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Ratgeber-Literatur boomt. Auch der heimische Innenpolitik-Journalismus ist längst auf diesen Trend aufgesprungen. Die Zeiten sind ja auch günstig.
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Der derzeit heißeste Tipp in der Journalistenszene lautet auf morgen, Donnerstag. Werner Faymann und Michael Spindelegger könnten dann, sofern den Auguren zu trauen ist, einen großen Schritt für sich verkünden, der - aus gesicherter Entfernung betrachtet - zu einem ziemlich kleinen Trippelschritt für das größere Ganze zusammenschmilzt: die Einigung auf "five more years" große Koalition. Stimmungstechnisch gab schon am Montagabend Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl den Ton vor - Stichwort "kompletter Topfen". Sinnigerweise tat er dies anlässlich eines Weihnachtsempfangs für die versammelten Medienvertreter. Als ob das Gros der schreibenden und sendenden Zunft noch irgendwelchen Zweifel hätte, wie das Kommende zu werten sein werde.
Dabei tut sich im Verhältnis Medien und Politik eine bemerkenswerte Schere auf: Je wütender die Journalisten auf eine grundlegende Veränderung der bestehenden Verhältnisse drängen, desto beharrlicher halten die Regierungen am Vorgefundenen fest. Die durchschnittliche Innenpolitikberichterstattung liest sich nicht zuletzt aus diesem Grund wie ein Handbuch für "Neues Regieren leicht gemacht", die nicht mit gutem Rat spart.
Der hiesige Journalismus springt mit dieser Entwicklung auf einen durchaus populären Trend aus seichteren Gefilden auf: In den Regalen der Buchhändler boomt schließlich seit Jahrzehnten die sogenannte Ratgeber-Literatur für alle möglichen und unmöglichen Lebenslagen. Und so liest sich seit einiger Zeit jetzt eben auch die innenpolitische Berichterstattung: Nur unwesentlich origineller verpackt, könnten die Titel auch lauten "In zehn Schritten zum Reformkanzler", "Was würde Bruno Kreisky tun?" oder "Wie rechne ich ein Budgetloch schön"; beliebt ist natürlich auch der bürgerliche Evergreen "ÖVP - von der grauen Maus zur Superpartei" oder, von links betrachtet, "So ticken die Jungen - ein Kompass für Sozialdemokraten".
Ehrlich gesagt, muss an dieser Stelle hinzugefügt werden, sind nicht alle guten Ratschläge gänzlich frei von so manchem perfiden Hintergedanken. Die eindringlichsten Aufrufe zur Umkehr an die Adresse einer Partei stammen schließlich nicht selten von erklärten Anhängern einer gegensätzlichen politischen Ausrichtung.
Enttäuschung/Wut/Frust über den Zustand der Politik mögen allesamt subjektiv wie objektiv verständliche Emotionen sein, nur ändert dieser Umstand nichts daran, dass die Selbststilisierung der Medien als ungleich bessere Reformmotoren für dieses Land einigermaßen vermessen ist. In einem Kommentar lässt sich die Realverfassung des Landes mit einigen flotten Wortkaskaden recht einfach über den Haufen werfen. Und nirgendwo lassen sich die Unwägbarkeiten etwa einer Minderheitsregierung einfacher bewerkstelligen, als in der Rolle des unbeteiligten Beobachters. Selbst Hand anlegen zu müssen ist da schon ein ganz anderes Kaliber.
Mitleid mit dem politischen Personal wird aber auch durch diese Bedenken nicht zu einer journalistischen Kategorie.
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