Zum Hauptinhalt springen

Renaissance der Frömmigkeit

Von Michael Schmölzer

Analysen

Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 12 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

In Tunesien stellen die Islamisten den Regierungschef, in Marokko haben sie die Wahlen haushoch gewonnen. Libyen - das ist bereits klar - wird seine Rechtsordnung nach der Scharia ausrichten. Und jetzt bestätigt sich, dass die Muslimbrüder in Ägypten bei den Parlamentswahlen die Nase viel deutlicher vorn haben, als das zu erwarten war.

Im Westen ist man vor den Kopf gestoßen. So sehr man in Europa und den USA den Sturz der Diktatoren begrüßt und die Revolutionäre unterstützt hat, sosehr sorgen die Wahlresultate nun für betroffenes Kopfschütteln.

Bei den Islamisten, die einen Wahlsieg nach dem anderen erringen, handelt es sich allerdings zum Großteil nicht um Fundamentalisten, die einen totalitären Gottesstaat nach Taliban-Art wollen und mit Al-Kaida sympathisieren. Die Ennahda in Tunesien, die marokkanische PJD und die Muslimbrüder in Ägypten werden vielmehr von strenggläubigen Menschen gewählt, die Glücksspiel und Alkoholkonsum verbieten und Studentinnen mit Gesichtsschleier das Recht auf einen Studienplatz erkämpfen wollen. Dazu kommen massive anti-israelische Ressentiments. Diese Kräfte sind innenpolitisch zu Kompromissen fähig und arbeiten auch mit laizistischen, fallweise sogar mit deklariert linken Kräften zusammen.

Dass in den arabischen Staaten jene bei Wahlen siegen, die sich der Frömmigkeit verschrieben haben, kommt nicht unerwartet. Der Erfolg ist Resultat des Scheiterns linker und nationalistischer Ideologien, die in den 1960ern Hochkonjunktur hatten und später als Fassade für Regime dienten, die sich bereicherten und Günstlinge mit gut dotierten Jobs versorgten. Dazukommt, dass die Islamisten in den Zeiten der Diktaturen über karitative Einrichtungen tief in die Gesellschaft einwirkten. Die Muslimbrüder in Ägypten, wo auch radikale Kräfte am Werk sind, etwa habe ihre treueste Gefolgschaft in Kairos Armenvierteln. Die Moscheen waren in vielen Ländern die einzigen Orte, wo sich die Menschen legal versammeln konnten. Außerdem führt Saudi-Arabien seit 20 Jahren eine mit viel Geld versehene Religionskampagne, die Wirkung zeigt.

Neben den moderaten Islamisten gibt es in allen arabischen Ländern auch fundamentalistische Kräfte - in Ägypten etwa die Salafisten-Partei Al Nur -, die für einen Gottesstaat eintreten und eine totalitäre Herrschaftsordnung wollen. Sollten diese Parteien an die Macht kommen, wäre es mit Freiheit, Aufbruch und Demokratie - den Idealen, denen sich die Revolutionäre verschrieben haben - vorbei. Der Westen hofft, dass sich die Gemäßigten durchsetzen werden, sodass eine Art islamische CSU in der arabischen Welt zum Modellfall wird.