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Revision des Volkseinkommens verbessert Österreichs Position

Von Anton Kausel*

Wirtschaft

Die seit Beginn der EU-Integration vorherrschende These vom Versiegen unseres permanenten Wachstumsvorsprungs im OECD-Raum ("Überholspur") und von einer schwindenden gesamtwirtschaftlichen Dynamik erweist sich nun endgültig als voreilige Fehldiagnose. Sie stand schon bisher in auffallendem Widerspruch zur klar überlegenen Dynamik unserer Industrie- und Exportwirtschaft.


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Diese übertraf jene der EU und der USA sowohl im Aufschwung als auch vor allem im Abschwung bei weitem. Hervorzuheben sind auch die beste Lohnstückkosten-Position seit einem halben Jahrhundert dank höchster Produktivität, die gelungene Sozialpartnerschaft sowie die relativ beste Arbeitslage im Spitzenfeld aller Industrienationen.

Solides Wirtschaftswachstum

Nun steht erstens fest: Die heimische Wirtschaft ist auf Pro-Kopf-Basis seit 1995 mit 2,0% p.a. nicht langsamer gewachsen als vorher, sondern gleich stark. Zweitens: Im Vergleich zur EU-15 hat sich der nahezu permanente Wachstumsvorsprung Österreichs zwar von 0,3% auf 0,1% verringert, er ist aber nicht verloren gegangen.

Drittens: Die USA hat Österreich seit 1995 mit 3,3% p.a. (Österreich 2,2%) nur global überflügelt, nicht aber auf der allein maßgeblichen Pro-Kopf-Basis (USA: 2,0%, Österreich: 2,0%). In dieser Hinsicht sind die offenbar überschätzten USA erstaunlicherweise auch der EU kaum nennenswert voraus (USA: 2,0%, EU: 1,9%). Das bedeutet, dass zumindest auf Pro-Kopf-Basis die sehr expansive Wirtschaftspolitik der USA im Vergleich zur eher restriktiven der EU und Österreichs alles andere als erfolgreich beurteilt werden kann. Die Europäische Union - und vor allem auch Österreich - sitzen somit eindeutig auf einem längeren und solideren Hebelarm. Der Weltmarkt beginnt dieses Faktum durch den deutlichen Dollarverfall bereits zu registrieren.

Optimistische Prognosen

Hinsichtlich der künftigen Entwicklung erwarten die Wirtschaftsforscher für das BIP wieder überdurchschnittliche Zuwächse nach 1,9% (Wifo) und 2,0% (IHS) für 2004 und 2,2% bzw. 2,3% für heuer und 2,3% (2,4%) für 2006. Damit wird der bisherige mittelfristige Durchschnitt wieder leicht übertroffen, obwohl die Prognosen wegen der Dollarschwäche sogar etwas eingebremst werden mussten. Mit der Steuerreform wurde der restriktive Kurs erstmalig wieder etwas aufgelockert.

Preisstabilität nicht gefährdet

Die Generalrevision offenbart eine bisherige Überschätzung der gesamtwirtschaftlichen Preisentwicklung (Deflator) um etwa 0,2% p.a. seit 1988 und vice versa eine Unterschätzung der realen Wachstumsraten. Bemerkenswert ist eine dramatische Absenkung der Inflation durch die EU-Integration. Der Deflator sank mittelfristig von 2,9% auf 1,0% im gemeinsamen Markt. Erst in jüngster Zeit überschreitet die Inflationsrate wegen der Ölpreishausse wieder die 2%-Marke. Durch den offensichtlichen Einbruch der Ölpreisspekulation sind indessen in der EU Gefahren für die Preisstabilität weitgehend auszuschließen.

Arbeitsmarkt bald entspannter

Auch die Lage am Arbeitsmarkt scheint sich langsam zu entspannen. Das Wifo erwartet bis 2006 einen Rückgang von 4,5% auf 4,2%. International gilt Österreich als absolutes Vorbild. Die EU-15 mit 8,1% und die USA mit 5,5% - bzw. einschließlich Häftlingen 7,0% - liegen weit darüber, aber auch alle Skandinavier können mit Österreich nicht Schritt halten. Insbesondere das Musterbeispiel Finnland enttäuscht mit seiner doppelt so hohen Rate (8,9%) gewaltig. Die Dramatisierung unserer Beschäftigungslage erscheint daher nicht verständlich, weil spätestens ab dem Jahr 2015 das Arbeitsangebot der 15- bis 60-Jährigen radikal schrumpft, sodass es automatisch zur Vollbeschäftigung kommen muss; es sei denn, man erhöht die Einwanderungsquote massiv. Ob man es wünscht oder nicht, die "Alten" werden dringend gebraucht.

Schlussfolgerungen

Nach Überwindung der von außen aufgezwungenen konjunkturellen Flaute (2001 bis 2003) befindet sich Österreich wieder in einer fundamentalen soliden Verfassung, die im Wohlstandsvergleich ihren sichtbaren und unwiderlegbaren Ausdruck findet. In der internationalen Einkommenshierarchie (BIP je Einwohner zu Kaufkraft-Paritäten) nimmt Österreich die bisher beste Position im Spitzenfeld unter allen OECD-Nationen ein. Mit Ausnahme der sinnvoll kaum vergleichbaren Sonderfälle Luxemburg, Norwegen (wegen seines Ölschatzes) sowie Irland (von der EU massiv subventioniert) liegen nur noch die USA und Kanada signifikant voran. Dänemark und die Schweiz befinden sich bereits innerhalb einer engen statistischen Fehlergrenze.

Alle übrigen Länder rangieren bereits mit Abstand hinter Österreich, insbesondere die oft angepriesenen "Vorzeigemodelle" Finnland, Schweden und Holland. Hauptursache dieses imposanten Aufstieges in der westlichen Welt ist ein nach wie vor ungebrochener technologischer Strukturwandel zugunsten immer höherwertiger Produkte und Dienstleistungen mit immer höherer Wertschöpfung. Tempo und Ausmaß dieses Strukturwandels übertreffen bis auf wenige Ausnahmen (Irland, Finnland) jene der gesamten westlichen Welt.

Erstmalig in seiner Wirtschaftsgeschichte erzielt Österreich einen Handelsbilanzüberschuss mit höherwertigeren Exportgütern als Importgütern. Auf dem Weltmarkt wurde der bisher höchste Marktanteil aller Zeiten erobert. Die totale Sanierung der Staatsfinanzen ist zwar noch nicht abgeschlossen, sie ist aber trotzdem wesentlich weiter fortgeschritten als anderswo. Die Skandinavier mit ihren noch besseren Bilanzen sind wegen ihrer überhöhten Steuerquoten absolut kein Vorbild.

Gesellschaftspolitisch mag hierzulande vieles zu kritisieren sein, seriöse Wirtschaftskritiker sind andererseits überhaupt nicht zu beneiden, weil sogar die sensible Einkommensverteilung in Österreich internationale Vorbildwirkung hat.

Prof. Dr. Anton Kausel leitete von 1956 bis 1973 die Abteilung Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung und Öffentliche Finanzen im Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). Anschließend war er im Österreichischen Statistischen Zentralamt (ÖSTAT) tätig. Von 1981 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1984 bekleidete er dort das Amt des Vizepräsidenten.