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Ratlose Regierung in Indiens Hexenkessel

Von WZ-Korrespondentin Agnes Tandler

Politik

Tote, Unruhen und Schüsse bei Demos in Kaschmir. | Neu Delhi. Eine Ausgangssperre ist zwar verhängt, doch die Demonstranten im indischen Kaschmir lassen sich nicht abschrecken: Auch am Dienstag warfen sie Steine auf die Sicherheitskräfte, die versuchten, den Protest mit Tränengas aufzulösen. Etliche Menschen wurden verletzt. Am Montag waren mindestens 19 Menschen im idyllischen Himalaya-Tal bei Kundgebungen ums Leben gekommen - die Mehrzahl durch Schüsse von Polizei und Paramilitär.


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Die Demonstranten, die für ein unabhängiges Kaschmir auf die Straße gingen, waren aufgebracht über Berichte des iranischen Fernsehsenders "Press TV", wonach in den USA der Koran, das heilige Buch des Islams, verbrannt werde. Kaschmirs Bevölkerung ist überwiegend muslimisch.

Zwar hatte der evangelikalische Hassprediger im amerikanischen Florida seine umstrittene Koran-Verbrennungsaktion zum Jahrestag des 11. Septembers abgesagt, doch ungeachtet dessen kam es in Pakistan, Indien und Afghanistan zu teils schweren Protesten. Zudem goss das iranische Staats-Fernsehen Öl ins Feuer, als es berichtete, in Amerika sei trotz der Absage an verschiedenen Orten der Koran angezündet worden, doch die westlichen Medien würden sich darüber ausschweigen.

Kaschmir erlebt im Moment eine der schwersten Gewaltwellen, seit dort vor gut 20 Jahren der Aufstand gegen Indien begann. Die jüngsten Proteste begannen im Juni, nachdem ein siebzehnjähriger Student bei einer Kundgebung getötet worden war. Der junge Mann war auf dem Nachhauseweg von der Universität, als ihn ein Tränengas-Geschoss, das aus nächster Nähe abgefeuert wurde, am Kopf traf.

Die Regierung in Neu-Delhi ignorierte wochenlang die Anti-Indien-Demonstrationen in Kaschmir, die sich vor allem gegen das Vorgehen des indischen Militärs richten, das dort als Besatzungsmacht auftritt. Und sie ist weiter ratlos. Denn ein Ende des Aufstandes ist nicht in Sicht. Die Stimmung ist so explosiv, dass liberale Kommentatoren bereits fragen, ob Indien sich nicht besser von Kaschmir trennen soll. Laut der Umfrage einer indischen Zeitung will ein Großteil der Kaschmiris weder zu Indien noch zu Pakistan gehören, sondern einen unabhängigen Staat bilden.

Kaschmir ist seit sechs Jahrzehnten ein Zankapfel zwischen Indien und Pakistan. Bereits zwei Kriege haben die beiden Atommächte um das Gebiet geführt. Der nordöstliche Teil Kaschmirs wird von Pakistan, der mittlere und südliche Teil von Indien kontrolliert.