, das Prestigeprojekt Millenium Park eröffnet, die öffentlichen Schulen modernisiert. Darüber hinaus ließen viele kleine Umweltinitiativen die Stadt im vergangenen Jahrzehnt buchstäblich ergrünen. Mit Daley junior befindet sich Emanuel im besten Einvernehmen: 1989, als dieser den ersten seiner insgesamt sechs Wahlsiege feierte - ein selbst in der an Kuriositäten nicht eben armen politischen Geschichte der USA beispielloser Erfolg - hatte ihm sein heutiger Nachfolger in spe als oberster Fundraiser gedient.

Erfolg vor Gericht

Aber auch das hätte dem Kandidaten nichts genutzt, wenn ein jüngst erfolgter Richterspruch nicht ein uraltes Gesetz des Bundesstaates Illinois ausgehebelt hätte. Laut diesem muss jeder Kandidat für den Bürgermeisterposten mindestens ein Jahr vor Bekanntgabe seiner Kandidatur einen fixen Wohnsitz in Chicago vorweisen können. Nach einem zunächst erfolgreichen Einspruch der Gegner erklärte erst ein Erkenntnis des Obersten Gerichtshofs von Illinois Emanuels Kandidatur für legitim: Unter anderem, weil er die ganze Zeit über Besitzer eines Hauses in der Stadt war, ein Auto fährt, das in Chicago zugelassen ist und darüber hinaus nichts darauf hindeutete, dass er Pläne hatte, sich permanent woanders niederzulassen.

Dem Aufatmen im Lager des Spitzenkandidaten folgte der Spin: Seitdem wird ausgerechnet er als Opfer dunkler Machenschaften des politischen Establishments der Stadt porträtiert. Eine durchschaubare Strategie, die bei den Wählern trotzdem - oder gerade deswegen - ankommt. Die für diese Kampagne eingesetzten Geldmittel kann Kandidat Emanuel sich leisten: Sein eingesetztes Privatvermögen wird durch einen so prominenten wie großzügigen Kreis an Wahlkampfspendern ergänzt. Die bekanntesten Fans: der krebskranke Apple-Guru Steve Jobs und der Filmmogul Steven Spielberg. Dazu kommt Geld vom Big Business Chicagos: Hedge funds, Private-Equity-Firmen, Banken und Versicherungen.

Die windige Stadt

Wirklich daran stoßen tut sich niemand, lautet der Spitzname der Stadt doch von jeher "The windy city". Was weniger den vom Lake Michigan her wehenden Windböen geschuldet ist als der über Jahrhunderte gewachsenen, ganz besonderen Mentalität seiner politischen Klasse. Über weite Teile des 19. und 20. Jahrhunderts galt Chicago als korrupteste Stadt der USA: Nicht umsonst ist ihre Geschichte untrennbar mit Namen wie Al Capone verbunden. Obwohl heute in vielerlei Hinsicht eine amerikanische Muster-Großstadt, hat sich in ihren politischen Eliten eine gewisse Working-class-Mentalität erhalten. Auch ein Grund, warum die Republikaner in der nach New York und Los Angeles mit 2,9 Millionen Einwohnern drittgrößten Stadt der USA - das "Chicagoland" genannte Einzugsgebiet umfasst 9,7 Millionen Menschen - hier keine Chance auf öffentliche Ämter haben.

Wenn amerikanische Politiker das Chiffre "Chicago politics" benutzen, meinen sie nicht die Anziehungskraft und das Charisma des Präsidenten, sondern die ausgefuchsteste Form von Politik, die sich denken lässt: Politiker aus Illinois und aus Chicago im Besonderen gelten als mit allen Wassern gewaschene Ausgeburten des härtesten politischen Wettbewerbs der USA. Siehe Rahm Emanuel, dessen heiliger Zorn auf alles, was nicht seinem und dem Erfolg seiner Partei dient, sich in seinem verbliebenen ausgestreckten Mittelfinger manifestiert. So einer passt gut zu einer Stadt, die stolz darauf ist, nicht so gekünstelt wie L.A. und nicht so versnobt wie die Ostküstenstädte zu sein. Angesichts all dessen stellt sich vielen schon jetzt nur die Frage, wie lange sich Rahm Emanuel an der Spitze der Stadt halten kann - oder will. Jene, die ihn persönlich kennen, sagen: Solange, bis sich eine größere Aufgabe auftut. Und davon gäbe es im Falle der Abdankung seines Ex-Chefs nur mehr eine.