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Revolutionäre tun sich als Hausmeister schwer

Von WZ-Korrespondentin Elena Usenko

Politik

Strenger Winter offenbart schlechte Infrastruktur. | Fiasko für Juschtschenko kurz vor den Wahlen. | Kiew. Alchewsk, eine Stadt im Osten der Ukraine. Dank Kohlegruben und Stahlwerken ist sie verhältnismäßig reich. Doch hier ist Ende Jänner das passiert, was jederzeit in jeder anderen Stadt der Ukraine geschehen könnte: Ein Störfall im Wärmekraftwerk legte das Heizungsnetz lahm.


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Kälte sprengt Rohre

Mehr als 100.000 Einwohner mussten ohne Heizung in ihren Wohnungen ausharren. Der Fehler im Kraftwerk konnte erst nach zehn Stunden gefunden werden. Zu spät: Nach dem Abschalten des Kraftwerks war das Wasser in den Leitungen bei minus 35 Grad innerhalb von drei Stunden gefroren. Die Rohre barsten. Die frierenden Stadtbewohner heizten mit Strom. Das brachte das Stromnetz an den Rand des Zusammenbruchs. Teile der Stadt wurden vom Netz genommen. Die Temperatur in vielen Wohnungen war nur fünf bis sechs Grad höher als draußen. Und heute sind die Menschen immer noch ohne Heizung.

Präsident Viktor Juschtschenko besuchte Alchewsk erst acht Tage nach dem Störfall. Es war bereits klar, dass die Reparaturarbeiten mehr als einen Monat dauern würden. Trotzdem versicherten die Behörde, dass das ganze Heizungsnetz schon am 11. Februar wieder funktionierte.

Nach den Aussagen des regionalen Gouverneurs Gennadi Moskal müssen alle Leitungen ausgewechselt und die Radiatoren in den Wohnungen ersetzt werden. Dazu fehlen allerdings die Rohre und Ersatzteile. Es könnte wohl noch länger dauern, bis das Fernwärmenetz wieder in Betrieb ist.

Sowjetische Giganten

Das Problem von Alchewsk ist jedoch nicht das Heizungsnetz, sondern die überalterte Infrastruktur. Nach einem Störfall 1972 wurde ein neues, großes Wärmekraftwerk namens "Wostochnaja" gebaut, das 1980 seinen Betrieb aufnahm. Kleinere Kraftwerke wurden später wegen Überalterung geschlossen. So werden die 10.000 Wohnungen von Alchewsk seit Jahren mit nur zwei Wärmekraftwerken geheizt, wobei "Wostochnaja" zusätzlich für 23 weitere Städte Wärme liefert. "Es ist ein Monument der sowjetischen Gigantomanie", sagt Moskal. "Die ganze Stadtbevölkerung wird von rostenden Stahlhaufen, die seit 39 und 26 Jahren in Betrieb sind, als Geiseln gehalten."

Die städtischen Behörden hatten die Zentralregierung in Kiew mehr als einmal gewarnt, dass die lokale Energieversorgung den Wintertest nicht überstehen würde. Trotzdem wurde verkündet, alles sei bereit für den Winter. Nun kommen große Probleme auf die Stadt zu: Die Reparaturen werden mehr als 3 Milliarden Euro kosten. Woher das Geld kommen soll, weiß niemand. Die Stadt hat keines. Die Steuereinnahmen aus Alchewsk gehen direkt nach Kiew.

Gelder verschwinden

Kiew wiederum spielt den Ball zurück. Laut Präsident Juschtschenko landen die Hilfsgelder an die Regionen zum grossen Teil in den Taschen korrupter Beamter. Die Lokalpolitiker würden sich lieber mit politischen Machtkämpfen beschäftigen, als sich um das Wohlergehen ihrer Gemeinden zu sorgen. Nur 3 Prozent der vorgesehenen Gelder würden ihren Bestimmungsort erreichen. Dabei könnte in vielen Städten der Ukraine in zwei oder drei Jahren der selbe Notstand ausbrechen, wie in Alchewsk. Notfallpläne oder ein Konzept für regionale Entwicklung gibt es nicht. Anstatt sich darum zu kümmern, schieben sich die Politiker den schwarzen Peter zu, um vor den Wahlen ihrem Ruf nicht zu schaden. Ende März dürften sie die Quittung erhalten.