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Rücktritt kaum denkbar

Von Heiner Boberski

Politik

Wie lange hält der kranke Papst noch durch? Wer regiert in dieser Phase die römisch-katholische Kirche? Wer könnte sein Nachfolger werden? Diese Fragen beschäftigen momentan | neben gläubigen Christen auch die breite Öffentlichkeit.


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Welche Lebensdauer Johannes Paul II. noch beschieden ist, können auf Erden wohl nur seine Ärzte abschätzen. Faktum ist, dass die Medien seit 1992 - damals musste sich der Papst einer Darmoperation unterziehen- immer wieder Mutmaßungen über seinen Gesundheitszustand anstellten, während die Nachrichten aus dem Vatikan dazu spärlich flossen. Auch die Parkinson-Erkrankung wurde von Vatikan-Sprecher Joaquino Navarro-Vals erst nach Jahren bestätigt. Der sicher sehr behutsam formulierende Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, ließ sich jedenfalls schon einmal zu der Aussage hinreißen, dass das Leben des polnischen Pontifex in seine letzte Phase eingetreten sei.

Spekulationen, Johannes Paul II. könnte wegen seiner angegriffenen Gesundheit zurücktreten, trat er stets entgegen. Bei einem seiner Spitalsaufenthalte machte er 1994 dem ihn behandelnden Arzt sein Amtsverständnis klar: "Professor, für Sie und mich gibt es nur eine Wahl: Sie müssen mich heilen. Und ich muss gesund werden, weil es keinen Platz für pensionierte Päpste gibt." 2003 bekräftigte der Papst seinen Willen, trotz seiner Leiden durchzuhalten: "Auch Christus ist nicht vom Kreuz gestiegen." Bei dieser Haltung blieb er.

Fest steht, dass seit Cölestin V. im Jahr 1294 kein Papst freiwillig abgetreten ist, und dass seit dem Konzil von Konstanz 1415 keine Macht der Welt einen Papst zum Amtsverzicht zwingen konnte. Ein Rücktritt wäre zwar vom Kirchenrecht her möglich, einzelne Päpste sollen ihn auch schon erwogen haben, aber letztlich blieben alle bis zum Tod auf ihrem Posten. Da der Papst oberste Instanz ist, kennt die katholische Kirche auch kein Verfahren, um einen Papst im Extremfall absetzen zu können, auch wenn er sein Amt absolut nicht mehr ausüben könnte.

Der Jesuit Thomas J. Reese hat in seinem Buch "Im Inneren des Vatikan" beschrieben, wie man früher mit einem für sein Amt nicht mehr fähigen Papst umging: "In der guten alten Zeit hätte ihn sein Stab in seine Gemächer eingesperrt und die Kirche bis zu seinem Tod weitergeführt. In der schlechten alten Zeit hätte ihn einfach jemand vergiftet. Heute wäre angesichts der Wachsamkeit der Medien wohl beides nur schwer zu bewerkstelligen."

Natürlich läuft der Betrieb auch ohne Papst weiter. Was getan werden darf, wird in den Kurienbehörden - mit Kardinal-Staatssekretär Angelo Sodano an der Spitze - getan. Aber die dem Papst vorbehaltenen Entscheidungen, zum Beispiel die Ernennung von Bischöfen und andere Personalentscheidungen, die Approbierung wichtiger Dokumente, bleiben liegen. Die Kurie arbeitet zwar gern selbstständig, aber sie will auch nicht den Eindruck fördern, die Kirche könne auf die Dauer ohne Papst auskommen.

Spätestens zwanzig Tage nach dem Tod oder Rücktritt eines Papstes muss die Wahl des Nachfolgers beginnen. Johannes Paul II. hat schon viele "papabili" überlebt, für das nächste Konklave werden immer wieder neue Namen ins Spiel gebracht. Derzeit gelten vor allem Italiener und Lateinamerikaner als aussichtsreich: Dionigi Tettamanzi aus Mailand, Ennio Antonelli aus Florenz, Severino Poletto aus Turin, Angelo Scola aus Venedig, Oscar Andres Rodriguez Maradiaga aus Tegucigalpa (Honduras) und Claudio Hummes aus Sao Paulo (Brasilien). Als Kandidat aus Afrika wird der an der römischen Kurie tätige Nigerianer Francis Arinze gehandelt.

Dass ein Kurienkardinal gewählt wird, erwarten aber nur wenige Insider, wohl aber, dass Kardinäle wie Angelo Sodano, vor allem aber auch der deutsche Präfekt der Glaubenskongregation Joseph Ratzinger den Wahlausgang stark beeinflussen könnten.