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Rebellen überfallen Kaukasus-Stadt

Von Christian Lowe

Politik

Putin: Aufständische "sollten ausgelöscht werden". | Moskau. (reuters) Bei einem Überfall tschetschenischer Moslem-Rebellen auf eine Stadt in Süd-Russland sind am Donnerstag midestens 60 Menschen ums Leben gekommen.


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Bis zu 200 schwer bewaffnete Kämpfer stürmten am Morgen in einer koordinierten Aktion Polizei- und Militärgebäude in Naltschik - der Hauptstadt der Kaukasus-Republik Kabardino-Balkarien. Sie lieferten sich heftige Straßenkämpfe mit Sicherheitskräften und zündeten Polizeistationen an. Vorübergehend nahmen die Rebellen auch Polizisten als Geiseln. Bis zum Nachmittag hielten die Kämpfe an. Die Bilder weckten Erinnerungen an das Geiseldrama von Beslan im September 2004, bei dem Hunderte Kinder starben. Dieses Mal schaltete sich Russlands Präsident Wladimir Putin umgehend ein und befahl den russischen Sicherheitskräften, die Kämpfer "auszulöschen".

Der stellvertretende russische Innenminister Alexander Tschekalin sprach im Fernsehen von 50 getöteten Kämpfern und bis zu zwölf toten Polizisten. Laut Angaben örtlicher Behörden starben zudem mindestens zwölf Bewohner der 280.000-Einwohner-Stadt in der Krisenregion Kaukasus. In Naltschik wurden zusätzliche Sicherheitskräfte und Scharfschützen zusammengezogen. Tschetschenische Rebellen, die sich Streitkräfte der kaukasischen Front nennen, bekannten sich auf einer Internet-Seite zu dem Angriff. Naltschik liegt nahe des Krisenherds Tschetschenien, wo Rebellen seit Jahrzehnten für die Unabhängigkeit von Russland kämpfen.

Kinder wurden in Sicherheit gebracht

Die Aufständischen drangen früh am Morgen in die Stadt ein. "Ich bin gerade aufgewacht, als es eine Explosion gab", sagte ein Bewohner. "Die Gebäude im Zentrum brannten. Ich habe Granaten und schwere Maschinengewehre gehört." Ein Vertreter der Polizei sagte Itar-Tass: "Das waren genau geplante und koordinierte Angriffe der Banditen." Die Rebellen hätten auch versucht, den Flughafen zu besetzen, seien aber von Polizisten zurückgedrängt worden. Weite Teile der Stadt seien abgesperrt. Aus einer Schule im Zentrum wurden Kinder in Sicherheit gebracht.

Regierungsangaben zufolge war die Stadt am Nachmittag trotz vereinzelter Kämpfe insgesamt unter Kontrolle der Sicherheitskräfte. Die Rebellen seien in Naltschik verstreut und könnten ihren Angriff nicht mehr weiter koordinieren, sagte ein Kreml-Vertreter. Putin selbst demonstrierte Entschlossenheit: "Der Präsident hat den Befehl erteilt, dass nicht ein Aufständischer die Stadt verlassen darf", sagte Tschekalin nach einem Treffen mit Putin. "Diejenigen, die bewaffnet sind und Widerstand leisten, sollten ausgelöscht werden." Putin hatte bei seiner Wahl 2000 ein hartes Durchgreifen gegen alle Unabhängigkeits-Bestrebungen im Kaukasus angekündigt. Nach dem Drama von Beslan war ihm vorgeworfen worden, sich zu spät eingeschaltet zu haben.

Erster großer Angriff unter neuem Anführer

Kabardino-Balkarien ist moslemisch geprägt und liegt westlich von Tschetschenien. In der Mitteilung im Internet hieß es, die tschetschenischen Rebellen hätten die Angriffe gemeinsam mit lokalen Moslem-Extremisten gestartet. Dies war die erste große Aktion der Rebellen seit Abdul-Khalid Sadulajew im März die Führung der Separatisten übernommen hat. Er versucht eine breite, so genannte kaukasische Front gegen Russland aufzubauen, und hat koordinierte Angriffe in anderen moslemischen Regionen angekündigt. Die Ereignisse von Naltschik erinnerten an die Besetzung eines Polizeigebäudes in Nasran in der Republik Inguschetien im Juni 2004. Damals wurden rund 60 Menschen - zumeist Polizisten - getötet.

Stichwort: Kabardino-Balkarien

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