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"Religion ist im Zurückkommen"

Von Heiner Boberski

Wissen

Die Wiener Politologin Kristina Stöckl über Säkularisierung und religiöse Traditionalisten in Russland.


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Wien. Kristina Stöckl, die neben Charles Taylor am Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) das Forschungsprojekt "Religion und Säkularismus" leitet, berichtete der "Wiener Zeitung" von ihren aktuellen Forschungsarbeiten.

"Wiener Zeitung":Wie definieren Sie Säkularisierung?Kristina Stöckl: Ich verstehe Säkularisierung als historischen Prozess der Trennung von Religion und weltlicher Sphäre, der drei Dimensionen hat: erstens Trennung der religiösen Institutionen von staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen, also eine Trennung von Macht; zweitens eine Privatisierung von Religion, dass also Religion im öffentlichen Raum weniger sichtbar ist; und drittens Rückgang der Religiosität, dass Menschen weniger Religion ausüben, weniger existenzielle Sicherheit in Religion suchen. Es müssen aber nicht alle drei Dimensionen erfüllt sein, um von einer säkularen Gesellschaft zu sprechen.

Manche Leute meinen, Säkularisierung laufe darauf hinaus, dass Religion bedeutungslos wird. Wird das durch Ihre Forschungen bestätigt?

Die Forschung ist sich einig, dass dies nur auf den sehr begrenzten Raum von Westeuropa zutrifft. Die USA sind schon ein Gegenbeispiel, ein Staat, in dem die Trennung von Staat und Religion sehr hoch ist, die Menschen aber zugleich sehr religiös sind. Die Zahl derer, die Gottesdienste besuchen, ist wesentlich höher als in Europa. Aber auch in Europa ist die Religion eher im Zurückkommen als im Zurückgehen. Es ist dabei nicht auszuschließen, dass neue Entwicklungen einsetzen, Konversionen zum Beispiel. Das Pew Research Center hat herausgefunden, dass fünfzig Prozent der Kirchengeher in den USA bereits einmal in ihrem Leben ihre Konfession gewechselt haben. Die Katholische Kirche ist bei diesem Prozess der größte "Nettoverlierer". In Europa scheinen Konversionen noch nicht so üblich zu sein, aber ich würde nicht ausschließen, dass das kommt.

Welche Art Religion kehrt jetzt zurück? Kommt es zur Wiederkehr
des Christentums oder bleibt Euro-pa einfach in irgendeiner Form
religiös?

Ich halte es da ganz mit Charles Taylor, der Säkularisation als einen Prozess beschreibt, im Zuge dessen das menschliche Bedürfnis nach spiritueller Orientierung nicht abnimmt, die Menschen diese Orientierung aber nicht mehr automatisch bei den traditionellen Kirchen suchen. Insofern glaube ich, Europa bleibt in irgendeiner Form religiös, weil es bis zu einem gewissen Grad einfach eine menschliche Konstante ist, religiös zu sein. Ob es zu einer Rechristianisierung kommt, hängt auch davon ab, ob die christlichen Kirchen dieses existenzielle Bedürfnis zu füllen wissen. Es könnten auch andere Religionen sein, die überzeugender sind. Ein Beispiel ist Russland.

Russland war 70 Jahre lang kommunistisch, Religion war aus dem öffentlichen Raum verdrängt. In den 90er Jahren gab es ein enormes Wachstum an verschiedenen Sekten, aber auch eine Renaissance der Russisch-Orthodoxen Kirche, zu der sich jetzt 40 Prozent aktiv bekennen. Diese Kirche wollte deshalb ein restriktives Religionsgesetz, weil sie erkannt hat: Die Menschen sind auf der Suche, und wenn es andere gibt, die bessere Angebote haben, dann sind sie eine Konkurrenz. Dieses 1997 verabschiedete Gesetz machte es für andere Religionsgemeinschaften schwieriger, in Russland frei zu operieren.

Woran forschen Sie jetzt konkret?

