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Regenschirme und gelbe Schleifen

Von Thomas Seifert aus Hong Kong

Politik

Die Demonstranten fordern Demokratie, die Regierung will die Proteste aussitzen.


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Hong Kong. Hong Kong ist eine Stadt, in der die Bankentürme in den Himmel wachsen und sich in Central, dem Banken- und Geschäftsviertel Hong Kongs, eine Luxusboutique an die andere reiht. Auf den Straßen sieht man mehr BMWs als in München, mehr Mercedes-Limousinen als in Stuttgart, mehr Maybachs als in Sindelfingen und mehr Rolly Royce als in Bracknell oder London. Der Containerhafen der Stadt ist einer der wichtigsten Güterumschlagplätze, das Finanzdienstleistungszentrum Hong Kong einer der wichtigsten Börseplätze der Welt. Geld, Geld, Geld. Pomp, Prunk, Luxus.

Die Bürgerinnen und Bürger der Stadt warten in ordentlichen, wie mit dem Lineal ausgerichteten Reihen auf den Bus oder die U-Bahn, die Keywords lauten hier: Ordnung und Respekt. Doch wer geglaubt hat, dass die Stadtbewohner nur am Geschäft, an Hong Kong Dollars, Status, Glanz und Komfort interessiert sind, wer geglaubt hat, dass ziviler Ungehorsam hier undenkbar ist, wird seit nunmehr mehr als einem Monat eines Besseren belehrt.

Denn eine große Zahl von Hong Konger Bürgern begehrt seit 28. September auf und hat genug von den lokalen Tycoons, die mit der kommunistischen Machtelite in Beijing klüngeln, von Immobilienspekulanten vom Festland, die die Wohnungspreise in stratosphärische Höhen treiben und von einem politischen System, das man am treffendsten als Ständestaat bezeichnen könnte und das den meisten Menschen in der Stadt kaum politische Teilhabe ermöglicht.

Nerds als Revoluzzer

Das Symbol der Unzufriedenen ist der Regenschirm und eine gelbe Schleife, ihre Anführer sind junge Studenten, die aussehen, wie in Hong Kong junge Studenten eben aussehen: Wie Nerds, Bücherwürmer und Musterschüler. Mit Regenschirmen wehrten die Demonstranten die Pfefferspray-Attacken der Polizei ab und das ikonische Foto von den Demonstrationen, das Zeitungen weltweit (darunter auch die "Wiener Zeitung") abgedruckt haben, zeigt einen Jungen Demonstranten mit zwei hochgereckten, einigermaßen derangierten Regenschirmen im Tränengas-Nebel. Die Kommentatoren schrieben von einer "Regenschirm-Revolution", die Demonstranten sprechen selbst lieber von der "Regenschirm-Bewegung" oder von ihrer "Occupy Central with Love and Peace"-Aktion.

Die Studentenführer verlangen, dass der Exekutiv-Vorsitzende - diesen trockenen Begriff aus dem Management verwendet man in Hong Kong für die Position, die man wohl am besten als Bürgermeister beschreiben könnte - bei den kommenden Wahlen im Jahr 2017 in einer direkten Volkswahl frei gewählt werden kann. Zum ersten mal in der Geschichte der Stadt dürfen die fünf Millionen Wahlberechtigten ihre Stimme abgeben - denn bisher wurde er gemäß Artikel 45 des Hong Konger Grundgesetzes (Basic Law) von einem aus nur 1200 Mitgliedern bestehenden Wahlkomitee gewählt.

In Peking war man schon 1997, vor der Rückgabe Hong Kongs durch Großbritannien verärgert darüber, dass der damalige Gouverneur Chris Patten noch rasch vor dem Abzug der Briten den Hong Konger Bürgern im Basic Law demokratische Rechte eingeräumt hat. China sah in dem Vorstoß ein einigermaßen verlogenes Präjudiz, denn schließlich hatte die britische Kolonialverwaltung seinen Bürgern während der gesamten Zeit der Kolonialherrschaft bis kurz vor der Rückgabe fundamentalste Selbstbestimmungsrechte verwehrt.

