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Die in der Slowakei lebenden Roma schöpfen Hoffnung aus der EU-Mitgliedschaft, die in Griffweite ist. Die mangelnde Integration der Volksgruppe in das Gesellschaftsleben wurde von der Kommission in Brüssel mehrfach angeprangert.
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"Seit 600 Jahren leben die Roma an der Peripherie der Gesellschaft - und fühlen sich minderwertig", so Eugen Brindzak, Direktor des Gemeindezentrums für Roma in Trencin. In der herausgeputzten Kleinstadt (60.000 Einwohner) im Nordwesten des Landes steht auch noch eine renovierte Synagoge - die heute allerdings als Ausstellungsraum fungiert. Mehr als 40.000 Juden wurden 1942 aus der Slowakei vertrieben.
Zum Lokalaugenschein empfangen uns die Roma in ihrem Gemeindezentrum, das in abgewohnten Räumlichkeiten im zweiten Stock eines Wohnhauses eingerichtet ist. Als eine Angestellte des benachbarten Büros vorbei geht, schüttelt sie ob des Besucherandrangs den Kopf. Auf mehr als 400.000 wird die Anzahl der Roma in der Slowakei geschätzt; das wären fast zehn Prozent der gesamten Einwohnerzahl. Tatsächlich als Roma bekannt haben sich bei der Volkszählung im Vorjahr jedoch nur 90.000. "Wenn sich weniger melden", runzelt Direktor Brindzak die Stirn, "bekommen die Roma auch weniger finanzielle Mittel" - und der Druck zur Assimilation nimmt zu. Die meisten Roma leben in der Ost-Slowakei; in Kosice, der zweitgrößten Stadt der Slowakei, sollen es an die 150.000 sein. Seit 1990 sind sie als Volksgruppe anerkannt.
"Unter dem Kommunismus ist es uns besser gegangen, was Arbeit und Bildung betrifft", bekennt Brindzak. Die Einschulung der Roma war an die Kinderbeihilfe gekoppelt. Lehrer, die zusätzlich Roma unterrichteten, verdienten mehr.
Isolation
"Heute sind 90 Prozent der Roma arbeitslos", berichtet der Chef des Roma-Zentrums. 50.000 bis 100.000 würden "völlig isoliert" außerhalb von Orten leben, ohne Infrastruktur wie Straßen, Strom oder Kanalisation. Eine Roma-Familie hat fünf bis 14 Kinder. Da scheint das Zentrum in Trencin nur ein Tropfen auf den heißen Stein zu sein. Das Büro, das mit der Liga für Menschenrechte zusammen arbeitet, kümmert sich um die Freizeitgestaltung der Roma-Kinder; Vorschul- sowie Nachhilfeunterricht werden ebenso angeboten wie Rechtshilfe. Gerade die Roma seien von der im Kreis Trencin zum Teil stark vertretenen Neonazi-Szene betroffen.
Zum Ausbau der Infrastruktur in Roma-Siedlungen, zur Integration der Kinder in die Schulen, für Arbeitsmarkt- und Informationsprogramme stellt die Europäische Union bereits Mittel aus dem Vorbeitrittsfonds "Phare" zur Verfügung. Die Finanzspritze der EU ist von zwei Mill. Euro im Jahr 2000 auf acht Mill. Euro in diesem Jahr gestiegen. Insgesamt erhält die Slowakei für das "Phare"-Programm mehr als 43 Mill. Euro (2001).
Die Roma verlangen einen "Minderheitenbeauftragten". Die Gestaltung ihrer Integration solle "der Basis" überlassen werden. "Es gibt zehn Millionen Roma weltweit", argumentiert Direktor Eugen Brindzak. "Wir wollen daher auch einen Unterricht in Romski." Dem widerspricht Martina Holecova vom staatlichen Institut für Öffentliche Angelegenheiten: Die Roma-Sprache sei für einen Unterricht nicht geeignet, weil sie zu wenig abstrakte Begriffe (der westlichen Welt) habe. Außerdem zitiert die junge Beamtin eine Umfrage des eigenen Instituts, wonach sich 80 Prozent der Roma für einen Unterricht ihrer Kinder mit der Mehrheitsbevölkerung ausgesprochen hätten.
"Wir nehmen an, dass die Situation für uns nach dem EU-Beitritt der Slowakei besser wird", ist Brindzak hoffnungsvoll. "Die Roma kennen keine Grenzen." Was sie sich noch wünschen: Dass bei den nächsten EU-Wahlen je ein Roma pro Land kandidiert. hh
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