Robotersegen - nicht allen gelegen

Von Wolfgang Machreich

Reflexionen
Begegnung mit dem Segensroboter BlessU-2, der früher einmal ein Bankomat war.
© EKHN

Von Celeste bis BlessU-2: Die Avantgarde christlicher Theologie-Robotik ist umstritten.


Ingenieur Gabriele Trovato wollte auf Nummer sicher gehen und fragte im Vatikan nach, ob er mit seinen Gebetsrobotern im katholischen Rahmen bleibt. Das sei kein Problem, bescheinigte ihm die römische Kurie, solange seine Maschinen nur biblische und andere religiöse Texte zitieren, aber nicht auch selber auslegen.

Der Italiener Trovato forscht am Shibaura Institute of Technology in der japanischen Hauptstadt Tokio und hat sich auf Roboter, deren emotionale Möglichkeiten sowie die Beziehung zwischen Robotik, Kultur und Religion spezialisiert. Sein neuester Gebetsroboter ist ein auf einem Podest knieender Kunststoff-Engel aus dem 3D-Drucker mit Heiligenschein und LED-Kerze. "Gelobt sei der Herr. Guten Tag. Mein Name ist Celeste", stellt sich der Roboter als "Himmlischer" vor, "meine Rolle ist es, über Sie zu wachen, damit es Ihnen gut geht. Sie können mich alles fragen." Damit übertreibt der Roboterengel angesichts der vatikanischen Limitierung zwar, aber warum sollte nicht gerade ein Gebetsroboter menschliche Züge aufweisen.

Theomorphe Maschinen

Aus vier Programmen kann wählen, wer Celestes Sensor mit einem Fingerdruck aktiviert. Im Angebot stehen die Tagesheiligen, ihre Biographie und religiöse Bedeutung, Gebete zu den Themen "Angst", "Liebe", "Krieg", "Arbeit", "Reichtum" oder "Tod" und viele mehr sowie der gesamte Erfahrungsschatz der Bibel. Eine Künstliche Intelligenz stellt je nach Anfrage ein passendes Potpourri an Texten aus dem Alten und Neuen Testament zusammen. Wenn gewünscht, druckt Celeste auch eine personalisierte Frohbotschaft aus. Würde der Papst Celeste aktivieren, könnte der Zuspruch lauten: "Hallo Franziskus. Sei stark und steh fest; sei furchtlos und unerschrocken, denn geh, wohin du auch gehst, dein Gott ist mit dir."

Mitte März gingen Celeste und sein Konstrukteur an die Bochumer Ruhr-Universität und boten dort eine Antwortmöglichkeit auf die in Robotik und Theologie-Workshops gestellte Frage: "Roboter als Instrumente Gottes?" Forscherinnen und Forscher aus Europa, Japan und den USA diskutierten interreligiös und interdisziplinär über das Phänomen der "theomorphen Maschinen". Die Theologie wird sich in den kommenden Jahren mit dieser Frage auseinandersetzen müssen, ist Lukas Brand überzeugt, "wenn sie nicht nur den gesellschaftlichen Diskurs über Robotik und Künstliche Intelligenz, sondern auch die sich abzeichnende Integration von Robotersystemen in die religiöse Praxis aktiv mitgestalten will".

Brand ist Wissenschafter am Lehrstuhl für Religionsphilosophie und Wissenschaftstheorie der Ruhr-Universität Bochum. Gefragt nach den Reaktionen auf Celeste bei der Tagung über digitale Glaubensboten, antwortet Brand im Gespräch mit der "Wiener Zeitung": "Von der Idee und Technik her, damit die individuelle Spiritualität zu erweitern und möglicherweise eine neue Generation von Gläubigen anzusprechen, wurde das Modell positiv aufgenommen. Die Kritik bezog sich in erster Linie auf Design und Gestaltung. Die Engelsfigur und ihre Stimmlage hat einige irritiert. Aber Designfragen hängen stark vom Kontext ab, in dem man den Roboter aufstellt und vom Publikum, für das er entwickelt wurde."

