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Ringen um russische Restitution

Von Wolfgang Zaunbauer

Politik
Russlands Außenminister Sergej Lawrow überreichte 2009 anlässlich der Rückgabe von tausenden Akten zwei Archivalien symbolisch an Michael Spindelegger.
© © HOPI-MEDIA

Außenminister Spindelegger hofft auf Einigung noch in diesem Jahr.


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Wien. Die Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek ist eine der bedeutendsten und größten weltweit. Manche der 180.000 Objekte, die seit 2001 auf der Unesco-Liste "Memory of the World" als Weltdokumentenerbe geführt werden, sind mehr als 3500 Jahre alt. Doch trotz der Fülle schriftlicher Zeugnisse längst vergangener Zeiten ist die Sammlung nicht vollständig. Seit 1936 fehlen 570 sogenannte Pehlevi-Papyrus-Fragmente. Damals wurden sie zur Restauration nach Berlin gebracht, wo sie 1945 den Russen in die Hände fielen. Seither sind sie als russische Kriegsbeute in der Eremitage von St. Petersburg. Nun könnten die einzigartigen Schriftstücke wieder nach Wien zurückkehren.

Wie Außenminister Michael Spindelegger jetzt ankündigte, zeichnet sich eine Einigung mit Russland über die Rückgabe von Kulturgütern ab. Nach entsprechenden Gesprächen mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow in Wien erklärte Spindelegger, man sei "auf sehr gutem Weg". Der Außenminister hofft auf eine "Einigung noch heuer". Allzu viel erfährt man aber nicht über die Verhandlungen mit den Russen - wohl auch ein Zeichen dafür, wie kompliziert die Angelegenheit ist.

Jüdische Gemeinde, Freimaurer, Paneuropäer

An sich ist das Einvernehmen mit Russland diesbezüglich recht gut. So wurden im Juni 2009 tonnenweise österreichische Akten, die seinerzeit von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und schließlich von der Roten Armee erbeutet wurden, an Österreich zurückgegeben. Davor waren sie jahrzehntelang in einem Moskauer Archiv gelegen, wo sie von den Historikern Gerhard Jagschitz und Stefan Karner Mitte der Neunzigerjahre gefunden wurden. 2009 kamen die Schriftstücke - vor allem Behördenakten, aber auch Unterlagen politischer Parteien und Bewegungen - ins Staatsarchiv, wo sie seither "weitgehend aufgearbeitet" wurden, wie Archivar Rudolf Jerabek sagt. Die spannendsten Akten seien dabei sicher jene zur Vaterländischen Front. Hier finde man nun "alles, was man in der Boom-Zeit der diesbezüglichen Forschung in den Siebzigern vermisst hat".

So umfangreich die Rückgabe auch war (insgesamt 10.770 Aktenstücke), neben den Pehlevi-Papyri gibt es noch etliches, was noch immer in Russlands Archiven und Museen lagert. So wurden etwa 1600 Bücher aus der Sammlung Esterhazy seinerzeit verschleppt. Aber auch an Archivmaterial fehlt noch einiges, wie die Bestände der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG), der Wiener Freimaurerlogen, der Paneuropabewegung oder der ehemaligen Fürstenfamilie Reuss.

"Rückgabe von Kriegsbeute lässt Nationalstolz nicht zu"

Um diese Akten bemüht sich Lorenz Mikoletzky, der auch schon die Staatsarchivakten nach Österreich gebracht hat. Warum sich die Rückgabe gerade dieser Archivalien verzögert, kann Mikoletzky, der als Staatsarchiv-Generaldirektor mit Jahresbeginn in Pension ging, die Restitutionsverhandlungen bezüglich der Archive aber weiterhin führt, auch nicht erklären. Dass das Zurückhalten der jüdischen Akten einen antisemitischen Hintergrund haben könnte, schließt er aus. Auch seien seine russischen Verhandlungspartner "immer sehr entgegenkommend" und kooperativ. Daher ist der pensionierte Chef-Staatsarchivar auch vorsichtig optimistisch, dass noch heuer eine Einigung möglich ist. Allerdings könnten die Russen "nicht immer über ihren Schatten springen" - erst recht nicht jetzt, wo in Russland Wahlkampf herrsche (gewählt wird am 4. März). Doch "mit Geduld und Spucke" werde auch das gelingen, so Mikoletzky.

So optimistisch, vor allem was die russische Kooperationsbereitschaft angeht, ist Historiker Jagschitz nicht. Er sieht "leider eine sehr traurige Entwicklung in Russland, dass sie zum Westen hin wieder zugemacht haben". Außerdem würde Russland vor allem die beschlagnahmten Kulturgüter, etwa die Pehlevi-Papyri oder die Esterhazy-Sammlung, als Kriegsbeute betrachten - "da lässt es der Nationalstolz nicht zu, dass man etwas zurückgibt". Jedenfalls nicht im großen Stil.

