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Reglementierte Prachtentfaltung

Von Manuel Chemineau

Wissen

Am 1. September 1715 starb der französische König Ludwig XIV., der im Lauf seiner langen Regierungszeit zum Inbegriff des absoluten Monarchen geworden war.


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Was immer mit Ludwig XIV. assoziiert wird, bekommt das Prädikat "groß" und "überschwänglich". Man nennt ihn "Ludwig den Großen" und "Sonnenkönig", die Zeit seiner Herrschaft bezeichnet man als "Grand siècle". Als Voltaire seine großartige Geschichte der französischen Klassik schreibt, nennt er dieses Werk "Das Jahrhundert Ludwigs XIV." und leitet damit dessen Legende ein. Im politischen Bereich gilt Ludwig XIV. als Erfinder der absoluten Monarchie und des modernen Staates.

Traumatische Kindheit

Die Kindheit Ludwigs XIV. wird geprägt von dem traumatischen Erlebnis der Fronde, jener Zeit der Erhebung der Parlamente und des Hochadels gegen die königliche Macht und der Bürgerkriege in Frankreich.

Die Erinnerungen an diese Zeit - er muss sich mit seiner Mutter verstecken und fliehen, ständig die Residenz wechseln - werden bei ihm die Obsession der Zähmung des Adels durch die Hofgesellschaft während seiner Herrschaft mitprägen.

Die ersten Jahre seines Königtums, als er noch Kind und Jugendlicher ist (die Regentenzeit seiner Mutter Anna von Österreich) verlaufen nach dem Muster, welches auch die Zeit seines eher glanzlosen Vaters geprägt hat: Wie damals der Kardinal Richelieu ("l’homme rouge") die Geschäfte führt, tritt hier der Kardinal Mazarin an die Seite der Regentin. 1661, als Ludwig XIV. mit 22 die Zügel der Macht an sich reißt, beginnt damit die Geschichte des allein regierenden absolutistischen Sonnenkönigs. Die Herrschaft des Monarchen, der ein Lebensalter von 77 Jahren erreichen wird, dauert, je nachdem wie man sie berechnet: ab dem Tod seines Vaters 72 Jahre, oder, nach der Regentenzeit seiner Mutter und ihres Ministers Mazarin, 54 Jahre. Er ist damit einer der am längsten herrschenden Machthaber aller Zeiten.

Den berühmten Satz "L’état, c’est moi" (Der Staat bin ich), der die Legende des Absolutismus einleitet, hat er wahrscheinlich nie ausgesprochen. Gern wird heute die absolute Monarchie mit einer Diktatur verglichen, und tatsächlich herrscht der König ohne Kontrolle. Dennoch ist seine Macht nicht ohne Grenzen. Sein Handeln darf etwa weder den Gesetzen der Religion (Gottes) noch den "natürlichen" Gesetzen wie Justiz, Gerechtigkeit oder dem Streben nach Frieden widersprechen. Der König ist Quelle aller Legitimität, seine Person vereint alle Machtbereiche (Exekutive, Judikative, Legislative). Sein Wille ist großteils auch Gesetz und die Liste seiner persönlichen Rechte scheint schier unendlich.

Grenzen der Macht

Dennoch kann man das Wesen dieser königlichen Macht so umschreiben, wie es der Kanzler Aguesseau ungefähr ein Jahrhundert später formulieren wird: "Ludwig XIV. war ein König, dem alles möglich war, doch nicht alles erlaubt." Denn er regiert nicht allein, sondern stützt seine Regierung auf den königlichen Rat, eine kleine Zahl ausgewählter Minister und Räte. Wenn auch die endgültige Entscheidung bei ihm liegt, hat sich gezeigt, dass er weitgehend den mehrheitlichen Stimmen folgt.

König zu sein ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Fulltime-Job. In der Tat gehört keine einzige Sekunde seines Tages der Intimität. Selbst das Aufstehen in der Früh erfolgt nicht ohne Zeugen, und bis in die Nachtstunden ist der König nie allein. Die Person des Königs gehört sich nicht selbst, sondern einer durchorganisierten Tagesmaschinerie. Der Tagesablauf ist bis in die letzte Minute Teil eines Uhrwerks, in dem König, Kurtisanen, Staatsgeschäfte etc. wie Zahnräder ineinander greifen. Alleinsein bedeutet für den König: in Anwesenheit seiner Dienstboten und vielleicht seiner Mätresse zu sein.