Konzipiert ist Celeste vorrangig für die spirituelle Begleitung von Menschen in Seniorenzentren und Altenheimen. Brand hat Studien gemacht, wie der Gebetsroboter an diesen Orten aufgenommen wird: "Da haben wir sehr positive Rückmeldungen bekommen, die Leute sind begeistert und fragen immer nach, wann der Roboter wieder kommt." Die Studien zeigen laut Brand auch ein auf den ersten Blick überraschendes Ergebnis: Je älter die Leute, desto eher nehmen sie den Gebetshelfer an. "Die Grenze liegt bei 70 Jahren, darunter ist man eher kritisch, darüber großteils positiv eingestellt. Menschen, die selbst Heiligenfiguren besitzen, sind auch gegenüber dem Roboter offener als jene, die keinen Zugang zu solchen Statuen und Darstellungen haben."

Biblische Logik

Im Unterschied zu Brands Studienergebnis über die große Akzeptanz des katholischen Gebetsroboters Celeste bei älteren Personen kommt eine wissenschaftliche Auswertung von 2.000 schriftlichen Rückmeldungen auf den protestantischen Segensroboter BlessU-2 zu einem anderen Ergebnis: Probleme mit dem Segensroboter haben "meist ältere, deutsche, evangelische und hochkirchliche Personen". Grund dafür könnten die dieser Gruppe noch geläufigen Vorbehalte Luthers gegen "pfäffischen Segen" sein. Fast alle anderen finden BlessU-2 "äußerst inspirierend". Oder wie es ein "zunächst eher Skeptischer" nach der Robotersegnung ausdrückte: "Man muss sagen, es ist nicht so, dass es einem egal ist. Und die Botschaft ist ja trotzdem eine gute!"

Gekommen, um zu segnen: BlessU-2.
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In seiner Bauanordnung folgt der Segnungsroboter BlessU-2 auch konsequent althergebrachter biblischer Logik. So wie die Propheten aus Schwertern Pflugscharen schmiedeten und Jesus die Entscheidung zwischen Gott oder Mammon forderte, so verabschiedete sich BlessU-2 von seinem Beruf als Bankomat und folgt seither seiner segensreichen Berufung. Auftraggeber für den Roboter war die Evangelische Kirche von Hessen und Nassau. 2017 für die Weltausstellung in Wittenberg zum Reformationsjubiläum gebaut, verteilt der Automat seither Segenswünsche statt Banknoten. Schon in 50 deutschen Städten war er im Segenseinsatz, einmal besuchte er Manchester, einmal das Züricher Museum für Gestaltung; im Juni wird BlessU-2 beim Evangelischen Kirchentag in Nürnberg das machen, was er am besten kann: segnen und teils heftige Kontroversen auslösen. "Der hat das Christentum nicht verstanden. Schöne neue Welt. Nein!", schimpfte ein Kirchgänger in Nordrhein-Westfalen über den in der evangelischen Stadtkirche Oelde aufgestellten Roboter. "Im Auftrag Gottes kann dieser Kollege da nicht arbeiten", kritisierte ein anderer.

Teufel im Detail

Dass BlessU-2 nicht nur in Oelde emotionale Debatten bis hin zu Blasphemie-Vorwürfen über das Wesen von Segnen und die Frage auslöst, ob Gott auch durch einen Roboter segnen kann, gehört mit zu seinem Job. "Man merkt, es entsteht eine Beziehung zwischen Maschine und Mensch, selbst bei denen, die kritisch sind", beschreibt Fabian Vogt die Interaktion zwischen BlessU-2 und seinen Visavis. Vogt ist Theologe und der von seinem Science-Fiction-begeisterten Sohn auf die Idee gebrachte Initiator des Projekts. "80 Prozent der Leute sagen Danke, nachdem sie den Segen empfangen haben", erzählt Vogt. Lässt man sich auf die Begegnung mit BlessU-2 ein, kann man zwischen sieben Sprachen, weiblicher oder männlicher Stimme, traditionellen Formeln oder Worten zu Ermutigung, Begleitung und Erneuerung wählen. Dann hebt der Roboter die Arme und spricht den Segen für die vor ihm stehende Person. Wer will, kann sich den Text auch wie von Celeste ausdrucken lassen. Dass BlessU-2 wie ein klassischer Blechroboter ausschaut und kein menschenähnliches Äußeres bekam, war eine bewusste Entscheidung, sagt Vogt: "Er soll wie eine Maschine aussehen, aber eine menschliche Stimme haben. Wir wollen ja den Kontrast zwischen kirchlichem Handeln und immer weiterer Maschinisierung thematisieren."

