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Riesenbombe in Berliner Stadtbezirk entdeckt

Von Franz Nickel, Berlin

Politik

Vergangenen Mittwoch im Erholungsgebiet Plänterwald des Ostberliner Stadtbezirkes Treptow suchte der Feuerwerker Thomas Borchert (32) von der Kampfmittelbergungsfirma Schollenberger im Auftrag des Senats das Gelände in der Neuen Krugallee nach Sprengstoff ab.


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8,5 Tonnen Kampfmittel aus dem Zweiten Weltkrieg haben er und seine Kollegen seit Mai vergangenen Jahres auf 60 ha aufgespürt, 30 ha müssen noch abgesucht werden.

Plötzlich schlägt der Metalldedektor an. Borchert vermutet einen Heizöltank oder einen alten Badeofen. Die Buddelei beginnt, und dann wird zur Gewissheit: Hier liegt in über zwei Metern Tiefe eine Riesenbombe, 2,15 m lang, mit 75 cm Durchmesser. Die Prüfung ergibt, dass es sich um eine britische Luftmine des Typs HC 400 LIT von 1,8 Tonnen Gesamtgewicht und 1,3 Tonnen TNT im Bauch handelt. Das ist die größte Bombe, die nach dem Krieg in Berlin gefunden wurde. Die letzte ähnlichen Typs wurde 1967 unschädlich gemacht. Zum Vergleich: 500 Gramm des hochexplosiven Materials genügen, um ein normales Wohnhaus dem Erdboden gleichzumachen.

Für den Freitag wird die Entschärfung des gefährlichen Fundes angesetzt, von dem die Experten sagen: "Wenn die hoch geht, wird in 300 Metern Umkreis alles auf Streichholzlänge zerkleinert." Im Umfeld bis zu einem km werden die Einwohnen evakuiert, können sich in Schulen oder Turnhallen aufhalten. Der Schiffsverkehr auf der nahen Spree, Straßen- und Zugverkehr und teilweise der Luftverkehr werden gesperrt. Vor allem die Umleitung des Straßenverkehrs führt zu einem Chaos mit kilometerlangen Staus. 400 Polizisten und weitere 400 Helfer sind im Einsatz. Es herrscht eine Art Ausnahmezustand. Gegen 10.30 Uhr gleicht das Gebiet einer Geisterstadt.Um 12.16 Uhr beginnen vier Feuerwerker mit ihrer lebensgefährlichen Arbeit. Die Bombe hat drei Zünder: Einer davon ist unbekannten Typs und dazu noch stark verbogen. So muss die gesamte Buchse rund um den Zünder ausgebaut werden, um an den Detonator, der den TNT-Sprengstoff zündet, heranzukommen. Um 13.21 Uhr ist es geschafft, die Bombe ist entschärft. Sie wird auf dem Sprengplatz Grunewald untersucht und zerlegt.

Es wird lange nicht die Letzte sein. Die Fachleute sagen, dass die Berliner noch 15 bis 20 Jahre mit den Bomben leben müssen. Denn insgesamt wurden zum Ende des Zweiten Weltkrieges rund 440.000 Tonnen Bomben auf Berlin abgeworfen. Nach Schätzungen sind davon 22.000 Tonnen nicht explodiert. Es handelt sich um 2000 oder 3000 Blindgänger. Bis heute werden die Spezialisten der Polizei statistisch zwei bis drei Mal am Tag zu Bomben- oder Munitionsfunden gerufen. Vergangenes Jahr wurden in der Stadt rund 60 Tonnen Geschosse, Granaten, Bomben und ähnliches aufgespürt oder zufällig entdeckt. Bis Juli 2000 grub man neun Bomben über 50 kg, 26 Phosphorbomben, 535 Granaten, 108 Raketen und andere Sprengkörper sowie 1696 Stück Waffen verschiedenster Art aus.