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Rassistische Missklänge

Von Gerhard Strejcek

Reflexionen

Vorurteile führen nicht unbedingt zu aggressiven Handlungen- oft kommt es nur zu beiläufigen Bemerkungen oder tendenziösen Beobachtungen. Harmlos sind allerdings auch diese nicht.


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Wenn heute David Alaba oder Rubin Okotie den Fußballrasen betreten, ist ihnen Jubel sicher. Auch diverse Rapper, die liebliche Rihanna oder die elegante Beyoncé Knowles, habe ihre Anhänger in Europa, so auch in Wien, dessen gesetzteres Opernpublikum einst Grace Bumbry oder Jessye Norman zujubelte - allerdings nur auf der Bühne.

Wenn dunkelhäutige Stars auf eigene Faust die österreichischen Gefilde erkunden wollten, etwa im Taxi oder als Lokalgast, wurde es oft gefährlich oder doch wenigstens ungemütlich. Erst vor rund einem Jahr flog eine Operndiva aus einem vor dem "Sacher" wartenden Taxi, dessen Fahrer kein Opernkenner war. Noch nicht vergessen sind auch die Zeiten, in denen eine anlassbezogene "Lex Belafonte" in Österreich eine Verwaltungsstrafdrohung für jene Personen verankern musste, welche Afrikanern und andern Personen den Zutritt zu einem "öffentlichen Ort" aus rassischen Gründen verweigern. Der Musiker hatte in den Siebzigerjahren nach einem Auftritt am Wörthersee ein Nachtlokal besuchen wollen, war aber wegen seiner Hautfarbe abgewiesen worden.

Zweierlei Maß

Das Gesetz gilt (unter dem Juristenkürzel "EGVG" ) nach wie vor bundesweit. Art III Abs 1 Z 3 EGVG sieht vor, dass jemand, der "Personen allein aufgrund ihrer Rasse, ihrer Hautfarbe, ihrer nationalen oder ethnischen Herkunft, ihres religiösen Bekenntnisses oder einer Behinderung ungerechtfertigt benachteiligt oder sie hindert, Orte zu betreten oder Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, die für den allgemeinen öffentlichen Gebrauch vorgesehen sind", mit Geldstrafe bis zu 1000 Euro zu bestrafen ist.

Doch das Thema Lokalverbot für Afrikaner ist mit dieser Rechtssprechung noch nicht vom Tisch; nur wird es in Discos mit Titeln wie "Hausordnung", "Dresscodes" und anderen Tricks übertüncht, die den Anschein von "Privatheit" erwecken. Wer kein bekannter Künstler oder Sportler, allenfalls Politiker von Weltrang ist, hat es nach wie vor schwer in unseren Breiten, denn abseits der Bühnen und Sportplätze ist man schnell ein "Dealer", wie ein afrikanischstämmiger Sportlehrer der American International School erfahren musste, der von Polizisten aus der Wiener U-Bahn gezerrt wurde, weil er einem Gesuchten angeblich ähnlich sah.

Von Folterungen wie in den Fällen Bakary S. und katastrophalen Fehleinsätzen mit tödlichem Ausgang wie im "Afrikadorf auf der Donauinsel" muss hier gar nicht gesprochen werden, auch nicht von der Tatsache, dass es die Beamtenministerin in einer Presseaussendung vom 18. August 2012 als großen Fortschritt anpries, dass "künftig" jene Beamten, die wegen Vernachlässigung oder Quälens einer ihr anvertrauten Person (etwa eines Schubhäftlings) verurteilt werden, "automatisch" suspendiert werden, ohne dass es eines Disziplinarverfahrens bedarf, in dem dann findige Anwälte alle möglichen "guten Gründe" vorschieben, warum eine "Abreibung" für einen "renitenten" Afrikaner doch eigentlich geboten war.

Wie gesagt, es gilt nach wie vor die einfache Formel: Auf Bühne, Spielfeld und Laufbahn bist du ein Star, in der U-Bahn aber ein Dealer, als "Partei" oder als Häftling ein "Tier" und in einem Lokal eine Bedrohung für die weißen Mädchen, wie viele Afrikaner ihre Erfahrungen in Österreich auf den Punkt bringen.

Dieses Paradoxon wirkt noch stärker, je "ferner" und berühmter der Betroffene ist. Am wenigsten Probleme haben unsere Landsleute mit Afrikanern im Ausland oder deren Nachfahren, die dort, wo sie leben, zu bleiben geruhen. US-Präsident Obama erfreut sich großer Beliebtheit, und da stört es auch niemanden, dass er afrikanische Wurzeln hat, wie auch der Gabuner Taekwondo-Kämpfer mit dem ähnlich klingenden Namen Obame (Silber in London). Bewunderung gilt Nelson Mandela, große Anerkennung spendet man dem UNO-Sonderbeauftragten Kofi Annan.