Ich habe gerade ein Buch abgeschlossen zum Menschenrechtsdiskurs in der Russisch-Orthodoxen Kirche. Da geht es um das Dokument, das diese Kirche 2008 verabschiedet hat, über Freiheit, Würde und Rechte des Menschen. Mich hat interessiert, wie eine so traditionelle religiöse Institution dazu kommt, so ein modernes, liberal konnotiertes Thema wie die Menschenrechte in einem Dokument aufzugreifen und wie sie das macht, welche Debatten und Prozesse da intern notwendig sind. Jürgen Habermas hat ja von der Übersetzungsleistung gesprochen, die Religionen leisten müssen, um am politischen Prozess teilzunehmen - und ich habe mich gefragt: Wie schaut das praktisch aus? Eine Schlussfolgerung, die ich aus dieser Arbeit ziehe, ist, dass ich weitermachen möchte beim Thema der religiösen Traditionalisten, die zwar bereit sind, sich mit Begriffen der politischen Moderne auseinanderzusetzen, sie dann aber dezidiert antiliberal umdefinieren.

Sie unterscheiden in Ihrer Arbeit drei religiöse Gruppen: die Liberalen, die sich weltlichen Denkweisen anpassen, die stur auf alten Positionen beharrenden Fundamentalisten und die von Ihnen Traditionalisten genannte Gruppe, die sich an das alte Lehr- und Traditionsgebäude hält, aber der Modernisierung Grenzen setzen will. Sind diese Gruppen relativ stabil, oder wächst eine auf Kosten der anderen?

Ich habe das Gefühl, die politische Theorie, vor allem die Schule um Habermas, hat zu viel Hoffnung in das liberale Camp gesetzt. Das liberale Camp ist wichtig in allen Religionen, aber nicht so wichtig, wie die politische Theorie es gerne hätte. Nach 9/11 gab es dann zu viel Augenmerk auf die Fundamentalisten, vor allem im Islam. Was die Forschung zu wenig gesehen hat, ist die Gruppe dazwischen, die ich Traditionalisten nenne. Die Fundamentalisten wollen die Demokratie zerstören oder ignorieren, doch solche Phänomene bleiben immer Randphänomene. Die eigentliche Auseinandersetzung muss woanders stattfinden, mit Menschen, die mitspielen, aber auch die Spielregeln mitbestimmen wollen. Das sind die Traditionalisten.

Für mich ein gutes Beispiel war der Menschenrechtsdialog der Russisch-Orthodoxen Kirche. Die Kirche greift den Begriff auf, definiert ihn, sagt aber, aber es müssen auch die Menschenrechte der religiösen Mehrheit geschützt werden, nicht nur die individuellen Menschenrechte von Minderheiten. Das Paradoxe daran ist, dass die Russisch-Orthodoxe Kirche auf 70 Jahre Verfolgung zurückblickt. Sie müsste die erste Instanz sein, die die individuelle Religionsfreiheit hochhält. Diesem Paradox und der Frage, welche Rolle die religiösen Traditionalisten in Russland spielen, widmen wir im Frühjahr 2015 am IWM einen Forschungsschwerpunkt.

Sehen Sie die Möglichkeit, dass Religion wieder ein Machtfaktor wird?

Vielleicht durch Einfluss über Wählerschaften, über Wertekoalitionen, aber echte Macht im Staat sehe ich in Westeuropa nicht. Im Gegenteil. Ich glaube, dass durch die generelle religiöse Pluralisierung Europas aufgrund von Migration und größerer individueller Mobilität die gewachsenen Privilegien der christlichen Kirchen nach und nach abgebaut werden. Die Grenzen zwischen dem neutralen Verfassungsstaat und den Religionen werden dadurch klarer, die Religionen nach innen autonomer.

Zur Person

Kristina Stöckl

ist Politikwissenschafterin an der Uni Wien und Mitarbeiterin am Institut für die Wissenschaften vom Menschen;

sie studierte in Innsbruck, Budapest und Florenz und forscht über Religion und Politik in Westeuropa und in Russland.