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Ringstraßenpalais am Ende der Welt

Von Robert Schediwy

Wissen

Die Stadt Punta Arenas im äußersten Süden von Chile erlebte ihre eigene Belle Époque. Der Panamakanal setzte der Blütezeit ein jähes Ende.


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Punta Arenas an der Magellanstraße: einst internationaler Umschlagplatz für Waren und Menschen.
© Andreas Faessler/Wikimedia - Creative Commons

Die Stadt Punta Arenas kann nicht gerade als vorrangiges touristisches Ziel gelten. Im Ringen um die südlichste Stadt der Welt ist sie dem argentinischen Ushuaia nur knapp unterlegen, und das Klima hier ist feuchtkalt - das ganze Jahr über.

Trotz dieser doch etwas ernüchternden Aspekte stellt man fest, dass man sich hier, in der Nähe des Südpols, auf eigentümliche Weise daheim fühlt: Der Hauptplatz der Stadt (Plaza de Armas) ist geschmückt durch eine ausnehmend hübsche zentrale Gartenanlage mit mächtigen Bäumen und einem bombastischen Magellan-Denkmal im Ringstraßenstil. Auch die gründerzeitlichen Häuserfronten rundum muten vertraut an. Im Café Tostado serviert man riesige Portionen wohlschmeckender Schokoladetorte, und gleich gegenüber findet sich ein Gebäudekomplex im Stil des französischen Fin de siècle, dem man auch im Wiener Cottageviertel begegnen könnte.

Sara Braun prägte Punta Arenas als Unternehmerin und Förderin.
© Wikimedia: public domain

Und immer wieder taucht in den Reiseführern wie auch in den Erklärungen der Einheimischen anerkennend und bewundernd der Name Sara Braun auf: Diese im Jahr 1955 hochbetagt verstorbene Unternehmerin spielt in der kollektiven Erinnerung dieses Städtchens, in dem man selbstironisch kokett behauptet, "am Ende der Welt" zu wohnen, offenbar eine große und positive Rolle. Sara Braun soll als Stifterin des 1920 errichteten Magellandenkmals aufgetreten sein und als Sponsorin des Porticus des kommunalen Friedhofs; zudem hat sie die Geschicke eines feuerländischen Wirtschaftskomplexes offenbar über Jahrzehnte erfolgreich geführt. Ihre ehemalige Villa aus den Jahren um 1900 wird heute mehrfach genutzt: als Hotel, Restaurant - und als Sitz des Club de la Unión de Punta Arenas. Im Palacio Braun-Menéndez wiederum ist heute das hübsche Museo re-gional de Magallanes untergebracht.

Der Kreuzfahrtpassagier, der nur wenige Stunden pro Hafen Zeit hat, freut sich, wenigstens ein stattliches Buch von diesem Landausflug mitnehmen zu können, und recherchiert mit steigendem Interesse weiter.

Es klingt seltsam, aber Punta Arenas an der Südspitze Chiles erinnert tatsächlich ein wenig an das gründerzeitliche Wien. Das dürfte auf wirtschaftliche Gründe, genauer gesagt, auf Parallelen der Konjunkturentwicklung, zurückzuführen sein. In beiden Fällen gab es eine Blütezeit in der Belle Époque vor 1914, die durch äußere Schockeinwirkung zu Ende ging. Im Falle Wiens war das der Ausgang des Ersten Weltkriegs und die plötzliche Degradierung einer imperialen Hauptstadt zum "Wasserkopf" eines Kleinstaates im Gefolge des Friedensvertrags von Saint Germain.

Im Falle Punta Arenas war es die Eröffnung des Panamakanals (fast gleichzeitig mit dem Kriegsbeginn 1914). Die daraus resultierende dramatische Verkürzung des Seewegs von der amerikanischen Ost- zur Westküste um etwa 15.000 Kilometer machte aus dem internationalen Umschlagplatz für Waren und Menschen ein Städtchen, das fortan wirklich "am Ende der Welt" gelegen schien.

Vor diesem epochalen Ereignis umsegelte mindestens ein Schiff pro Tag das gefürchtete Kap Hoorn, und ein bis zwei Schiffe legten auch tagtäglich in Punta Arenas an - das bot Gelegenheit zu Handel und anderen Kontakten. Menschen aus zahlreichen Ländern fanden sich hier ein - und siedelten sich auch an. Nahezu jede europäische Nation hatte ihren eigenen landsmannschaftlichen Klub, auch die Schweizer und die Österreicher. Kroaten kamen sogar in besonders großer Zahl. Den Ausschlag gab neben der Seefahrt noch ein anderer Faktor: Die Vegetation Feuerlands begünstigte die Schafzucht.