Die Karrierewege, die afrikanischstämmigen Menschen offen stehen, um hierzulande anerkannt zu werden, sind: Sport, Kunst, Politik. Aber was ist mit dem Rest, der nicht dieser privilegierten Gruppe angehört?

Schwarz-Weiß-Malerei

Gilt bei uns nach wie vor dasselbe, was Muhammad Ali, einst als Cassius Clay geboren und einer der größten Boxer der USA, auf den Punkt gebracht hat: "Weiß ist gut, Schwarz ist schlecht, so einfach ist das. Der US-Präsident residiert im Weißen Haus, Engel sind weiß, kleine unschuldige Kinder werden in weißen Särgen bestattet, die Erstkommunion wird in Weiß gefeiert, Bräute gehen mit weißem Schleier und weißem Kleid in die Ehe. Schwarz dagegen ist die Symbol für die Hölle, das Inferno und die Farbe der Leichenwagen; wer Schwarz trägt, trauert, ein schwarzer Tag bedeutet gehäuftes Unglück, ja bereits wenn dunkle Wolken am Himmel erscheinen, bekreuzigen sich Christen und befürchten ein Unwetter."

Unsere Alltagsdiktion transportiert diesen subkutanen Rassismus, den der schwarze Muslim Ali anprangerte, unauffällig weiter: Geld weiß zu waschen ist zwar ein Delikt, aber wenn es gelingt und das schmutzige "schwarze" Geld unbemerkt von Finanz und Zoll wieder "hochweiß" geworden ist, kann es auch ohne Bedenken zum Ankauf von Hostien oder von Priestergewändern verwendet werden.

Dass Schwarz als Hautfarbe schlecht ist, gehört auch im 21. Jahrhundert noch zu den tief verwurzelten Gemeinplätzen, wenn auch die Auswüchse vor hundert Jahren weitaus extremer waren. Die Reklame benutzte um 1912 gerne rassistische Sujets: Seife, welche sogar Afrikaner weiß waschen könne, galt als Werbeschlager. Die französische Firma "Dirtoff" griff dieses Thema auf einem Plakat auf. Vor einem Waschbecken sieht man einen Afrikaner, offenbar für die Gastronomie oder für das Service in einem edlen Haus angezogen, dessen Hände dank "Dirtoff-Seife" weiß wurden: "Le savon de Dirtoff me blanchit", lautet der Jubelschrei.

Mit derartigen Sujets wurde ein tief verwurzeltes Vorurteil tradiert, dass sogar manche afrikanischstämmigen Menschen selbst internalisierten, um nur die Beispiele von Rihanna und Michael Jackson zu nennen. Dieser ist ein Beispiel dafür, wie der lebenslange Traum, weiß zu sein, mit enormem finanziellen Aufwand verfolgt wurde, aber mit einem Ergebnis, das schockierend und letztlich (zumindest indirekt) letal für den Künstler war.

Neben dem Reinwaschen entdeckte die Marktkommunikation, aber auch die Literatur, den putzigen, drolligen "Mohren". Ob der Begriff an sich bereits rassistisch ist, war erst unlängst Gegenstand eines skurrilen Streits und soll hier dahingestellt bleiben, jedenfalls blieb der "Mohr im Hemd" auf der Speisekarte; auch der Meinl-Mohr ist nach wie vor Markenzeichen eines Kaffees, und in Vorarlberg gibt es nach wie vor das beliebte Mohrenbräu.

Verglichen mit anderen Zitaten aus dem frühen 20. Jahrhundert sind kulinarische Mohren-Sujets heute verhältnismäßig harmlos. Vor allem erwecken sie bei den Betroffenen selbst nur selten Ablehnung oder gar Empörung, wie Reportagen zeigten, in denen Afrikaner eher entspannt im Kaffeehaus einen "Mohren im Hemd" zu ihrem kleinen Schwarzen bestellten. In der Tat ist es weitaus wichtiger, angemessen und vorurteilsfrei behandelt zu werden, als eine politisch korrekte Sprachregelung vorzufinden - und dennoch ist es nach wie vor auch dieser kakophonische Ton, der den Missklang des Rassismus im Alltag erzeugen kann.

