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Rasante Wettfahrt zur Steckdose

Von Helmut Dité

Wirtschaft

VW-Elektro-Golf vorerst im Flottentest. | General Motors setzt auf den Volt. | Renault mit Großversuch in Israel. | Paris. Elektrowagen sind auf den Golfplätzen ganz normal, auf den Straßen immer noch selten - belächelt als Fortbewegungsmittel für Tüftler und Weltverbesserer. Doch das wird sich bald ändern: Elektroautos sind angesichts der Suche nach Alternativen zum teuren Erdöl und der Debatte über Klimaveränderungen das beherrschende Thema auf Europas größter Automesse, der Pariser Mondial de l´Automobile, die heute für das Publikum öffnet und bis 19. Oktober 1,5 Millionen Besucher erwartet. Aber die Branchenbeobachter sind sich einig: Erst, wenn Volkswagens meistverkauftes Modell, der Golf, elektrisch kommt, hat der neue Antrieb den Durchbruch wirklich geschafft - vor 2010 wird das nicht sein.


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Bisher verfügt eigentlich nur der japanische Toyota-Konzern über Erfahrungen aus größeren Stückzahlen mit der Hybrid-Technik, der Kombination eines Benzin- mit einem Elektromotor. Weltweit wurden etwa von der Mittelklasse-Limousine Prius bisher schon (oder erst) mehr als 1,2 Millionen Stück verkauft. Die hohen Erwartungen in die Elektrifizierung des Individualverkehrs werden vor allem durch die Preise gedämpft: Der Elektrowagen Volt, an den der kriselnde US-Hersteller General Motors große Hoffnungen knüpft, werde nicht unter 30.000 Dollar (21.000 Euro) zu haben sein, vermuten Analysten.

Hilfspaket für Europäer?

Erschwerend kommt die Finanzkrise hinzu, wegen der die ohnehin angeschlagenen US-Autobauer bereits Schwierigkeiten bei der Kreditbeschaffung haben. Deshalb beschloss der US-Kongress Anfang der Woche ein Hilfspaket für die Branche von 25 Milliarden Dollar, um die Entwicklung spritsparender Autos voranzutreiben. Prompt forderten die europäischen Hersteller von der EU ein ähnliches Paket - in noch höherer Größenordnung.

Die Kreditklemme geht aber auch an den Verbrauchern nicht spurlos vorbei. In den USA schrumpft der Automarkt drastisch - im September um gut ein Fünftel zum ohnehin schon schwachen Vorjahresmonat. In Spanien gab es zuletzt einen Einbruch der Neuwagenverkäufe um unglaubliche 40 Prozent, im restlichen Europa beklagt der Autohandel den schwächsten Sommer seit Jahren.

Angesichts von Klimawandel, steigenden Spritpreisen und Rohstoffknappheit ist die Zukunft des Autos dennoch elektrisch, glauben die meisten Experten. Alle großen Fahrzeughersteller wollen Anfang des kommenden Jahrzehnts ein Elektroauto auf den Markt bringen.

Anders als Hybridautos wie der Prius von Toyota, die einen herkömmlichen Verbrennungsmotor mit einem Elektromotor kombinieren und mit Strom allein nur kurze Distanzen schaffen, kann Chevrolets Volt 65 Kilometer elektrisch fahren. Erst wenn die Stromquelle versiegt, versorgt ein kleiner Verbrennungsmotor den Elektroantrieb und lädt die Batterie nach.

Als einer der wenigen Hersteller konnte Volkswagen beim Absatz zulegen und löste Ford heuer als die Nummer drei des Weltmarktes ab. Den Golf TwinDrive, der über einen Elektroantrieb mit noch größerer Reichweite und einen Dieselmotor verfügt, will man ab Anfang 2009 im Flottenversuch testen und Ende 2010 auf den Markt bringen. Später soll der neue Kleinwagen Up! auch als Elektrowagen kommen.

Konkurrent Daimler will den Stadtflitzer Smart schon 2009 mit Lithium-Ionen-Akkus in Berlin unter Strom setzen und ab 2012 größere Stückzahlen davon verkaufen. Im Londoner City-Verkehr sind 100 Elektro-Smarts mit herkömmlichen Nickel-Metallhydrid-Batterien im Testbetrieb - mautfrei - unterwegs.

Der Münchener Autobauer BMW hat mit seinem "soft-hybrid-Konzept" namens "efficient dynamics" mit Start-Stopp-Automatik und Bremsenergierückgewinnung zuletzt alle Umwelt-Auszeichnungen der Branche abgeräumt und den größten Fortschritt beim Spritsparen und der CO2-Reduktion geschafft.

Ford mit zwei E-Motoren

Das Elektroauto sieht BMW eher als Option bei der Entwicklung eines Großstadt-Wagens: In den nächsten 12 bis 18 Monaten sollen 500 Fahrzeuge der Marke Mini im US-Bundesstaat Kalifornien getestet werden. Schwerpunktmäßig setzt BMW jedoch auf den Wasserstoff-Antrieb. 100 Prototypen des BMW Hydrogen 7, der auf einem Wasserstoff-Verbrennungsmotor basiert, hat der Konzern seit April an Prominente zum Probefahren verteilt.

General Motors will in Amerika schon 2010 mindestens 10.000 Stück des neu entwickelten Elektrowagens Chevrolet Volt auf den Markt bringen. Ab 2011 soll es in Europa auch einen Volt unter dem Markennamen der Rüsselsheimer GM-Tochter Opel geben.

Ford sieht einen Markt für Elektroautos frühestens in fünf Jahren. Seit Ende 2007 testet der Konzern 20 Plug-in-Prototypen des Geländewagens Escape mit Lithium-Ionen-Akkus in Kalifornien. Der jüngst vorgestellte Geländewagen Ford Edge verfügt über zwei Elektromotoren: Die ersten 40 Kilometer kommt der Strom aus dem Batteriespeicher, dann wird der Akku für weitere 320 Kilometer von einer Brennstoffzelle wieder aufgeladen.

Chrysler will bis 2010 drei Modelle mit Elektromotor auf den Markt bringen: Einen Minivan, den Geländewagen Jeep Wrangler sowie den zusammen mit Lotus entwickelten Sportwagen Dodge EV.

Batterie-Wechsel

Renault dagegen setzt auf Wagen mit einem reinen Elektromotor, bei denen kein Verbrennungsmotor zugeschaltet wird. Ein erster Prototyp der Megane Limousine fährt im Auftrag der US-Risikokapitalgesellschaft Project Better Place, mit der Renault und Nissan kooperieren. Ab Mitte 2011 wollen die Franzosen mit der Serienproduktion für drei Testmärkte in Israel, Portugal und Dänemark starten. In Israel ist der Aufbau von tausenden Ladestationen im Gang. Dort sollen Batterien nicht nur aufgeladen, sondern auch ausgewechselt werden können - was nicht länger dauern soll als ein herkömmlicher Tankvorgang.