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Rückkehr ins Ungewisse

Von WZ-Korrespondent Markus Bickel

Politik

Zehntausende Rückkehrer finden nur mehr zerstörte Wohnungen vor. | Tyrus. Hassan Fayad ist erleichtert. "Zum Glück sind nur die Fensterscheiben kaputt", sagt der Libanese, als er seine im zweiten Stock gelegene Wohnung von der Straße aus wieder sieht. "Ich dachte, vielleicht ist das ganze Haus zerstört."


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Zwei Tage nach Verhängung des Waffenstillstandes zwischen Israel und Libanon, ist er zum ersten Mal zurück in seiner Heimatstadt, um zu sehen, ob es sicher genug ist, auch den Rest der Familie bald zurückzubringen.

Auf der Einfahrtsstraße nach Tyrus sind immer noch einige zerschossene Wagen zu sehen, alle paar Dutzend Meter Spuren eines Bombeneinschlags. Am großen Kreisel haben Angehörige der Hisbollah Lautsprecher montiert. Die gelben Fahnen mit dem Maschinengewehr wehen im warmen Wind, Ausschnitte aus Reden von Generalsekretär Hassan Nasrallah sind unterlegt mit antiisraelischen Gesängen. Die Geschäfte in Fayads Straße im Stadtzentrum sind geschlossen, nur vor seinem Stammcafe sitzen ein paar Bekannte. Sie haben schlechte Nachrichten: Sein Schwager ist am Wochenende ums Leben gekommen.

Stau vor zerbombten Autobahnbrücken

Traurige Neuigkeiten, wie sie die Zehntausenden Rückkehrer, die sich seit Montagfrüh auf den Weg in ihre teils vor mehr als einem Monat verlassenen Orte gemacht haben, zuhauf erfahren. Ein schier endloser Stau reicht von Beirut bis ins 45 Kilometer südlich gelegene Saida. Weil auf der Strecke fünf Autobahnbrücken von israelischen Militärs zerbombt wurden, schlängelt sich die Kolonne entlang der alten Uferstraße oder etwas oberhalb auf Nebenstraßen.

Drei Stunden dauert die Fahrt von Beirut nach Saida, in Friedenszeiten braucht man für die Strecke gerade einmal vierzig Minuten. Das Nadelöhr in den Süden aber sorgt für noch längere Wartezeiten: Bei brütender Hitze stehen am Nachmittag weit über hundert Pkw, Klein- und Großbusse sowie Lastwagen vor dem notdürftig mit Lehm aufgeschütteten Flussbett des Litani, etwa 15 Kilometer nördlich von Tyrus. Die Brücke über den Fluss wurde von israelischen Kampffliegern zerschossen. Jetzt werfen die Piloten nur Flugblätter ab: Solange die libanesische Armee nicht in den Südlibanon eingerückt sei, warne die israelische Armee jeden davor, den Litani zu überqueren, heißt es auf den von vielen Libanesen eilig zerrissenen Zetteln. Und weil jeder der erste sein will, verzögert sich die Fahrt über den Notübergang weiter - laut UN--Sicherheitsratsresolution 1701 soll südlich des Flusses künftig kein Hisbollah-Kämpfer mehr unterwegs sein dürfen.

Hisbollah will beim Wiederaufbau helfen

Ein frommer Wunsch, der den internationalen Soldaten der Libanon-Schutztruppe noch einige Probleme bereiten dürfte. Denn auch wenn überall auf der Strecke zwischen Saida und Tyrus libanesische Soldaten und Polizisten zu sehen sind, so hat das in schwarzen oder grauen Hemden mit Walkie-Talkies auftretende Hisbollah-Sicherheitspersonal den Verkehrsregelung hier fest im Griff. Und nicht nur das: "Sayid Hassan Nasrallah hat gesagt, dass die Männer beim Wiederaufbau helfen sollen", nennt Fayad einen weiteren Grund, weshalb er bereits jetzt zurück nach Tyrus gekommen ist.