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Roma greifen zum Selbstschutz

Von WZ-Korrespondentin Karin Rogalska

Europaarchiv

Auch Volksgruppenvertreter warnen vor "Kriegsspielen".


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Budapest. Noch schwanken die Ungarn, was sie von Ferenc Bago halten sollen. Auf Facebook hat er die Gründung der ersten "Zigeuner-Garde" im Lande verkündet, der er selbst unter der Bezeichnung "Colonel Daflics" vorstehen will. Dabei handelt er angeblich im Auftrag einer Organisation namens "Pecser Zigeunerverein". Die "Zigeuner-Garde" soll Roma, Juden "und andere bedrohte Minderheiten" schützen.

All das ist ganz offensichtlich eine Gegenreaktion auf die berüchtigte "Ungarische Garde" der Rechtspartei Jobbik. Sie wurde 2007 gegründet und 2009 durch das Verfassungsgericht verboten. Doch nur wenige Tage später meldete sie sich als "Neue Ungarische Garde" zurück.

Beschränkte sich die "Ungarische Garde" noch auf lautstarke Aufmärsche vor allem in der Millionenmetropole Budapest, sorgt die Nachfolgeorganisation in erster Linie auf dem Lande für Angst und Schrecken. Ihre Sympathisanten formieren sich mit Vorliebe zu "Bürgerwehren", die Gemeinden vor Roma "schützen und notfalls auch von ihnen säubern".

Für Aufsehen sorgten insbesondere die Ereignisse in Gyöngyöspata eine Autostunde nordöstlich von Budapest. Ein gutes Vierteljahr lang marschierten dort im Frühjahr 2011 Angehörige der "Bürgerwehr" auf. Sie genossen die Unterstützung des Bürgermeisters. Die Polizei schritt nicht ein, da es zu keinen größeren gewaltsamen Zusammenstößen gekommen sei. Die Regierungspartei Fidesz, allen voran Innenminister Sandor Pinter, sieht sich seither dem Vorwurf ausgesetzt, das Treiben der Rechtsextremen sehenden Auges zu dulden.

Der Journalist Mate Boka hat zuerst über Bagos Pläne bericht. Wie viele hofft er, "dass es sich nur um einen Bluff handelt". "Aber wer weiß?", lautet nicht nur seine bange Frage. Niemand mag sich ausmalen, was geschieht, wenn Rechte und Roma tatsächlich massiv aneinander geraten.

400 Mitstreiter stehen bereit

Bago selbst dementiert auf Facebook, dass er Geld für den Kauf von Waffen gesammelt habe. 400 Mitstreiter will er inzwischen um sich geschart haben, weitere 8000 hofft er, im ganzen Land anzuwerben.

Einiges deutet darauf hin, dass Bago ein Einzelkämpfer mit brachialer Ausdrucksweise ist. Roma-Vertreter in Pecs und der weiteren Umgebung distanzierten sich jedenfalls von ihm. Die Roma-Selbstverwaltung in Pecs wies darauf hin, dass es schon Verträge mit anderen Vereinigungen und Netzwerken gebe. Istvan Kovacs von der Roma-Selbstverwaltung im nahen Mohacs sagte, er sei nicht "für Kriegsspiele", wenngleich er für ein Einschreiten gegen die rechten Gardisten plädiert.

Nicht wenige hatten spätestens nach den Ereignissen in Gyöngyöspata damit gerechnet, dass die Roma eines Tages zur Gegenwehr ansetzen würden. Vielleicht brachten die jüngsten Provokationen von rechten Gardisten das Fass bei Bago zum Überlaufen. Vor Kurzem ist nämlich eine "Bürgerwehr" in Veszprem nahe des Balatons aufmarschiert. Damit erreichte die Gewalt von Rechts eine neue Qualität. Zuvor hielt man die "Neue Ungarische Garde" für ein Problem, das allein den strukturschwachen Osten etwas angeht.

Hungerstreik angekündigt

Auch in der Slowakei formiert sich unter den Roma zusehends Widerstand. Die Union der Roma hat einen Hungerstreik von knapp 3000 Angehörigen der zweitgrößten ethnischen Minderheit im Lande angekündigt. Die Roma wollen so lange protestieren, bis sie von der Regierung zum direkten Gespräch gebeten werden. Seit dem Machtwechsel habe sich nichts getan, begründet der Vorsitzende Frantisek Tanko die Aktion. Dabei spitze sich vor allem in der Hohen Tatra die Lage zu, vielerorts habe kein einziger Rom mehr Arbeit.