Zum Hauptinhalt springen

Rudolf Anschober, der unaufgeregte Krisenmanager

Von Daniel Bischof und Karl Ettinger

Politik

Gesundheitsminister Rudolf Anschober ist wegen des Coronavirus omnipräsent. Zeit, um die ÖVP zu nerven, bleibt ihm aber.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 4 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wie begrüßt man den Gesundheitsminister in Zeiten des Coronavirus? Gibt man ihm die Hand oder wahrt man lieber Distanz? Das fragt sich so mancher Journalist am Donnerstag bei einem Pressetermin im Sozialministerium. Rudolf Anschober (Grüne) schneit herein und gibt Antwort. Er kommt auf die Medienvertreter zu, streckt die Hand aus und erklärt unumwunden: "In Österreich begrüßt man sich schon noch mit der Hand."

Eine Mischung aus Gelassenheit und Ernst versprüht der Gesundheitsminister seit dem Aufkommen des Coronavirus in Österreich. Der Grüne ist derzeit omnipräsent wie kein anderer österreichischer Politiker. Kein Tag vergeht, an dem der unaufgeregte Minister nicht über die neuen Corona-Fallzahlen informiert, die Bevölkerung zur Achtsamkeit aufruft und betont, dass Österreich auf "einem guten Weg" sei.

Seine sachliche Art dürfte bei der Bevölkerung mehrheitlich gut ankommen. Das zeigt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts market, die am Freitag veröffentlicht wurde. Vom 2. bis 4. März wurden 1000 Österreicher zum Coronavirus befragt. 60 Prozent der Befragten attestierten Anschober, dass er einen "sehr guten oder guten" Job mache. Besonders gut schnitt die Informationspolitik der türkis-grünen Bundesregierung ab: Diese wurde von 68 Prozent als "ausreichend und korrekt" bewertet.

Hier zeigt sich eine der Stärken Anschobers: Er ist ein ausgefuchster Medienprofi. Der 59-Jährige ist seit Jahrzehnten im Geschäft und weiß, wie er sich verkauft. Seit den 1980ern ist der gelernte Volksschullehrer politisch aktiv, 1990 zog er in den Nationalrat ein. In Oberösterreich führte Anschober die Grünen als Landessprecher und Umweltlandessrat quasi im Alleingang: Parteikollegen konnten neben dem stets präsenten Anschober kaum glänzen.

Mit zwölf Jahren Erfahrung in der ersten schwarz-grünen Landesregierung von 2003 bis 2015 hat der in Steyr geborene Anschober nun allen anderen grünen Mitgliedern der Bundesregierung einiges voraus. Darunter das Wissen um die Befindlichkeiten der ÖVP - auch wenn sich die freundschaftliche Zusammenarbeit mit Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer als väterlichem Lehrmeister nur bedingt mit der türkis-grünen Koalition unter Bundeskanzler Sebastian Kurz vergleichen lässt.

Zahlreiche Agenden

Der Tag-und-Nacht-Einsatz wegen des Coronavirus führt dazu, dass Anschober ausschließlich als Gesundheitsminister wahrgenommen wird. Es wird verdrängt, dass er als Sozial- und Pflegeminister etwa auch für die umstrittene Mindestsicherung, die Pflegefinanzierung und die Hacklerfrühpension zuständig ist. All diese Themen sind gesellschaftspolitisch und koalitionsintern mit Sprengstoff beladen, werden aber vom Krisenmanagement überlagert. Selbst Termine bei seiner Dialog-Tour mit Fachleuten und von den Pflegeproblemen Betroffenen musste er, wie am Freitag wegen des EU-Sonderministertreffens zu Corona, sausen lassen.

Doch auch wenn sich alles um Corona-Verdachtsfälle, die "normale" Grippe und Schutzmasken dreht: Einen Maulkorb lässt sich Anschober von der ÖVP nicht umhängen. So hat er auch kein Hehl daraus gemacht, dass er wie Grünen-Chef und Vizekanzler Werner Kogler dafür ist, Frauen und Kinder aus den Flüchtlingslagern von den griechischen Inseln nach Österreich zu holen. Dass in der Volkspartei von Kurz abwärts noch so viele dazu Njet sagen, stört Anschober nicht.

Auch schon vor der türkis-grünen Koalition macht er sich auf den Weg, als lebende Nervensäge von Kurz in die Annalen einzugehen. So etwa mit seiner Initiative für einen Abschiebestopp von Asylwerbern in Lehre, die auch von ÖVP-Wirtschaftsvertretern und Unternehmern goutiert oder unterstützt wurde. Letztlich brachte er es dazu, dass Ende des Vorjahres mit der ÖVP eine Sonderregelung beschlossen wurde.

Anschober stellte vom ersten Tag auch klar, dass er sein Ressort als Haus der Zusammenarbeit sieht. Damit ist er der genaue Kontrapunkt zur blauen Ex-Ressortchefin Beate Hartinger-Klein, einer Art Ministerinnen-Sprechpuppe, die vorgefertigte Sätze heruntergebetet hat - und mitunter nicht einmal das geschafft hat.

Wettlauf um das Macher-Image

Nicht nur Vizekanzler Werner Kogler steht derzeit deutlich im Schatten Anschobers. Die ÖVP hat mit einem Wettlauf um die Präsenz in den Medien reagiert. Auch der türkise Innenminister Karl Nehammer zeigt sich mittlerweile bei jeder Gelegenheit in Sachen Corona. Bundeskanzler Kurz strebt an, durch Auftritte mit Landeshauptleuten und den früher links liegen gelassenen Sozialpartnern Anschober den Eindruck des obersten Corona-Krisenmanagers streitig zu machen. Offiziell betonen die beiden Koalitionspartner freilich, dass es ihnen beim Coronavirus ausschließlich um die Sache gehe.

Die hohe Arbeitsbelastung birgt für Anschober Gefahren. Im September 2012 musste er sich eine dreimonatige Auszeit nehmen. Die Überbelastung in Oberösterreich forderte ihren Tribut. Anschober geriet ins Burnout und kam erst ab Dezember 2012 auf Raten in die Politik zurück, Pühringer war eingesprungen und hatte sein Ressort geführt.

Das Pensum eines Ministers ist ungleich größer, in Corona-Zeiten umso mehr. Statt eines Tages, versucht sich Anschober nun zumindest einen halben Tag pro Woche freizuhalten - meist am Samstag. Fixpunkt sind ausgedehnte Spaziergänge mit seinem Hund. Auch Kochen dient als Ausgleich für den jetzigen Corona-Stress.