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Reise nach Jerusalem

Von Ina Weber

Politik

Nach wie vor zu wenig Plätze im Kleinkinderbereich - Versorgungsquote bei den 3- bis 6-Jährigen dafür "übererfüllt".


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Wien. Seit fünf Jahren ist der Kindergarten nun schon "gratis" in Wien. Anlässlich des Jubiläums fanden sich Wiens Bürgermeister Michael Häupl und Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch in einem städtischen Kindergarten in der Lustkandlgasse im 9. Bezirk ein. "Und ward ihr auch schon mal auf eurer Terrasse?", fragt Oxonitsch neugierig die im Kreis sitzenden Kleinkinder. "Und ist schon mal jemand hinuntergefallen?", fügt Häupl augenzwinkernd hinzu. Ein Bub antwortet prompt: "Nur manchmal." Das Gespräch wurde mit Gelächter beendet.

Die Bilanz dieses Modells, mit welchem der Kindergartenbeitrag weggefallen ist und nur noch das Essen mit rund 70 Euro im Monat von den Bürgern bezahlt werden muss, ist für die Wiener SPÖ positiv. Wien habe neue Kindergärten errichtet und damit seit dem Jahr 2009 mehr als 16.800 neue Plätze geschaffen. Neu hinzugekommen sind die Bildungscampus-Standorte Monte Laa, Getrude Fröhlich-Sandner, Donaufeld, Sonnwendviertel und die Neubauten Schukowitzgasse und Stadtpark. Das jährliche Budget ist auf 700 Millionen Euro gestiegen. "Das sind rund 250 Millionen Euro mehr als im Jahr 2009", so Oxonitsch und Häupl.

Doch nach wie vor gibt es zu wenige Betreuungsplätze für die unter 3-Jährigen in Wien. Bei den 0- bis 3-Jährigen liegt die Versorgungsquote bei 40 Prozent, bei den 1- bis 3-Jährigen bei 60 Prozent. Wer einen Platz bekommt, gleicht dem Spiel "Reise nach Jerusalem", bei dem immer ein Sessel zu wenig im Kreis steht. Die Versorgungsquote der 3- bis 6-Jährigen liegt hingegen bei 104,9 Prozent. "Das heißt, wir haben in dieser Altersgruppe mehr Plätze als Kinder, wobei das nicht immer bedeutet, dass der Wunschplatz frei ist." In den nächsten Jahren sollen vor allem im Kleinkinderbereich pro Jahr durchschnittlich 3000 Plätze geschaffen werden.

Die Pädagogenanzahl hat sich laut Oxonitsch erhöht. Waren es im Jahr 2009 noch 3752 Pädagogen in Wiens öffentlichen Kindergärten, so sind es im Jahr 2014 rund 4066 Pädagogen. Mit dem Ausbildungs-Kolleg "Change" will man dem Abgang von Kindergärtnern nach ihrem Abschluss entgegenwirken. Ein 15-Jähriger wisse noch nicht genau, ob er tatsächlich Kindergärtner werden will oder nicht, so Oxonitsch. Mit dem Kolleg ab 18 Jahren - seit 2009 haben rund 487 Pädagogen dort den Abschluss gemacht - sei es schon gewisser, dass jemand auch nach der Ausbildung auch tatsächlich als Kindergartenpädagoge arbeitet.

Übersichtliche Anmelde-Plattform "fehlt"

Nicht so rosig sieht das die Wiener ÖVP. "Mit dem Gratiskindergarten wurde vor fünf Jahren erfreulicherweise eine langjährige Forderung der ÖVP Wien umgesetzt. Weniger erfreulich ist jedoch die praktische Umsetzung", so die Bildungssprecherin der ÖVP Wien, Isabella Leeb. Völlig überhastet und in vielen Bereichen leider auch völlig planlos versuche die Stadtregierung nun bereits seit 2009, den starken Zulauf in Griff zu bekommen. Nach wie vor mangele es an Betreuungsplätzen für unter 3-Jährige, an gut ausgebildetem Personal und vor allem an Kontrolle. "Wien wartet zudem bislang vergeblich auf die gemeinsame Anmeldeplattform aller Anbieter", so Leeb. Mehrfachmeldungen verzweifelter Eltern stünden somit auch weiterhin an der Tagesordnung. "Ein sinnvoller Überblick über vorhandene Plätze und tatsächlichen Bedarf ist damit nach wie vor nicht gegeben", so Leeb.

Wie lange man sein Kind im Kindergarten lassen kann, kommt stark darauf an, in welchem Bundesland man lebt. Haben Wien in 96,4 Prozent der Kindergärten mehr als neun Stunden pro Tag offen, so sind es in Vorarlberg nur 24,4 Prozent der Betreuungsstätten, die so lange geöffnet haben, in Niederösterreich 43 Prozent und in Tirol 29. In Wien haben die Kindergärten 3,2 Schließtage im Jahr - in Vorarlberg sind es 55,4, in der Steiermark gar 60,1 Schließtage jährlich.

Insgesamt gibt es in Wien rund 2000 städtische und private Kindergärten - die Stadt betreut 350, der Rest sind private.