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Rote Fahne schützt Sushi-Lokale

Von WZ-Korrespondent Wu Gang

Politik

Der Nervenkrieg um die umstrittene Inselgruppe Senkaku-Diaoyu spitzt sich zu.


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Peking.

Im Streit um die Inselgruppe Senkaku-Diaoyu dreht sich die Spirale der Eskalation schneller. Am Wochenende ist es in 50 chinesischen Städten zu Demonstrationen und Protesten gekommen, teilweise kam es auch zu Übergriffen auf japanische Unternehmen und Einrichtungen. In Shenzhen meldete der Sender Cable TV Zusammenstöße mit der Polizei, in Schanghai protestierten mehr als tausend Menschen vor dem Generalkonsulat. In der Hauptstadt Peking gingen tausende Menschen auf die Straße, Demonstranten warfen Steine und Flaschen auf das Botschaftsgebäude, japanische Flaggen wurden verbrannt und Japan-feindliche Parolen skandiert. Als einige Teilnehmer der Kundgebung die Absperrungen um die Botschaft durchbrachen, konnten sie von den Sicherheitskräften nur mit Mühe zurückgedrängt werden. Die Polizei riegelte die Botschaft und die umliegenden Straßen daraufhin ab. In der angrenzenden Restaurantmeile "Lucky Street" versuchten sich verängstige Besitzer von Sushi-Lokalen durch das Anbringen chinesischer Flaggen vor Angriffen zu schützen. "Wir haben Angst, wir wissen nicht, wohin das noch führen soll. Die Lage ist völlig außer Kontrolle", sagte der Betreiber eines Tischgrill-Lokals.

Die Demonstranten auf der Straße ließen ihren Zorn indessen freien Lauf. Die Nachricht vom Tod des neuen japanischen Botschafters löste beispielsweise Beifall aus. Der 60-jährige Shinichi Nishimiya war erst wenige Tage zuvor zum neuen Gesandten ernannt worden, als er am Donnerstag auf offener Straße in Tokio zusammenbrach; am Sonntag verstarb er an den Folgen einer nicht näher genannten "Krankheit" in einem Spital. Nishimiya hätte dem in seiner Heimat nicht unumstrittenen Uichiro Niwa folgen sollen, der sich stets gegen den Kauf der Inseln ausgesprochen hatte, woraufhin er sowohl von der Regierung als auch von der Opposition scharf kritisiert wurde.

Seine Appelle zur Mäßigung halfen nichts, im Gegenteil, die Begleitmusik rund um die Inselgruppe und ihren Kauf wurde immer schriller. Vier der fünf Inseln waren bislang in japanischem Privatbesitz, eine gehört der Stadt Tokio. Vor zwei Wochen hat die japanische Regierung drei Inseln der Familie Kurihara für umgerechnet 21 Millionen Euro abgekauft. Japan kontrolliert die unbewohnten Felseninseln seit 40 Jahren, nachdem sie von den USA, die sie im Zweiten Weltkrieg erobert hatten, aufgegeben worden waren. Mit dem endgültigen Kauf wollte Japans Regierungschef Yoshihiko Noda der Stadtregierung von Tokio unter ihrem nationalistischen Gouverneur Shintaro Ishihara zuvorkommen. Dieser wollte Befestigungsanlagen mit dem Ziel eines künftigen Militärstützpunktes auf ihr errichten.

Die Aktion kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, denn die politische Situation in China ist vor dem Machtwechsel im Oktober ohnehin sensibel und angespannt. China macht alte Ansprüche aus der Zeit der Ming-Dynastie geltend, Ministerpräsident Wen Jiabao bezeichnete den Kauf der Inseln als "völlig illegal", man werde "keinen Zentimeter nachgeben". Seitdem überschlagen sich die Ereignisse: Sechs chinesische Patrouillenschiffe wurden vergangene Woche in das Gewässer entsandt, das chinesische Militär führt Manöver mit scharfer Munition durch und das Staatsfernsehen CCTV sendet jeden Tag einen Wetterbericht für die unbewohnten Inseln. Zu Recht machte sich Japans Ministerpräsident Noda zuletzt Sorgen um die Sicherheit seiner Landsleute: "Die Situation ist eine große Enttäuschung für uns, und deshalb protestieren wir", sagte er im japanischen Fernsehen. "Wir möchten, dass China die Lage überwacht, damit japanische Bürger und Unternehmen nicht gefährdet sind."

Panetta warnt vor Krieg

US-Verteidigungsminister Leon Panetta, der sich auf Dienstreise in Tokio befindet, warnt indessen sogar vor einem Krieg: "Ich bin besorgt, wenn ich sehe, dass Länder verschiedene Provokationen begehen." Im Kriegsfall wären die USA Japan durch den geltenden bilateralen Sicherheitsvertrag zum Beistand verpflichtet. China sieht sich zudem durch ein japanisches Raketenabwehrsystem gefährdet.

Ein Ende der Eskalation ist nicht abzusehen: Für Dienstag, dem Jahrestag des sogenannten Mukden-Vorfalls, der 1931 zur japanischen Invasion der Mandschurei führte, werden weitere schwere Ausschreitungen erwartet.