Der chinesische Volkskongress, der von der kommunistischen Partei Chinas kontrollierte Gesetzgeber, hat nun aber das letzte Wort darüber, wie Hong Kong die Wahlmodalitäten ausgestaltet. Und nach einem Beschluss des ständigen Ausschusses des Nationalen Volkskongresses - das ist de-facto das Parlament in Peking - vom 31. August soll es in Hong Kong 2017 zwar allgemeine Wahlen geben, die Kandidatur ist nun aber nur handverlesenen Kandidatinnen und Kandidaten möglich. Es sollten nur Kandidaten zugelassen werden, die "Hong Kong und das Land lieben". Wer Hong Kong und sein Land liebt, sollte demnach wiederum ein Wahlkomitee bestimmen und zwei oder drei Kandidaten vorschlagen, die sich dann der Wahl stellen. Der Sieger dieser Wahl wird dann von der Regierung in Peking als Exekutiv-Vorsitzender eingesetzt. Kritiker des Beschlusses fürchten, dass damit Dissidenten de facto von der Kandidatur ausgeschlossen werden.

Occupy Hong Kong

Diese Entscheidung in Peking hat Ende September zu Protesten in Hong Kong geführt, am 22. September begannen Demonstranten vor dem Regierungshauptquartier zu demonstrieren und besetzten am 26. September einen auf dem Gelände des Regierungsgebäudes gelegenen Platz. Ab 28. September begannen die Studenten dann mit ihrer "Kampagne des zivilen Ungehorsams" und besetzten auch noch wichtige Verkehrs-Arterien. Zuerst in Admiralty, im Herzen des Geschäftsviertels Central auf der Insel Hong Kong, in Sogo, einem bei den jungen Leuten der Stadt beliebten Einkaufsviertel in Causeway Bay etwas weiter östlich von Central und dann am Festland-Ufer in Mong Kok, einem Mittelschicht- und Arbeiterviertel in Kowloon.

Vor allem in Mong Kok mischten sich lokale Probleme mit den Anliegen der Studenten nach mehr Demokratie: Die Mieten sind hier - wie überall in Hong Kong - unverschämt hoch und Nathan Road, die besetzte Durchzugsstraße hat zwar reichen Touristen aus Festlandchina allerhand zu bieten - Banken, Gold- und Schmuckhändler und Luxusboutiquen - doch wenig, was die an der Straße wohnenden Menschen sich leisten könnten. Dass die Nathan Road teilweise besetzt und somit für den Verkehr gesperrt ist, stört viele der Anwohner wenig: Ein Auto zu besitzen, ist für die meisten hier ein unbezahlbarer, unerreichbarer Traum, denn für einen Parkplatz bezahlt man in Hong Kong oft mehr als für ein schönes Zimmer in einer zentrumsnahen Wohngemeinschaft in Wien. In Mong Kok kam es immer wieder zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei und es gab auch Übergriffe auf die zumeist jungen Straßenbesetzer. Die Demonstranten vermuten bezahlte Provokateure aus den Reihen der Triaden als Täter: Da werden schon einmal Plastiksäcke gefüllt mit Fäkalien und roter Farbe oder Buttersäure aus den Fenstern umliegender Hochhäuser auf das Camp der Demonstranten geworfen, oder junge Demonstranten physisch bedroht. Ein Polizeitrupp hat einen Teil der Nathan Road gesperrt, zerplatzte Plastikbeutel liegen auf der Straße, Polizisten durchkämmen ein Hochhaus. Gibt es Chancen, den oder die Täter zu finden? "Look up and count the floors - sehen Sie hoch und zählen Sie die Stockwerke", meint der übermüdete Polizist nur, "das wird nicht leicht" - und wenn Chinesen sagen, das wird nicht leicht, dann würden Europäer schlicht sagen: "unmöglich". "Es waren schwere Wochen für uns", sagt der Polizist.

Etwas weiter die Straße hinunter betet eine Gruppe von Gläubigen, die mitten auf der Straße eine kleine protestantische Kirche eingerichtet haben. Unweit der Kirche gibt es auch einen kleinen Tempel.

Die Polizei hat in der Vergangenheit versucht, die Straße zu räumen, doch die Demonstranten kamen immer wieder. Vor allem am Abend herrscht hier buntes Treiben: Die jungen Leute nehmen sich "ihre" Straße zurück, wie einer von ihnen sagt.