Selbst sein Körper scheint ihm nicht wirklich zu gehören. Die Krankheiten des Königs sind öffentliche Ereignisse. So weiß man etwa, dass Ludwig XIV. an Hämorrhoiden litt. 1685, als er sich nach erfolglosen milden Behandlungen operieren lässt, ist dies keineswegs ein Geheimnis - im Gegenteil. Man spricht über die königliche Krankheit und die Operation, was daraufhin auch andere Menschen mit denselben Problemen zu einer Operation veranlasst. Die Chronisten der Zeit schildern zudem detailreich die Verdauung des Königs, seinen Stuhl, wie auch seine Gicht (eine typische Zivilisationskrankheit, die die Wohlhabenden auszeichnet). Letztere prägt auch seinen Alltag, manchmal muss er Besucher im Rollstuhl empfangen. Kurz, der königliche Körper ist ein offenes Buch, wie auch seine Tage in aller Öffentlichkeit ablaufen.

Königliche Routine

Um acht Uhr findet das sogenannte "kleine Lever" statt (franz. "se lever": aufstehen): Er wird von seinem ersten Lakaien, der am Fuß seines Bettes übernachtet hat, geweckt. Sogleich kommen die Ärzte, um ihn zu untersuchen - es befinden sich bereits sechs bis zehn Personen in seinem Gemach. Um acht Uhr fünfzehn empfängt er Fürsten, Mitglieder der königlichen Familie und andere Adelige, die dieses Privileg genießen. Ihm wird ein Zimmerrock übergezogen und er wird rasiert (alle zwei Tage) und frisiert (täglich). Es folgt das "große Lever" um halb neun. Nun empfängt der König weitere Personen und beginnt die Tagesgeschäfte. Er setzt sich auf seine "Chaise d’affaire" (die Toilette), wird währenddessen weiterfrisiert und empfängt während dieser "intimen" Tätigkeit besonders privilegierte Besucher. Diese Ehre, bei den verschiedenen Ritualen anwesend sein zu dürfen (aber auch zu müssen), ist Teil der symbolischen Kontrollmaschinerie seiner Umgebung.

Bis neun Uhr folgen weitere Empfänge, gereiht nach Privilegien, während er angekleidet wird. Um die 50 Personen füllen da schon das Gemach. Während des Frühstücks zieht der Uhrmacher die königliche Uhr auf, und danach findet ein Gebet statt. Um halb zehn beginnt der tatsächliche Arbeitstag. Dieser wird strukturiert durch immer wiederkehrende Tätigkeiten, wie z. B. die Messe um zehn Uhr, den königlichen Rat um elf (auch sonntags), das Mittagessen um ein Uhr (bei dem nur sein Bruder mit ihm sitzen darf - alle anderen müssen stehen).

Am frühen Nachmittag wird ein Spaziergang eingelegt, dann und wann wird am Vormittag gejagt, sonst aber wird bis zum Abend gearbeitet. Um sieben Uhr abends dann etwas Entspannung (Kartenspiel, Billard, Tanz), gefolgt vom "Grand couvert" (Abendessen) um zehn mit den Mitgliedern der königlichen Familie. Um elf Uhr endet der königliche Tag mit einem Prozedere, das wie das morgendliche abläuft, nur in umgekehrter Reihenfolge, und auch etwas schneller, wieder mit Empfang von Besuchern. "Anhand von Kalender und Uhr konnte man immer wissen, was er gerade machte", stellte Saint-Simon fest.

Eng mit der Herrschaft Ludwigs XIV. verbunden ist der Hof von Versailles. So eng, dass Paris daneben vernachlässigbar erscheint. Die Zeit, die er in der Hauptstadt verbringt - geprägt durch die Fronde mit ihren Bedrohungen und bürgerkriegsähnlichen Zuständen, bleibt ihm in schlechter Erinnerung. Die königlichen Residenzen dort (das Palais Royal oder der ständig in Umbau befindliche Louvre) erscheinen ihm als unsicher und behalten einen negativen Beigeschmack.