Ingenieur Trovato war bei seiner Roboter-Gestaltung mit ähnlichen Anforderungen konfrontiert, beschreibt Lukas Brand den Entstehungsprozess von Celeste. Dessen Vorgängermodell Santo war der erste katholische Roboter weltweit und betete, als grauer Plastikmönch gestaltet, in einer Art Mini-Kapelle. Bei manchen Betern entstand bei Santo jedoch der Eindruck, dass sie nicht mit ihm, sondern zum Plastikmönch beteten. Daraufhin wechselte der Ingenieur zum Engel, dem klassischen Botschafter zwischen Himmel und Erde.

Dass sich Celestes Stimme "ein bisschen ätherisch anhört", erklärt Brand mit der geschlechterüber-greifenden Vorgabe, den Gebetsroboter nicht eindeutig männlich oder weiblich sprechen zu lassen. Deswegen wurde die Tonhöhe einer computergenerierten weiblichen Stimme "etwas runter gepitcht", was mitunter als unheimlich empfunden wurde. Womit bewiesen ist, dass selbst beim frommen Roboterwerk der Teufel im Detail steckt - und das weltweit.

Bekenntnis zu Ethik

So setzen die in anderen Bereichen fundamentalistisch-konservativen saudischen Islamwächter bei der Koranrezitation in Mekka und Medina auf soziale Roboter. In einer anderen Konfiguration verteilen sie Mekkas heiliges Quellwasser an die Hadsch-Pilger. Im asiatischen Raum werden ebenfalls bereits seit Jahren Brücken über die Kluft zwischen Theologie und Robotik gespannt. Am Stadtrand von Peking bringt der kniehohe Robotermönch Xian’er Tempel-Besuchern buddhistische Weisheiten näher. Und der Androide Mindar wurde zur weltweiten Sensation, als er 2019 als digitaler Geistlicher in einem japanischen Tempel zu predigen begann. Von Japanern erhalte der von der Universität Osaka entwickelte Mindar viele positive Rückmeldungen, lautete der damalige Tenor. "Wir sind mit Comics aufgewachsen, in denen Roboter unsere Freunde sind", erklärte ein Mönch diese Offenheit. Kritik kam vor allem aus dem Westen, wo man den außergewöhnlichen buddhistischen Gelehrten mit Frankensteins Monster verglich.

Mindar wurde zur weltweiten Sensation, als er 2019 als digitaler Geistlicher in einem japanischen Tempel zu predigen begann.
© imago/Kyodo News

Dass im asiatischen Raum "theomorphe Maschinen" mehr verbreitet sind, hängt für Lukas Brand mit der dort generell vorherrschenden Affinität zu Maschinen und Robotern zusammen. Theologische Robotik wird seiner Meinung nach aber auch in Europa und in den christlichen Kirchen während der nächsten Jahre mit Sicherheit zunehmen: "Es ist kein Zufall, dass Gabriele Trovato katholisch ist. Er hat Celeste aus seinem eigenen kulturellen und religiösen Hintergrund heraus entwickelt. Ich glaube nicht, dass er versuchte, eine Entwicklung voranzutreiben, die zwingend notwendig ist, aber er hat auf jeden Fall eine Lücke entdeckt."

Eine Nische, die auch der Papst gutheißt. Nachdem ein von Künstlicher Intelligenz erzeugtes Foto von Franziskus im weiß-glänzenden Steppmantel auf Social-Media-Plattformen viral ging, sagte er in einem Kirche-Technik-Gespräch im Vatikan: "Ich bin davon überzeugt, dass die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz und Maschinenlernen das Potenzial hat, auf positive Weise zur Zukunft der Menschheit beizutragen."

Dazu brauche es aber das fortwährende Bekenntnis der Entwickler, ethisch und verantwortungsbewusst zu handeln. Besser hätte es weder Celeste noch BlessU-2 ausdrucken können.

Wolfgang Machreich ist freier Autor und Journalist.