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Hundstorfer: Sinkende Mitgliederzahlen waren erste Alarmzeichen. | "Müssen annehmen, dass alles verspekuliert wurde." | Kein Verständnis für die Klage von Verzetnitsch. | "Wiener Zeitung": Herr Präsident, in einem Schulbuch für politische Bildung von 2002 wird der ÖGB als wesentlicher Akteur im Politikprozess dargestellt. Was wird dort wohl in einer Neuauflage über den ÖGB stehen?
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Rudolf Hundstorfer: Wir stecken natürlich in einer schweren Krise. Ich glaube aber, dass ist bewältigbar - und das sage ich nicht nur aus reinem Zweckoptimismus. Der ÖGB wird auch in Zukunft ein nicht wegzudenkender Faktor Österreichs sein. Dazu müssen wir allerdings unsere Hausaufgaben erledigen: Vertrauen zurückgewinnen, Antworten auf die Veränderungen in der Arbeitswelt finden und unsere wirtschaftlichen Probleme lösen.
Die Affäre kam nur dank der Hartnäckigkeit einiger US-Ermittler ans Tageslicht. In Österreich wähnte man den ÖGB dank Schwarz-Blau politisch konsolidiert. Hat Sie nicht manchmal eine Ahnung befallen, dass doch nicht alles Gold sein könnte, was glänzt?
Von allem, was rund um die Bawag passiert ist, hatte ich keine Ahnung. Dass wir Reformbedarf haben, war dagegen schon lange bekannt. Sonst würde es nicht schon länger die Projektgruppe 07 geben, die den Auftrag hat, die betriebswirtschaftliche Organisation neu zu strukturieren.
War es nicht ein Alarmsignal, dass eigentlich nur Arbeitnehmer aus dem geschützten Bereich den Streikaufrufen gefolgt sind?
Ja, sicher. Das größte Alarmzeichen für uns war, dass wir kein Mitgliederwachstum mehr hatten, dass wir bei Kleinbetrieben, die die österreichische Wirtschaft dominieren, keine Mitglieder rekrutieren konnten. Deshalb haben wir ja im Vorjahr die Betriebsräte-Kampagne gestartet. All das war dem ÖGB schon längere Zeit bewusst, aber anscheinend war die Gesamtkrise noch nicht groß genug, um hier wirklich zu agieren.
Haben Sie jetzt bei der Bawag-Aufsichtsratssitzung am 8. September 2005 unterschrieben oder nicht?
Ich habe lediglich eine Anwesenheitsliste unterschrieben, im ganzen Akt werden Sie meine Unterschrift dagegen nirgendwo finden. Meine Aufgabe als Bevollmächtigter dort war es, allen sechs Tagesordnungspunkten so, wie sie ohnehin bereits beschlossen waren, zuzustimmen. Das habe ich gemacht. Die große Frage ist, wieso man überhaupt den Vizepräsidenten geschickt hat - ich bin durch einen Zufall des Lebens dort hingelangt, weil eine andere Vizepräsidentin keine Zeit hatte.
Sechs Arbeitsgruppen beginnen zu arbeiten. Gibt es schon Ergebnisse der Finanz-Arbeitsgruppe?
Das Ergebnis ist grundsätzlich bekannt. Wir müssen in den nächsten eineinhalb bis zwei Jahren 70 Millionen Euro einsparen.
Haben Sie schon Beteiligungen abgestoßen?
Wir sind dabei. Der zukünftige ÖGB wird um einiges schlanker sein. Vom Buchversandhandel werden wir uns trennen, um ein Beispiel zu nennen.
Wer soll noch folgen, etwa das Meinungsforschungsinstitut Ifes?
Es ist alles im Fluss.
Haben Sie eigentlich jetzt, nachdem die Emotionen abgeklungen sind, Verständnis für das Verhalten von SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer in den letzten Monaten?
Der Parteivorsitzende ist der Spitzenkandidat und er wird unterstützt. Das Verhältnis ist korrekt. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.
Wie will der ÖGB künftig dafür sorgen, seine Interessen politisch zu sichern, wenn seine Spitzen nicht mehr im Parlament vertreten sind?
Der ÖGB als überparteiliche Organisation wird auch in Zukunft Zugang zum Parlament haben. Wir werden das über diverse Parteien spielen. Wir sind eine starke gesellschaftspolitische Kraft, die man nicht einfach wegdiskutieren kann.
Sie selbst sind Vorsitzender der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten. Ist das eine ideale persönliche Biografie für den Präsidenten des ÖGB?
Was ist schon eine "ideale persönliche Biografie". Fakt ist, dass man als Präsident wissen muss, wie die gesamte Arbeitswelt aussieht, die sich permanent verändert. Mein Vorgänger Fritz Verzetnitsch war auch nicht lange in der Arbeitswelt tätig.
Für schwierige Sanierungsaufgaben holt man sich in der Wirtschaft oft einen Profi, der nach getaner Arbeit wieder geht. Das gibt ihm größere Handlungsfreiheit bei schmerzhaften Entscheidungen. Sie wollen beim Bundeskongress im Jänner wieder als ÖGB-Präsident kandidieren. Macht dies Ihre Aufgabe nicht noch schwerer?
Dass ich gesagt habe, ich will wieder antreten, hindert mich nicht in meiner Arbeit. Jetzt geht es darum aufzuräumen, die Reform vorzubereiten. Was im Jänner passiert, ist eine zweite Sache.
Können Sie den Verlust an Mitgliedern der letzten Monate beziffern?
10.000 bis 15.000 Mitgliedern werden es schon gewesen sein. Wir haben aber auch positive Signale. In Vorarlberg, Salzburg und Burgenland haben wir etwa mehr Beitritte als Austritte. Es schaut also nicht so dramatisch aus.
In der Bawag-ÖGB-Affäre rätselt man immer noch: Einfach schlecht gewirtschaftet oder persönliche Bereicherung einzelner?
Der Eindruck, dass da oder dort noch Geld liegt, ist nicht von der Hand zu weisen, nur nachvollziehen kann man das derzeit nicht. Aber ich vertraue der österreichischen Gerichtsbarkeit. Aus heutiger Sicht müssen wir annehmen, dass durch kriminelle Handlungen alles verspekuliert wurde. Persönlich glaube ich nicht, dass Verzetnitsch und Ex-ÖGB-Finanzchef Günter Weninger persönlich Geld abgezweigt haben.
Verzetnitsch klagt den ÖGB wegen seiner Kündigung. Als Arbeitnehmervertreter haben Sie dafür sicher Verständnis, auch als ÖGB-Präsident?
Ich kann es nicht nachvollziehen. Der Gesamtschaden, der hier verursacht wurde, hätte mich von einer Klage Abstand nehmen lassen.
Der Preis hat beim Verkauf der Bawag Priorität?
Sicher, der Preis ist ein wesentlicher Punkt, aber auch die Seriosität des Käufers. 50 Interessenten gibt es. Ich bin sehr optimistisch.
Der mühsame Weg zur ÖGB-Reform
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