Die zahlreichen Prunkbauten und königlichen Residenzen, wie St. Germain, Fontainebleau, Compiègne, Marly, die der König bauen oder umbauen ließ, zeugen von seinem regen Interesse für architektonische Denkmäler. Gewiss ist Versailles der Höhepunkt dieser Leidenschaft. Als Ludwig XIV. sich dort niederlässt, verlässt der Machtapparat die Hauptstadt Paris mit seiner Volksnähe, was natürlich auch mit einer Distanzierung des Staatsapparats von der Bevölkerung einher geht.

Versailles hat den Umfang einer Kleinstadt. Hier ist die königliche Residenz, der Sitz der Regierung und der Minister, hier bewegen sich täglich eine Armee aus Dienstboten, Gärtnern und Handwerkern sowie Tausende von Vertretern des Hochadels, die zu Kurtisanen werden, und die der König durch ein ausgeklügeltes System des Repräsentationszwangs um sich versammelt. Man sagt, Ludwig XIV. hätte den Adel Frankreichs in einen goldenen Käfig gesperrt, und dessen Mitglieder ins Korsett der Protokolle und Repräsentationstyrannei gezwängt. La Fontaine hat diesen Tatbestand in einer seiner Fabeln ("Der Wolf und der Hund") brillant dargestellt: Der hungrige, aber vogelfreie Wolf wird mit dem von den Resten gut ernährten Hund, dessen Halsband die Unfreiheit symbolisiert, verglichen. Und tatsächlich: Wer in Versailles regelmäßig erscheint und seinen Hof mit Fleiß macht, wird reichlich belohnt. Da das Geld nicht ausreicht, wird ein System der symbolischen Belohnung etabliert: Ein hierarchisches Gefüge von Privilegien schürt unter den Kurtisanen Neid, Eifersucht und Konkurrenzdenken - immer bezogen auf die eigene Position in der Gunst des Königs. Repräsentation der eigenen Person und die damit einhergehende Kontrolle werden so zur Hauptbeschäftigung.

Der goldene Käfig

Natürlich ist Versailles kein Gefängnis, doch sich davon zu entfernen, bedeutet, das Missfallen des Königs zu ernten und aus dessen Gunst zu fallen. Dies betrifft jedoch nur einen Teil des Adels, den sogenannte Hochadel, der reich und machtvoll ist und der für den König daher auch gefährlich sein könnte. Der Satz "Fast hätte ich warten müssen", mit dem der lakonische und wortkarge Monarch Leute, die pünktlich eintreffen, empfängt, verdeutlicht die Dringlichkeit dieses symbolischen Kerkers.

Doch dieser goldene Käfig ist kein trauriger Ort, sondern Zentrum der Künste, des sozialen Austauschs und prunkvoller Feste. Versailles allein zeugt von dem Willen, so etwas wie ein Gesamtkunstwerk zu schaffen: architektonischer Diskurs, mythologisches Narrativ und sexuelle Freizügigkeit. Rückzugsmöglichkeiten bieten die sorgfältig geplanten Gartenanlagen, die eine Promenade zu einer mythologischen Reise im Sinne einer Selbstperformance verwandeln. Die Anweisungen dazu liefert ein von Ludwig XIV. persönlich verfasster Gartenreiseführer. Die hydraulischen Anlagen für die Wasserspiele und die Bewässerung sind für die damalige Zeit eine technische Meisterleistung und heute noch funktionstauglich. Diesen imponierenden Wasserspielen stehen die Feuerspiele (Feuerwerke) zur Seite und mit Hilfe von Musik werden alle Sinne zu einem Gesamterlebnis gefordert.

Blütezeit der Künste

Auch die Literatur erlebt eine Blütezeit in der französischen Klassik, mit Molière, Racine (des Königs Biograph), La Fontaine oder Cyrano de Bergerac. Philosophen legen den Grundstein für den kritischen Geist. Mit Madame de Lafayettes "La Princesse de Clève" erreicht die französische Liebesliteratur einen Höhepunkt und mit Madame de Sévigné die Kunst des Briefeschreibens. In die Zeit fällt auch die "Querelle des Anciens et des Modernes", in der sich die Modernität der zeitgenössischen Künste ihre Legitimität erkämpft. Die Klänge, die dazu erschallen, sei es in der Kirche, im Theater oder in den Parkanlagen, stammen von Lully oder Charpentier.

