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Republikanischer Sündenbock

Von Alexander U. Mathé

Politik

Wie sich Senatskandidat Akin mit einem Sager über Vergewaltigung den Hass der ganzen Partei zuzog.


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Washington/Wien. Von der Grundidee her war Todd Akin voll auf Linie mit seiner Partei. Nur manche Vorstellungen und Formulierung, die der Abgeordnete und Senatskandidat der US-Republikaner verwendete, waren irgendwo zwischen abstrus und unerhört anzusiedeln. "Wenn es sich um eine rechtmäßige Vergewaltigung handelt, hat der weibliche Körper Mittel und Wege, das ganze Ding abzuschalten", sagte er auf die Frage nach Abtreibungen in Extremfällen. Immerhin gestand er ein, dass das nicht so klappen könnte, wie er sich das ausgemalt hat, und fügte hinzu: "Aber nehmen wir an, dass das nicht funktioniert hat. Dann sollte es eine Strafe geben. Aber die sollte sich gegen den Vergewaltiger richten und nicht gegen das Kind."

Abseits der Frage, wie eine Vergewaltigung "rechtmäßig" sein soll, und von leichten Defiziten im Aufklärungsunterricht deckt Akin damit ab, was die Republikaner kommende Woche auf ihrem Parteitag als Programm verabschieden wollen. Abtreibung soll demzufolge definitiv verboten werden - auch im Falle einer Vergewaltigung, auch im Fall von Inzest, auch wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Das berichtet der Fernsehsender "CNN", der bereits einen Blick auf den Entwurf werfen konnte. Daneben versprechen die Republikaner auch noch dafür zu kämpfen, dass die Homo-Ehe per Verfassung verboten wird und sich Amerikaner bei Wahlen bundesweit ausweisen müssen, was vor allem für ärmere - meist demokratische - Wähler zum Problem werden könnte, die bisher beispielsweise ihre Stromrechnung als Identitätsnachweise verwendet haben.

Für Romney ungelegen

"Der Entwurf ist in der Art, wie er sich gegen weibliche Fortpflanzungsrechte und Schwulenrechte richtet, aggressiver als alles, was ich bisher gesehen habe", kommentierte Andrew Rosenthal von der Zeitung "New York Times". Und doch steht Akin nun speziell - auch innerhalb seiner eigenen Partei - am Pranger. Sowohl Präsidentschaftskandidat Mitt Romney als auch sein Vize Paul Ryan forderten Akin auf, seine Kandidatur als Senator von Missouri zurückzuziehen. Romney hat es selbst schwer genug mit Frauen, da diese mit überwältigender Mehrheit Obama ihre Stimme geben. Da braucht es nicht noch einen Querschläger, der die Situation noch verschlimmert. Es mag durchaus willkommen sein, sich über Kritik an Akins vom Parteiprogramm zu distanzieren.

Problematisch für Romney ist, dass die Demokraten jeden Tag länger eine Waffe gegen die Republikaner in der Hand halten, den Akin nicht zurücktritt. Schon jetzt machen Werbungen, Internet- und Fernsehkommentare mit dem Vergewaltigungs-Sager die Runde. Präsident Barack Obama ist dabei noch der Zurückhaltendste: "Vergewaltigung ist Vergewaltigung, und die Idee, daran herumzudeuteln, ergibt keinen Sinn für die Amerikaner und gewiss nicht für mich."

Akin hat nicht nur Romney und die Position der Republikaner im Kampf um einen Senatssitz geschwächt, auf den sie sich bisher ernste Hoffnungen machen durften. "Rapegate", wie die Affäre schon hie und da genannt wird, greift schon im Repräsentantenhaus um sich. "Mike Coffman und Todd Akin haben im Kongress gemeinsam gegen Frauen gekämpft", sagt etwa Joe Miklosi, ein demokratischer Abgeordneten-Kandidat, der seinen republikanischen Rivalen Coffman in Verruf bringen wollte. Der wiederum forderte umgehend den Rücktritt Akins.

Auf einmal ist sogar die radikale Tea Party im Spiel. Obwohl die Protestbewegung normalerweise mit stramm rechten Parolen, die schon einmal den Rahmen des Vernünftigen sprengen, gut kann, feuerte auch ihre Ikone Sarah Palin eine Breitseite auf Akin ab: "Man muss wissen, wann man zu gehen hat" Mehr als eine plötzliche Orientierung zum Zentrum hin dürfte für Palin allerdings persönliches Interesse dahinter stecken. Denn Akin hat vor Kurzem die Siegeswelle der Tea Party in Missouri gebrochen. Nachdem sich eine Zeit lang Staat um Staat die Kandidaten der Protestbewegung durchgesetzt hatten, verlor ihre Kandidatin Sarah Steelman gegen Akin. Und sie war vehement von Palin unterstützt worden. Dankt Akin ab, könnte sie ihm als Kandidatin nachfolgen.

Akin abzusägen kommt also allen Republikanern gelegen; sei es, um sich von der Parteipolitik zu distanzieren, sei es zum persönlichen Machterhalt. Einziger Haken: Zu gehen weigert er sich beharrlich.