Zum Hauptinhalt springen

Revolution in der Chirurgie

Von Alexandra Grass

Wissen
Wie eine Spinne breitet sich "Spider im Bauchraum aus. Foto:corbis
© © © Warren Jacobi/Corbis

Sils-Technik reduziert Zugangstrauma auf lediglich einen Punkt. | Neue Instrumente erlauben mehr Spielraum in der Chirurgie. | Österreich hat Vorreiterrolle in Europa.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 14 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wien. Der Nabel - die natürliche embryonale Narbe des Körpers - wird bei immer mehr Operationen als Pforte ins Körperinnere verwendet. Ob Blinddarm- oder Gallenblasenentfernung, Leistenbruchbehandlung oder Bauchspeicheldrüsenoperation - der chirurgische Eingriff über nur einen Zugang gewinnt immer mehr an Bedeutung.

"Der Patient selbst profitiert von der Reduktion des Zugangstraumas maßgeblich", erklärt Helmut Weiss, Vorstand der chirurgischen Abteilung des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Salzburg. Denn neben dem kosmetischen Vorteil erholt man sich auch schneller. Da Fettgewebe und Muskeln kaum in Mitleidenschaft gezogen werden, verspürt der Patient selbst nach der Operation kaum Schmerzen und ist rascher wieder mobil. Auch kommt es in der Folge zu weniger Narbenbrüchen.

Die Schlüssellochchirurgie

Bei der herkömmlichen laparoskopischen Chirurgie, auch Schlüssellochchirurgie genannt, sind drei bis fünf über den Bauchraum verteilte Hautschnitte von fünf bis zwölf Millimeter Länge nötig, über die Instrumente und Kamera eingeführt werden. Anders bei der Sils-Technik (Single Incision Laparoscopic Surgery): Hierbei bedarf es lediglich einer Inzision - also eines Einschnittes - von 15 bis 20 Millimeter Länge im Nabel.

Die Sils-Methode hat sich in den letzten Jahren - in Österreich ist sie erstmals im Jahr 2008 durchgeführt worden - zu einer sehr gut etablierten Technik entwickelt. Bereits mehr als 2000 Österreicher haben ihre Operationen mit heiler Haut überstanden.

Jeder Schnitt erhöht das Risiko für eine Blutung, Infektion oder eine Verletzung, erklärt Weiss. Daher gilt: "Je weniger Schnitte, desto geringer das Risiko."

Für eine Revolution auf dem Gebiet der Sils-Technik sorgt der "Spider" - ein noch junges Instrument auf Basis flexibler Teile, das Eingriffe durch den Nabel zielsicherer macht. Das Gerät lässt sich im Bauchraum in alle Richtungen entfalten und kann an der Spitze bis zu 80 Grad abgewinkelt werden. Damit gleicht das Instrument einer Spinne. Eine Lichtquelle mit einer Minikamera sorgt für exakte Computerbilder, die das Körperinnere in starker Vergrößerung auf einem Monitor zeigen. Der "Spider" wurde aus der Herzkatheterforschung entwickelt. Während derzeit meist mit starren Instrumenten operiert wird, sticht das neue Gerät hervor, weil es aufgrund der flexiblen Teile auch Operationen im Bauchraum über weitere Distanzen ermöglicht.

Anwenden dürfen den "Spider" nur Ärzte, die die Technik umfassend geübt haben, betont der Mediziner. Zusehen und nachmachen genügt hierbei nicht. Wie bei einem Musikinstrument erfordert es viel Training, um den "Spider" zu beherrschen. In Österreich kommt die Sils-Methode immerhin in jeder zweiten chirurgischen Abteilung zum Einsatz - dabei spricht man von einer Durchdringungsrate von 50 Prozent. In Deutschland hingegen beträgt diese Rate nur fünf Prozent.

Mit Helmut Weiss - seine Abteilung bildet mit bislang mehr als 1100 narbenfrei durchgeführten Eingriffen die Spitze Europas -, Alexander Klaus vom Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Wien und Andreas Shamiyeh, leitender Oberarzt am AKH-Linz, zählt Österreich drei "Spider"-Pioniere. Letzterer hat auch bereits das Nachfolgemodell "Spider2" getestet, das sich durch eine noch verbesserte 3D-Sicht und erhöhte Beweglichkeit der Spinnenfüße auszeichnet.
<br style="font-weight: bold;" />

Grenzen der Sils-Technik

Die narbenfreie Operationstechnik hat allerdings dann ihre Grenze erreicht, wenn der zu entfernende Teil so groß ist, dass er durch einen Schnitt von fünf Zentimetern nicht zu bergen ist, erklärt Weiss. Allerdings bedienen sich die Chirurgen, wenn möglich, eines Tricks, wonach im Bauchinneren abgetragene Teile, wie zum Beispiel ein Tumor, über sogenannte Bergebeutel - also Schutzhüllen - aus dem Nabel geborgen werden.

Die neuesten Erfahrungen mit dieser Operationstechnik und dem "Spider" sind Gegenstand mehrerer Sitzungen beim derzeit laufenden 52. Österreichischen Chirurgenkongress in Wien.