Punta Arenas um 1900 war also ein Ort, in dem man es zu etwas bringen konnte. - Dieser Meinung waren offenbar auch Elias Braun Fircks und seine Frau Sofia, geborene Hamburger, die 1874 mit ihren Kindern Moritz, Mayer, Oscar, Anna, Sara und Fanny in der südchilenischen Provinz auftauchten. Ob die aus Talsen in Kurland (damals zu Russland gehörig) stammende Familie russisch-orthodoxen Glaubens war, wie dies das prächtige, von Sara Braun errichtete Grabmal vermuten lässt, oder ob die Auswanderer aus dem heutigen Lettland den antisemitischen Ausschreitungen im Zarenreich entgehen wollten, scheint offenbar nicht ganz geklärt. Manche Quellen nennen als Geburtsort Saras auch Kiew. Aber das ist vielleicht nicht so wichtig.

Punta Arenas war im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts jedenfalls ein Ort, wo sich strebsame Auswanderer "neu erfinden" konnten. Elias Braun und die Seinen zählten damals zu den Aufsteigern. Die Besiedlung und wirtschaftliche Nutzbarmachung des weitgehend menschenleeren südlichen Chile wurde durch Landgeschenke der Regierung gezielt vorangetrieben.

Dies galt auch für die portugiesischstämmige Familie Nogueira. Die älteste Tochter von Elias und Sofia Braun, Sara Braun, heiratete 1887 José Nogueira, einen Pionier der Schafzucht und Gründer der Sociedad Explotadora de Tierra del Fuego. Im Jahr 1886 war es ihm gelungen, eine Million Hektar Land in der Provinz Magallanes zu erwerben. Als sein Gutsverwalter firmierte Saras Bruder Moritz, nun natürlich Mauricio genannt.

José Nogueira starb allerdings schon 1893, im Alter von nur 48 Jahren an der Tuberkulose. Er hinterließ seiner jungen Witwe ein enormes Vermögen, das sie wohl zu verwalten wusste. Sie überwachte die Baufortschritte des von ihrem Gatten bei dem französischen Architekten Numa Mayer bestellten Stadtpalais. Das Gebäude wurde 1890 fertiggestellt und 1905 ergänzt - die Baumaterialien und die Einrichtung wurden praktisch zur Gänze aus Europa importiert.

Geschäftsfrau und Philanthropin

Das Stadtpalais Sara Brauns in Punta Arenas ist als nationales Baudenkmal klassifiziert.
© Jgaldames/Creative Commons

Bis auf eine kurze Ehe mit dem Marineoffizier Leoncio Valenzuela Crespo in den 1920er Jahren widmete sich Sara Braun den größeren Teil ihres langen Lebens vorrangig ihren Geschäften - und der Philanthropie. Die Wohltäterin und Witwe zog sich zwar aus gesundheitlichen Gründen zunehmend auf ihren Landsitz im klimatisch günstigeren Viña del mar in Mittelchile zurück, behielt aber ihr Stadtpalais in Punta Arenas. Ihren Besitz an Schaffarmen in Chile und im südlichen Argenti-nien konnte sie noch deutlich erweitern.

Der architektonische Denkmalwert des Palacio Sara Braun wurde früh erkannt. Nach dem Tod der Unternehmerin wurde allerdings ein Großteil der Einrichtung verkauft, und auch der Abriss des Gebäudes stand lange zur Diskussion. Nicht zuletzt dank des Engagements der Honoratioren des 1959 gegründeten Club de la Unión von Punta Arenas konnte jedoch nach großen Turbulenzen, speziell in den 1980er Jahren, letztlich eine befriedigende Lösung gefunden werden.

Heute rangiert das Stadtpalais einer der ersten chilenischen Unternehmerinnen ebenso wie das Magellan-Denkmal des Bildhauers Guillermo Córdova auf der Plaza Muñoz Gamero als Monumento Nacional. Der Historiker Mateo Martinic und der Architekt Dante Baeriswyl, beide Funktionäre des Unionsklubs, haben dem Palais einen prachtvollen Band gewidmet, der diese "Ikone" des baulichen Erbes von Punta Arenas ins rechte Licht rückt.

Robert Schediwy, geboren 1947, lebt als Sozialwissenschafter und Kulturpublizist in Wien.