Das Geschäftsviertel Central ist das Epizentrum der Protestbewegung. Es gibt einen Open-Air-Seminarraum, ausgestattet mit Schreibtischen, Tischlampen und Wireless Internet, wo junge Studenten gemeinsam für ihre nächsten Prüfungen lernen, Versorgungs-Stationen, wo es Trinkwasser und warmes Essen gibt, Behelfs-Lazarette mit freiwilligen Sanitätern und eine ganze Zeltstadt, in der viele Aktivisten die Nächte verbringen.

Steven Poon ist einer der Aktivisten, aber er schläft doch lieber zuhause, sagt er. Die Demonstranten unterstützt er aber, so gut er kann. Der graumelierte Finanz-Fachmann ist etwas über 50, sieht aber nicht aus, wie man sich einen Banker oder Consultant der Finanzdienstleistungsbranche vorstellt: Mit seiner Nato-Jacke und seinem Ziegenbärtchen erinnert er eher en eine chinesische Reinkarnation von Che Guevara. Viele Menschen seien in den vergangenen Wochen "aufgewacht", sagt Poon, "wir wollen Demokratie und zwar echte Demokratie". Doch warum sollte der Hong Konger Exekutiv-Vorsitzende Cy Leung einlenken? Sieht es nicht eher danach aus, dass die Regierung beschlossen hat, die Sache auszusitzen und darauf zu warten, dass der Protestbewegung die Luft ausgeht? "Mag sein. Das wird ein langes Ringen. Aber egal was passiert, nichts wird so sein, wie vor dem Beginn von Occupy Central."

Hong Kongs erwachsene Jugend

Zuletzt wurden Risse in der Occupy-Allianz sichtbar, die Protestbewegung scheint ermüdet: Eine Art Urabstimmung über die Zukunft von "Occupy Central" mussten die Occupy-Aktivisten absagen - nicht nur aus organisatorischen Gründen, sondern auch, weil die Organisatoren uneins über die weitere Vorgangsweise sind. Gleichzeitig sind die Aktivisten der Hong Konger Studentenfödertation nach der jüngsten Umfrage der Universität Hong Kong die beliebteste politische Gruppierung der Stadt.

Eine Gruppe von vier jungen Schülern steht vor dem "Lennon Wall". So heißt eine Wand hier, die- inspiriert von einer Wand in Prag, die dort über und über mit Lennon-Graffiti besprüht ist - völlig mit bunten Post-It-Klebezettelchen beklebt ist. Victor, einer von ihnen schreibt auf Chinesisch sein ganz persönliches "Imagine" hin. Übersetzt liest sich das so ähnlich wie: "Seien wir einig, wir alle wollen doch in Würde und Wahrheit leben". Die vier Jugendlichen sind beste Freunde, zwei junge Burschen, beide 16, zwei Mädchen, eine 16, die andere 17: Sie sprechen properes BBC-Englisch und sind in den vergangenen Wochen zu "Occupy-Central"-Expertinnen und Experten geworden. Mühelos lässt es sich mit Ihnen über Hong Kongs Verfassung, das "Basic Law" parlieren und sie haben eine Meinung zur Strategie der Studentenführer, zur ihrer Meinung nach verfehlten Politik von Exekutiv-Vorsitzendem Cy Leung und den Interessen Pekings. Ob sie schon immer so sehr an Politik interessiert waren: "Null. Überhaupt nicht. Wir waren iPhone-Zombies, wie die meisten unserer Freunde. Spaß haben, chatten, shoppen. Das hat sich geändert, wir sind ziemlich erwachsen geworden in den vergangenen Wochen", meint Victor.

Betty Ho, Direktorin des Wirtschafts- und Handelsbüros Hong Kong in Berlin meint gegenüber der "Wiener Zeitung", in Hong Kong herrsche Business as usual: "Trotz ernsthafter Beeinträchtigungen von Verkehr und Geschäftsleben in den betroffenen Gebieten geht das Leben in Hong Kong in Ruhe und Ordnung weiter." Der Kurs des Hong Kong-Dollars sei stabil und der Tourismus nicht beeinträchtigt. Und wenn die Proteste andauern? "Das würde zu Belastungen führen und der Wirtschaft schaden. Einige Geschäfte in den betroffenen Gegenden leiden unter empfindlichen Umsatzeinbußen und müssen möglicherweise Mitarbeiter entlassen."