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Reform in kleinen Portionen

Von Veronika Gasser

Wirtschaft

Zum ersten Mal seit seinem Antritt als Generaldirektor hat Rüdiger vorm Walde - wenn auch nur in groben Zügen - gestern seine strategische Ausrichtung für die ÖBB bekannt gegeben. Dabei begründete er auch, warum die gesellschaftliche Trennung von Absatz und Infrastruktur für ihn in Zeiten des Wettbewerbs nicht in Frage kommt: Sie würde das integrierte Unternehmen pro Jahr nämlich 150 Mill. Euro kosten. Ein schwerer Schlag für die ÖBB, die sich neuer Konkurrenz stellen müssen. Der General zeigt sich zuversichtlich, dass die Politik in dieser Situation "nicht stören und belasten" will.


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Vorm Walde kündigte in einem Vortrag vor der Gesellschaft für Verkehrspolitik eine Bahnreform an. Allzu gewaltig wird sie allerdings nicht ausfallen. Kritik erntet sein Vorgänger Helmut Draxler, der das Unternehmen auf Substanz gefahren und stille Reserven abgeschöpft hat. 363 Mill. Euro (5 Mrd. Schilling) Schulden konnten dadurch zwar abgebaut werden, doch das rollende Material, vor allem die Waggons, wurden vernachlässigt. "1996 wurden zum letzten Mal welche angeschafft."

An der äußeren und inneren Erscheinungsform der Fahrzeuge findet der ÖBB-Chef keinen Gefallen. Die Lackierung der Waggons erinnert ihn an einen Fleckerlteppich, "den Hundertwasser anders gestaltet hätte". Da dürfe es einen nicht wundern, wenn die Bahn ein Arme-Leute-Image habe und die Kunden ausblieben.

Deshalb werden jetzt in der Simmeringer Werkstätte der Technischen Services 700 Fernverkehrswagen "umgemodelt". Die erste Klasse soll für Geschäftsreisende adaptiert und mit Internetzugang ausgestattet werden. Dabei sollen anstatt der bisher üblichen 6 nur 4 Sitzplätze pro Abteil den Komfort erhöhen. Eine Investition, die sich dann im Preis der Tickets niederschlagen wird. Zur Verbesserung des Komforts und des Images stehen rund 218 Mill. Euro (3 Mrd. Schilling) zur Verfügung. Auch sollen die Waggons technisch überholt und für 200 km/h Geschwindigkeit fit gemacht werden. Dieser Vorschlag ist jedoch auch innerhalb der ÖBB nicht unumstritten, denn die meisten Wagen seien ohnehin 160km/h-tauglich. Der Geschwindigkeitssprung wäre ein äußerst teures Unterfangen, denn damit seien zehnmal mehr Kosten und ein enormer Wartungsaufwand verbunden.

Worüber vorm Walde lieber schweigt: Das neue Design

Wovon der Generaldirektor bei seinem Vortrag nicht berichtete, ist, dass er gleichzeitig mit den Verbesserungsmaßnahmen ein Re-Design an den alten Waggons vornehmen lässt. Schon im Dezember 2001 holte sich vorm Walde kalte Füße, als er den Auftrag für einen neuen ÖBB-Auftritt an den Hannoveraner Herbert Lindinger "freihändig" vergeben wollte. Der Aufsichtsrat drehte die Sache kurzerhand ab. Vorm Walde verkündete daraufhin, das neue Design und Logo seien keine Themen mehr.

Dem ist anscheinend nicht so, denn im nächsten Aufsichtsrat steht das "Design" wieder auf der Tagesordnung, und verstimmte Aufsichtsräte verlangen jetzt eine Erklärung: Es ist durchgesickert, dass die "Umfärbel-Aktion" in kleinen Portionen und auf verschiedene Geschäftsbereiche aufgeteilt, über die Bühne gehen soll. Das Design wäre damit im 3-Mrd.-Schilling-Paket enthalten. Auf diesem Weg - hofft der Vorstand vermutlich - könnte eine Zustimmung des Aufsichtsrates umgangen werden. In der Hauptwerkstätte Simmering sind einige Wagen schon mit den neuen dunkelroten Dächern zu besichtigen. Die ersten Fahrzeuge gehen im Mai oder Juni in Betrieb.

Beim Personenverkehr, wo der ÖBB-Anteil um 2%-Punkte gesunken ist, will vorm Walde unter anderem auch durch den Kauf des Post-Busses zulegen. Im Güterverkehr will er durch Kooperationen mit Spediteuren und Frächtern den Marktanteil steigern. Bei Güterterminals kann er sich sogar Betreibergemeinschaften mit den Konkurrenten vorstellen. "Das brächte wirtschaftliche Vorteile". Auch sollen im Güterverkehr die Produktpaletten neu gegliedert werden: Holz, Papier, Stückgut (derzeit noch nicht rentabel) sowie spezielle Angebote, die sich an den Wünschen der Industrie orientieren. Transporte, die sich nicht rechnen, müssen neu verhandelt werden.

Der Güterverkehr ist aus einem Grund die "Cash-Cow" des Unternehmens: Ab 1994 konnten der Verschub und dessen Kosten der Infrastruktur zugerechnet werden. Der Generaldirektor bestätigt, dass ohne diesen Bilanzvorteil der Güterverkehr leicht im roten Bereich liegen würde und der Personenverkehr ein saftiges Minus verbuchen müsste.