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Rezepte gegen Jobflaute

Von Sophia Killinger

Wirtschaft

Arbeitslosigkeit stieg im Juni erneut - Österreich fällt in der EU zurück.


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Wien. Die Arbeitslosigkeit ist im Juni gegenüber dem Vorjahresmonat erneut gestiegen, die Regierung lässt sich mit dem zuletzt für Juli angekündigten Arbeitsmarktgipfel aber nun bis Anfang September Zeit. Bereits im Juli wollen sich die Verantwortlichen nicht medienöffentlich über Rezepte gegen die Rekordarbeitslosigkeit beraten. Vor allem beim Thema Arbeitszeit liegen die Positionen derzeit weit auseinander.

"Die Arbeitsmarktpolitik stößt an Grenzen", teilte Sozialminister Rudolf Hundstorfer angesichts eines Anstiegs von 7,7 Prozent auf 381.898 Arbeitslose (inklusive Schulungsteilnehmer) im Juni mit. Es sei eine "gesamtwirtschaftliche Unterstützung notwendig". Der Zuzug aus EU-Ländern sei stärker, als dies der Arbeitsmarkt aufnehmen könnte.

"Solange die Konjunktur nicht besser wird, ist es schwierig", sagt Helmut Hofer, wirtschaftspolitischer Sprecher des Instituts für Höhere Studien (IHS): "Kurzfristige Konjunkturmaßnahmen werden nicht viel bringen." Auch mehr Personen in Frühpension zu schicken oder die Grenzen dichtzumachen, gehe in die falsche Richtung. Denn viele Jobs würde es sonst gar nicht geben.

Hofer: Längeres Pendeln für neue Stelle zumutbar machen

Hofer schlägt dagegen vor, die Suchintensität von Arbeitslosen zu erhöhen und die Zumutbarkeit einer Beschäftigung auszuweiten, sodass Arbeitslose beim Einstieg in einen Job etwa längeres Pendeln in Kauf nehmen müssen. Vollzeitbeschäftigten ist derzeit eine tägliche Wegzeit für den Hin- und Rückweg von jedenfalls zwei Stunden zumutbar, bei Teilzeitbeschäftigten sind es jedenfalls eineinhalb Stunden. Doch während die Zahl der Jobsuchenden in den letzten zwölf Monaten um 7,7 Prozent oder 27.259 Menschen zulegte, stieg die Zahl der offenen Stellen nur um drei Prozent oder 878 Stellen. Ende Juni waren 29.865 offene Stellen gemeldet.

Für mehr Ausbildung und Schulungen seien die Mittel knapp, so Hofer. Das AMS-Budget liegt wie im Vorjahr bei 1,14 Milliarden Euro, davon sind 60 Prozent für Schulungen und Kurse reserviert, 2014 waren es 62 Prozent. Stärker gefördert wird die Eingliederung von Arbeitslosen in Betrieben, mit Fokus auf Ältere.

Zahl der Langzeitarbeitslosen binnen Jahresfrist verdreifacht

Die Kürzungen bei AMS-Kursen sind auch mitverantwortlich dafür, dass sich die Zahl der Langzeitarbeitslosen im Jahresabstand von 11.605 auf 32.720 Personen fast verdreifacht hat. Die Zahl jener, die ein Jahr oder länger Jobs suchen, wurde früher mittels Schulungen künstlich niedrig gehalten. Gleichzeitig sei der rasante Anstieg ein Zeichen einer Krise auf dem Arbeitsmarkt, so Hofer: "Wer arbeitslos ist, kommt viel schwieriger heraus." Die Konkurrenz um Jobs ist groß, so verdrängen gut gebildete Zuwanderer schlechter ausgebildete, in Österreich lebende Ausländer. Darauf hat AMS-Chef Johannes Kopf zuletzt mehrere Male hingewiesen. Auch bei einem Konjunkturaufschwung würden Langzeitarbeitslose schwieriger eine neue Stelle finden, weil sie länger vom Arbeitsmarkt weg waren und deshalb stigmatisiert sein könnten, so Hofer. Deshalb seien Schulungen wichtig. "Man muss verhindern, dass sich Langzeitarbeitslosigkeit verfestigt", warnt Hofer.

Mit einer Arbeitslosenquote von 8,3 Prozent nach nationaler bzw. 6 Prozent nach Eurostat-Berechnung liegt Österreich zwar unter dem EU-Durchschnitt, der ehemalige europäische Musterschüler fällt aber zurück. Im Mai verzeichnete Österreich nur mehr die sechstniedrigste Arbeitslosigkeit in der EU, an der Spitze stand Deutschland mit 4,7 Prozent. In 22 EU-Staaten ist die Arbeitslosenrate gefallen. Dass die Quote in Österreich weiter zulegt, liegt laut Hofer vor allem an zwei Ursachen: Zur schwachen Konjunktur kommt ein stark steigendes Arbeitskräfteangebot.

In Deutschland dagegen war die Arbeitslosigkeit im Juni so niedrig wie zuletzt 1991. Einerseits entwickelt sich die Konjunktur im Nachbarland besser, andererseits steigt das Arbeitskräfteangebot nicht so stark wie hier. Aufgrund der niedrigen Arbeitslosenrate könnte sich dies ändern, sagt Hofer, der zusätzliche Migration nach Deutschland erwartet.

Unternehmen wollen Mitarbeiter flexibel einsetzen

Bei Rezepten gegen die Arbeitslosigkeit prallen die Positionen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufeinander. Die Lohnnebenkosten zu senken würde helfen, so Hofer, der sich auch für innovative Arbeitszeitmodelle ausspricht. Ein "wesentlicher Hebel" sei die Senkung des Beitrags zum Familienlastenausgleichsfonds, sagt Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV). Wirtschaftskammer-Chef Christoph Leitl forderte am Mittwoch ebenso wie die IV erneut eine Arbeitszeitflexibilisierung - also eine längere gesetzlich erlaubte Tageshöchstarbeitszeit - und längere Durchrechnungszeiträume für die Überstundenberechnung. Der Pensionistenverband will ein Bonus-Malus-System, das Betriebe für die Beschäftigung Älterer belohnt. Die Arbeitgeber lehnen dies ab.

Die Arbeiterkammer verlangt eine bessere Verteilung von Arbeit und Freizeit durch aktive Arbeitszeitpolitik, die die Lebensqualität der Beschäftigten steigert: Es brauche eine Umverteilung der Arbeit durch Arbeitszeitverkürzung. Hofer ist skeptisch: Die von der Gewerkschaft geforderte Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich werde kaum zusätzliche Jobs schaffen: "Arbeit ist nicht so leicht teilbar. Was hilft es einer arbeitslosen Textilarbeiterin, wenn der Maschinenbauer in der Steiermark weniger arbeitet?"