Die Herrschaft Ludwigs XIV. ist sehr kostspielig, vor allem aufgrund der Kriege, der Prunkbauten, der Staatsausgaben und diverser Maßnahmen zur Wirtschaftsbelebung, von der auch zahlreiche Handwerker, Künstler, Architekten etc. profitieren. Versailles alleine hätte insgesamt um die 80 Millionen Livres (Pfund) verschlungen. Eine große Summe, auch wenn die Umrechnung in heutige Geldverhältnisse unmöglich ist. Doch ist Versailles bis heute ein gutes Geschäft für Frankreich: Millionen Besucher der Parkanlagen spülen Jahr für Jahr Geld in die Staatskassa.

Damals wie heute sind die Schulden des Staates ein System, das die Gläubiger bereichert. Ein Netz von Financiers außerhalb eines Bankensystems wirft Geld in den Rachen des geldhungrigen Staates und sahnt dabei selbst kräftig ab durch Zinsen oder Investitionen mit Steuergeldern. Denn auch das Steuereintreiben für den König ist ein sehr lukratives Geschäft.

Während das gemeine Volk darunter leidet (die große Mehrheit ist in der Landwirtschaft tätig), ist diese Zeit eine Goldgrube für die Kirche mit ihren immensen Besitztümern und Reichtümern wie für den reichen Hochadel; beide sind im Unterschied zum Rest der Bevölkerung weitgehend von der Steuer befreit und halten große Teile des französischen Reichtums in ihren Händen.

Unter dem reichen und allmächtigen Minister Colbert werden (vor allem die zentralisierten) Manufakturen gefördert als Vorstufe einer Industrialisierung, durch Kredite, Konzentration, Neugründungen etc. Wenn der kapitalistische Unternehmensgeist zu schwach ist, gründet Colbert sogar staatliche Einrichtungen, womit auch die immer größer werdenden Bedürfnisse von Heer (Marine) und Hof gedeckt werden. Die Etablierung von Handelskompanien, die sich Monopolrechte zu verschaffen versuchen, fügt sich in den Rahmen einer weltweiten Kolonialpolitik, die unterstützt wird von Frankreichs wachsender Seemacht.

Öffentliches Sterben

Wer beinahe ein Jahrhundert regiert, mag für die Zeitgenossen unsterblich wirken, doch muss auch ein langes Herrschaftsleben zu Ende gehen. Es wird berichtet, dass der König auch in seinem Tod "groß" war. Anfang des 18. Jahrhunderts stirbt man nicht unvorbereitet. Man regelt seinen Nachlass, empfängt noch Freunde und Verwandte, gibt seine letzten Empfehlungen und Ratschläge und kommt mit Gott ins Reine. Und, so wie man öffentlich gelebt hat, stirbt man auch öffentlich.

Im Sommer 1715 gibt sich der König für sein Alter robust, vital und gesund. Er hat seit Jahren die Behandlungen seines unqualifizierten Arztes Fagon überstanden, der ihm unzählige Einläufe (bis zum blutigen Stuhl) verordnet hat. Am Ende sind sein größter Feind nicht die Krankheiten, sondern die Ärzte: Er wird an der Inkompetenz dieser wie aus einem Stück Molières entsprungener Figuren sterben. Mitte August verspürt er einen Schmerz im linken Bein, der als Ischias diagnostiziert wird. Bis der Patient an Wundbrand stirbt, werden die Ärzte von dieser Diagnose nicht abrücken. Obwohl sich sein Zustand sukzessive verschlechtert bis sein Bein schwarz ist, arbeitet der König dennoch intensiv bis in die letzten Tage hinein.

Wenn es auch etwas anachronistisch anmutet, so hat die Herrschaft Ludwigs XIV. sicherlich zur Erfindung des modernen allmächtigen Staats, wie wir ihn kennen, beigetragen. In diesem Sinne hat er mit dem am Ende seines Lebens ausgesprochenen Satz Recht behalten: "Ich gehe, doch der Staat wird ewig währen."

Manuel Chemineau, geboren in Paris, lebt in Wien. Er ist Kulturhistoriker, Literaturwissenschafter und Übersetzer und lehrt an der Universität Wien.