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Richtungsentscheid an der Zinsfront

Von Stefan Melichar

Wirtschaft

Märkte haben ersten Zinsschritt schon weitgehend vorweggenommen. | Sparzinsen bei Neuabschluss steigen in kommenden Tagen. | Kreditnehmer müssen tiefer in die Tasche greifen. | Wien. Nicht einmal die Hälfte der österreichischen Bevölkerung kann den Begriff "Zinsen" richtig definieren. Das hat eine von der Erste Bank in Auftrag gegebene Imas-Umfrage ergeben. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, um diesbezüglich dazuzulernen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hebt nämlich erstmals seit Beginn der Finanzkrise den Leitzins an - auf nun 1,25 Prozent. | Freude am Sparen hat nachgelassen | Euro steigt auf 14-Monats-Hoch


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Dabei dürfte es sich um einen richtungsweisenden Schritt für die kommenden Jahre handeln, wobei sich bereits jetzt Gewinner und Verlierer der neuen Ära steigender Zinsen abzeichnen.

Der EZB-Leitzins wirkt sich vor allem indirekt aus: Es handelt sich dabei nämlich um jenen Zinssatz, den Banken der EZB zahlen müssen, wenn sie sich bei ihr Geld ausborgen. Leitzins-Veränderungen beeinflussen jedoch auch den Marktzins, zu dem sich Banken untereinander Geld borgen - den sogenannten Euribor (Euro Interbank Offered Rate).

Tatsächliche Erhöhung bringt "kleinen Ruck"

Da die meisten Experten seit einigen Wochen fest damit rechneten, dass die EZB den Leitzins anhebt, hat der Euribor diese Entwicklung bereits vorweggenommen. Laut Günther Rausch von der Erste Bank Österreich sind knapp 0,2 Prozentpunkte der erwarteten Anhebung um 0,25 Prozentpunkte bereits "eingepreist". Mit der tatsächlichen Entscheidung dürfte es nun nur noch zu einem "kleinen Ruck" kommen.

Profitieren werden von der Entwicklung in kurzer Zeit die Sparer. Die Erste Bank wird im Neugeschäft laut Rauscher am kommenden Montag die Zinsen anheben. Bei der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien heißt es, man habe den Zinsschritt bereits vor längerer Zeit vorweggenommen. Man kann davon ausgehen, dass auch bei der Bank Austria entsprechend reagiert wird.

Anpassung beruht auf Vertragsklauseln

Etwas länger müssen übrigens Sparer mit laufenden Verträgen warten. Hier gibt es unterschiedliche Zinsanpassungsklauseln, die festlegen, wann wie stark erhöht wird. Arbeiterkammer-Experte Christian Prantner empfiehlt Bankkunden generell, hier Vergleiche anzustellen. Prantner bestätigt, dass die Banken schon im heurigen Jahr begonnen haben, im Neugeschäft ihre Zinsen anzuheben. Dies gelte allerdings nicht für täglich fällige Einlagen. Hier würden Sparer von vornherein oft auf einem sehr niedrigen Fix-Zinssatz "einbetoniert".

Die klaren Verlierer der Zinswende sind freilich die Kreditnehmer. Bei variabel verzinsten Krediten - der in Österreich häufigsten Variante - regeln Vertragsklauseln, wann die Zinsen wie stark anzuheben sind. Als Referenzkurs gilt meist der Euribor für drei- oder sechsmonatige Laufzeiten, bei Bauspardarlehen der 12-Monats-Euribor. Dementsprechend finden die Anpassungen quartalsweise, halbjährlich oder jährlich statt.

Die Analysten der Bank-Austria-Mutter Unicredit erwarten 2011 Leitzinsanhebungen um insgesamt 0,75 Prozentpunkte. Schlagen sich diese auf Kreditnehmer durch, kostet der daraus entstehende Kaufkraftverlust Österreich rund 0,1 Prozent der Wirtschaftsleistung. Stärker betroffen wären jedoch die Sorgenkinder der Eurozone - Portugal, Spanien und Irland -, wo es besonders große Volumina an variablen Immobilienkrediten gibt.

Trotz der erwarteten leichten Konjunkturdämpfung begrüßen deutsche Unternehmerverbände laut Nachrichtenagentur Reuters eine Leitzinsanhebung, da diese ja die Inflation dämpft. Steigen dürfte nicht nur der Euro-Kurs (siehe Artikel unten), auch Aktienmärkte steigen in der ersten Phase nach einer Zinserhöhung meist. Weniger rosig sieht es jedoch für Anlageklassen aus, die per se keine oder weniger Zinsen abwerfen - etwa Staatsanleihen oder Gold.