Literarischer Rassismus

Das führt zu einem kurzen Griff in den Bücherschrank, wo zwei rassistische Stellen bei Autoren auftauchten, denen man keine derartige Einstellung unterstellen wird wollen. Dennoch sind diese Zitate nicht harmlos, sondern zeigen den unbedachten Umgang mit afrikanischstämmigen Menschen in unserer Literatur.

Wer den aus dem Jahr 1911 stammenden, aber erst fünfzehn Jahre später uraufgeführten "Rosenkavalier" von Richard Strauss nicht nur anhört, sondern auch das Libretto von Hofmannsthal liest, wird schon im frivolen ersten Akt auf einen "kleinen Neger in Gelb" stoßen, der noch dazu mit Schellen behangen, und - als Gipfel der Originalität - ausgerechnet Schokolade auf einem Präsentierbrett serviert, während sich der (weiße) Oktavian und die (weiße) Marschallin noch in ihren Gemächern räkeln.

Hugo von Hofmannsthal war sicher kein Rassist, aber um der Ausschmückung einer dekadenten Szene willen stellte er einen afrikanisch-stämmigen Menschen in einer erniedrigenden und politisch unkorrekten Weise dar.

Nicht anders ist eine Aufzeichnung Arthur Schnitzlers aus dem Entstehungsjahr des "Rosenkavaliers" zu beurteilen, der selbst ein kritischer Leser war und vor allem den Rodauner "Hugo" häufig aus Korn nahm. Auch er war gewiss kein Rassist, sondern im Gegenteil Opfer rassistisch motivierter Anwürfe, die ihn als "jüdischen Pornographen" hinstellten; zeit seiner Laufbahn musste er sich mit antisemitischen Anspielungen auseinandersetzen; er empfand sich nicht zu Unrecht als der am meisten geschmähte Schriftsteller aller Zeiten.

Aber ohne es zu wollen, hatte auch Schnitzler den Zeitgeist in sich aufgesogen, was Afrikaner betraf. Eines Abends ereilte ihn so etwas wie ein rassistischer Traum; er träumte von einem "Nigger" (!), der ihm die Hand schütteln wollte und dann bedauerte, dass es so viele "Schwindler seiner Race" in Wien gebe. Kaum zu glauben, dass der sensible Autor solche Zeilen ohne Schamesröte zu Papier brachte. Aber hier fehlte erziehungs- und sozialisierungsbedingt jegliches Bewusstsein dafür, dass diese Beschreibung ein übles Vorurteil bediente.

"Edelmensch" Karl May

Karl May geriet unlängst angesichts der hundertsten Wiederkehr seines Todestags wieder in die Schlagzeilen und war auch Gegenstand von TV-Diskussionen; erstaunlich positiv fiel das Urteil der Leserinnen und Leser aus, die Mays Abenteuerromane von Jugendtagen an verschlungen hatten. War er aber ein Rassist? Wohl kaum. Aber dennoch wird man gerade seine Schriften nicht als besonders förderlich für ein aufgeklärtes und vorurteilsfreies Verständnis gegenüber Afrikanern ansehen können; Masser Bob, Sam und all die anderen lavieren stets an der Grenze zum Tier, wobei sich der Ich-Erzähler zumeist für eine humane Sicht in die Bresche wirft. Auch Winnetou, das Alter Ego des "Edelmenschen", raucht mit Schwarzen die Friedenspfeife - ein Pluspunkt für May.

Aber dennoch kann von Aufklärung keine Rede sein, wie folgende Episode zeigt: "Masser Bob nicht stinken, er sich haben waschen mit Wasser, Seife und Asche". Was hat sich zugetragen? Bob, der treue Freund und Mitarbeiter eines entführten Westernhelden, hat sich an einem Skunk, also einem Stinktier, die Parfümierung geholt, die ihn zur Unperson in "Unter Geiern" macht. Daher muss er sich außerhalb des Lagers der Weißen und der befreundeten Indianer aufhalten und wird mehrfach zum Spott der West-Männer.

Nochmals, der Rassismus tritt hier sozusagen subkutan auf: Zwar betont der Autor, dass auch Schwarze Menschen seien, aber zugleich misst er ihnen Verhaltensweisen und Vorlieben bei, die sie näher dem Tierreich ansiedeln als der Zivilisation. Da hilft es nicht, dass "Masser Bob" treu und todesmutig ist. Er ist in Mays Darstellung nur ein gutherziger Trottel, der von Old Shatterhand großzügig gelobt wird . . .

Gerhard Strejcek, geboren 1963, ist Außerordentlicher Professor am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht an der Universität Wien. Er ist Herausgeber des Buches "Gelebtes Recht. 29 Juristenporträts" (Wien, 2012).