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Riskant denken

Von Walter Hämmerle

Leitartikel
Walter Hämmerle.
© Luiza Puiu

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Womöglich wird aus dem laufenden Gedenkjahr am Ende doch noch ein größeres Ganzes, eine schlüssige Aufarbeitung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, in deren Summe ein Erkenntnisgewinn zu finden ist. Wenn, dann wäre es den Rednern zu verdanken. Am Freitag war es an Philipp Blom, sich mit seiner Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele in der bisherigen Reihe der Festredner - André Heller, Michael Köhlmeier sowie Arik Brauer - einen eigenen, souveränen Platz zu suchen.

Blom, der deutsche Historiker und Autor, der in Wien lebt, fügte mit seinem Plädoyer für eine neu zu entdeckende Lust am "riskanten Denken" dem bisher Gesagten einen neuen Aspekt hinzu. Nach Hellers selbstkritischem Appell zum "Anschluss" 1938, Köhlmeiers Abrechnung mit der FPÖ anlässlich der Befreiung des KZ Mauthausen und Brauers Einladung zur Versöhnung in Erinnerung an den Sieg der Alliierten 1945.

Was meint Blom mit seiner Aufforderung zum riskanten Denken? Er will die Dynamik der Aufklärung gegen die Dogmen unserer Gegenwart richten und so den Aufbruch in eine neue wie lebenswerte Zukunft ermöglichen. Denn nicht zu Unrecht sieht der Historiker der Aufklärung des 18. Jahrhunderts in der Zukunftsverzagtheit und Gegenwartsversessenheit unserer aktuellen politischen Debatten eine Gefährdung.

Bleibt die Frage nach den Dogmen der Gegenwart, denen das eingeforderte riskante Denken den Kampf anzusagen habe. Blom selbst verweist hier auf den Rückzug auf die Nation, die Betonung von Grenzen, denen er die Werte von Offenheit und Solidarität entgegenstellt.

Allerdings bewegt sich Blom damit exakt in jenen Schützengräben, welche unsere Gegenwart spalten und prägen. Beide verfügen über eigene Dogmen. Hinterfragt und herausgefordert werden aber immer nur die Werte der Gegenseite. Und nie die moralischen Koordinaten der eigenen Standpunkte. Das ist so ziemlich genau das Gegenteil eines riskanten Denkens.

Riskant dagegen wäre, wenn sich nicht nur die eine Seite auf die penible Suche nach den Fehlern im Denken der anderen machen würde. Riskant wäre es, wenn sich das eigene Denken skrupulös der Herausforderung widmen würde, die eigene Moral auf mögliche Schwächen und Defizite abzuklopfen.

Aber diesen Mut bringen derzeit die wenigsten auf. Umso dringender geboten ist Bloms Aufforderung zu einer neuen Aufklärung, die es wagt, die Dogmen unserer Zeit mit Blick auf eine bessere Zukunft in Frage zu stellen.

Und noch etwas von grundsätzlicher Bedeutung: Nach vier Männern wäre jetzt vielleicht Zeit für eine Frau als Rednerin in diesem Gedenkjahr.