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"Rote Biotechnologie" hat hohes Marktpotenzial

Von Hans-Paul Nosko

Wirtschaft

Der Biotechnologie wird ein großes wirtschaftliches Potenzial eingeräumt. Im Bereich der pharmazeutisch-medizinischen Anwendungen konnte sich Österreich in den vergangenen Jahren gut positionieren. Internationale Konzerne wie Baxter, Boehringer-Ingelheim oder Novartis haben ihre Österreich-Niederlassungen ausgebaut bzw. mit neuen Aufgaben betraut, aber auch kleinere Firmen behaupten sich auf dem Markt. Die Boston Consulting Group prophezeit Österreich eine Vervielfachung der Arbeitsplätze in den kommenden Jahren. Zur Zeit machen sich Biotechniker allerdings Sorgen um die Absicherung der heimischen Biotech-Standorte. So fordert der Präsident der Arbeitsgemeinschaft Austrian Biotech Industry (ABI), Ernst Leitner, neben einer Konsolidierung der österreichischen Forschungsförderung die rasche Umsetzung der EU-Richtlinie für Biopatente. Darüber hinaus solle die Politik mehr positives Engagement in Sachen Biotechnologie zeigen.


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Ihre Gegner sagen meist "Gentechnik", die Befürworter sprechen lieber von "Biotechnologie" und verstehen darunter die gemeinsame Anwendung verschiedener Wissenschaften, wie Biochemie, Mikrobiologie, Zellbiologie und Verfahrenstechnik mit dem Ziel, die technische Anwendung des Potenzials der Mikroorganismen, Zell- und Gewebekulturen sowie Teilen hiervon zu erreichen. Unbestritten ist, dass in den Produkten ein enormes Marktpotenzial liegt.

Für Österreich kam die renommierte Boston Consulting Group im Jahr 2001 zu dem Schluss, dass im Bereich der "Roten Biotechnologie", dem Pharma- und Medizinbereich, große Wachstumschancen lägen. So werde die Zahl der Arbeitsplätze von damals einigen hundert bis zum Jahr 2015 auf rund 2.500 wachsen. Zusätzlich könnten etwa 5.000 neue Stellen in der Entwicklung und 2.500 in der Produktion und bei technischen Dienstleistungen geschaffen werden.

Die "drei B" investieren stark in Österreich

Tatsächlich ist in der jüngsten Vergangenheit einiges ins Rollen gekommen. Vor allem Österreichs "Drei B" - Baxter, Boehringer-Ingelheim und die Novartis-Tochter Biochemie -, die etwa drei Viertel des heimischen Biotech-Marktes abdecken, haben ihre Aktivitäten deutlich gesteigert.

So hat etwa der US-amerikanische Weltkonzern Baxter, der 1997 die Immuno AG übernahm, seine Niederlassungen hierzulande kräftig ausgebaut. "Österreich ist mittlerweile unser zweitgrößter Standort außerhalb der USA", sagt Baxter Österreich-Sprecher Frank Butschbacher. Zwei Drittel des Geschäftsbereichs Biotechnologie befinden sich in den Standorten Wien, Krems und Orth a.d. Donau, Wien ist Baxters größter Standort für Forschung und Entwicklung.

Der Produktschwerpunkt liegt auf gentechnisch hergestellten Präparaten zur Blutgerinnung und auf Impfstoffen wie jener gegen FSME.

In Krems wurde vor einigen Wochen der Rohbau für die Produktion eines Influenza-Impfstoffs fertig gestellt. Dort arbeiten derzeit 70 Personen. "Bis 2005 soll die Belegschaft auf 300 wachsen", so Butschbacher.

Der deutsche Pharma-Konzern Boehringer Ingelheim baut in Österreich ebenfalls aus. "Der Standort Wien ist ein Schlüsselfaktor der internationalen Biopharmazie-Strategie von Boehringer Ingelheim" stellte Rolf Werner, verantwortlich für den Geschäftsbereich Biopharmazie bei Boehringer Ingelheim, fest.

Im März dieses Jahres erfolgte der Spatenstich für ein Produktionsgebäude zur Herstellung biopharmazeutischer Arzneimittel. Damit soll die bestehende Produktionskapazität in Wien verdoppelt, 200 hochqualifizierte Arbeitsplätze zusätzlich geschaffen werden, so das Unternehmen. Die Inbetriebnahme ist für Mitte 2005 geplant.

Mit einem Gesamtbetrag von 60 Mill. Euro für Errichtung von Gebäude, Produktionsanlage und zugehöriger Infrastruktur handle es sich um die höchste Investition von Boehringer Ingelheim am Standort Wien seit seinem 55-jährigen Bestehen.

Die Novartis-Tochter Biochemie hat im vergangenen Februar die Struktur ihrer Abteilung für Generika (Kopien bewährter Medikamente zu wesentlich günstigeren Preisen) neu geordnet und eine weltweite Organisation geschaffen. "Das Top-Management für Generika sitzt in Wien", betont Biochemie-Geschäftsführer Ernst Leitner.

Im vergangenen Jahr hat die Biochemie die Ausgaben für F&E um 25 Prozent auf 129 Mill. Euro gesteigert, in die Modernisierung der Standorte Kundl und Schaftenau wurde mit insgesamt 134 Mill. Euro knapp doppelt so viel investiert wie im Jahr davor. 221 zusätzliche Arbeitsplätzen wurden nach Angaben des Unternehmens im Vorjahr geschaffen. Die Biochemie produziert fast ausschließlich für den auswärtigen Markt: "2002 lag unsere Exportquote bei 98 Prozent", betont Leitner.

Trotzdem herrscht beim Biochemie-Chef keine ungetrübte Freude. "Wir haben drei große Forderungen an die neue Bundesregierung", sagt Leitner, der auch Präsident der Arbeitsgemeinschaft Austrian Biotech Industry (ABI) ist.

Zum einen solle die EU-Richtlinie für Biopatente so schnell wie möglich auch in Österreich umgesetzt werden. Diese sieht die Patentierbarkeit von Mikroorganismen, Pflanzen und Tieren vor sowie von Verfahren zu deren Herstellung, wenn diese so verändert wurden, dass eine gewerbliche Nutzung möglich ist.

"Sollte sich die Umsetzung lange verzögern, würde dies vor allem die Lage kleiner und junger Biotech-Firmen erheblich erschweren, warnt Leitner, der die zahl dieser "Start-Ups" auf ein gutes Dutzend schätzt.

Darüber hinaus plädiert der Biochemie-Chef wie auch Vertreter anderer Branchen für eine Konsolidierung der heimischen Forschungsförderung und vor allem für ein stärkeres Engagement der Politik in Sachen Biotechnologie: "In Wien passiert da etwas, aber aus den Bundesländern habe ich ganz andere Dinge gehört", beklagt der Tiroler. So wolle etwa Oberösterreich sich zur gentechnik-freien Zone erklären, und auch in seinem Bundesland liege ein derartiger Antrag der Grünen auf dem Tisch. Leitner: "Was wir jetzt brauchen, ist political leadership bei der Biotechnologie."