Dieser Kritik will sich weder Mikoletzky noch Theresa Indjein, im Außenministerium zuständig für die Rückführung von Kulturgütern, anschließen. Doch im Außenamt räumt man ein, dass es nicht leicht sei, einen Konsens zu finden. So gebe es etwa Auffassungsunterschiede darüber, ob eine österreichische Einrichtung von heute die Rechtsnachfolgerin einer Vorkriegsinstitution ist und Anspruch auf deren Archivalien hat oder nicht. Doch der Minister sei bemüht, die Sache zu einem Abschluss zu bringen.

Das waren schon die beiden Vorgängerinnen von Spindelegger im Außenministerium, Benita Ferrero-Waldner und Ursula Plassnik. Bei fast jedem Treffen mit russischen Spitzenpolitikern wird das Thema seit bald 15 Jahren aufs Tapet gebracht. Schon 2001 hielt Ferrero-Waldner die Zeit für "reif, diese Angelegenheit zu einem für beide Seiten erfreulichen Abschluss zu bringen". Allerdings sollte es noch acht weitere Jahre dauern, bis Russland Akten retournierte. Auf die Esterhazy-Sammlung, die Pehlevi-Papyri und das IKG-Archiv wartet man bis heute.

Ungarn hat schon

Bücher restituiert

Im Jahr 2003 wurde immerhin ein Teil jener 1600 Bücher, die aus der "Bibliotheca Esterhazyana" geraubt wurden, an die Stiftung Esterhazy zurückgegeben. Allerdings nicht von Russland, sondern von Ungarn, wohin 334 Werke über die Jahre gelangt waren. Nun hofft die Esterhazy-Stiftung auf weitere rund 1000 kostbare Bücher aus dem 17. und 18. Jahrhundert. "Es schaut recht gut aus", hört man aus der Stiftung. Allerdings sei "die Sache noch etwas heikel, weil man gerade mitten in Verhandlungen ist". Daher hält man sich mit weiteren Informationen zurück.

"Das Archiv ist das Herz einer Gemeinde"

Auf einen Abschluss der Verhandlungen hofft auch die IKG. Allerdings müsse man erst einmal die Wahl in Russland abwarten, sagt Erika Jakubovits, Restitutionsbeauftragte der IKG. Doch dann besteht die Chance, dass in Wien eines der größten und wertvollsten Archive einer Kultusgemeinde in Europa entsteht. Dabei geht es nicht nur um wertvolle Handschriften, die bis zurück ins 14. Jahrhundert reichen, sondern auch um sehr persönliche Bild- und Schriftdokumente. "Das Archiv, das ist das Herz einer Gemeinde, weil es ihre Geschichte darstellt", sagt Jakubovits. Dabei muss die IKG nicht nur mit russischen Archiven verhandeln, sondern auch mit israelischen. Dorthin gingen nämlich in den Fünfziger- bis Siebzigerjahren große Teile der Archivs. Damals wollte man die Gemeinde in Wien aufgeben, weil man in Österreich keine Zukunft mehr sah. Mittlerweile hat Wien aber eine lebendige jüdische Gemeinde - und die will ihr Herz, ihre Geschichte zurück.

Zurückhaben will auch die Nationalbibliothek ihre Pehlevi-Papyri. Diese mehr als 500 in Mittelpersisch (eben Pehlevi) geschriebenen Texte sind deshalb so interessant, weil sie "aus einem engen und festlegbaren Zeitfenster" stammen, wie Bernhard Palme, Leiter der Papyrussammlung der Nationalbibliothek, erklärt. Sie können zeitlich und örtlich relativ genau festgelegt werden, denn die Perser (genauer: die Pehlevi sprechenden Sassaniden) herrschten nur von 619 bis 629 in Ägypten, wo die Texte gefunden wurden. "Die Papyri sind auch deshalb so interessant, weil es für Pehlevi nicht so viele Textbelege aus dieser Zeit gibt", sagt Palme.

Vor sieben Jahren, als anlässlich des 50-Jahres-Jubiläums das Original des Staatsvertrags nach Österreich kam, sah es auch bezüglich der Papyri sehr gut aus, sagt Johanna Rachinger, Generaldirektorin der Nationalbibliothek. Allerdings bestehe die größte Schwierigkeit darin, dass es noch immer kein russisches Restitutionsgesetz gebe. "Daran wird aber gearbeitet", so Rachinger.

Weil sich die Bemühungen um die Pehlevi-Papyri nun aber doch schon seit Jahren dahinziehen, hält sich Rachingers Optimismus, dass man zu einer raschen Einigung mit Russland kommt, in Grenzen. "Es wäre vermessen, zu sagen, nächstes Jahr haben wir die Papyri."