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Internetbefragungen zur Sprache sind interessant, aber sie sollten nicht als "Wahl" ausgegeben werden.
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Die Universität Graz hat wieder einmal das "Wort des Jahres" bekanntgegeben. Ich wurde in den letzten Tagen öfter gefragt: Wie läuft das?
Wort des Jahres ist dieses Mal "Willkommenskultur". Die Jury erklärte uns vor wenigen Tagen in einer Presseaussendung den Ausdruck so: "Das Wort beschreibt Einstellungen und Handlungen, die angesichts des Leids von Kriegsflüchtlingen helfen, dass diese wieder ein Leben in Sicherheit und Freiheit führen können. Es wurde von den WählerInnen mit deutlichem Abstand (20 Prozent der abgegebenen Stimmen) an die erste Stelle gewählt. Der Begriff wurde zuvor bereits der Wirtschaftssprache verwendet (Willkommenskultur für neue MitarbeiterInnen). Er bekam 2015 im Zusammenhang mit der Flüchtlingsbewegung eine völlig neue Bedeutung, in der die gesamte Diskussion über den Umgang mit Flüchtlingen kulminiert. (...) Die so gezeigte Willkommenskultur ist weitgehend die alleinige Leistung der zahlreichen Helferinnen und Helfer der österreichischen Zivilgesellschaft, die es geschafft haben, die Unbestimmtheit und das Zögern der Regierenden auszugleichen und ein Klima des Willkommens und des Vertrauens für die Flüchtlinge zu schaffen. Das Wort ist eine Anerkennung der großen Leistung der österreichischen Zivilgesellschaft in der gegenwärtigen schwierigen Situation."
Auf Platz zwei landete das Wort "Intelligenzflüchtling". Es erzielte 18 Prozent der Stimmen, das heißt: So groß war der Vorsprung von "Willkommenskultur" gar nicht. Für "Willkommenskultur" voteten 1359 Personen, für Intelligenzflüchtling 1264. Die Wortneuschöpfung "Intelligenzflüchtling" kannte ich nicht, sie stammt aus den sozialen Medien und wird für jene Personen verwendet, "die dort Hasspostings absondern, die zumeist gegen Flüchtlinge, Zuwanderer und alle Menschen anderen geistigen Zuschnitts gerichtet sind".
Wie kommen diese Ergebnisse zustande? Ein halbes Dutzend Wissenschafter der Universität Graz und ein Vertreter der Austria Presse Agentur waren beim Auswahlverfahren federführend. Von Mitte August bis Ende Oktober bestand die Möglichkeit, via Internet Vorschläge
für das Wort des Jahres einzusenden. Aus diesen wählte die Jury
30 Wörter für die "Internet-Wahl" im November aus. Ende November fand dann eine finale Auswahlsitzung der Jury statt. "Aufgrund der Internetwahl und aufgrund eigener Überlegungen" wählte die Jury das Wort des Jahres 2015.
Nach dem gleichen Muster wird auch das Unwort des Jahres gekürt: "besondere bauliche Maßnahmen". "Dieser Euphemismus aus dem Munde der derzeitigen Innenministerin ist der direkte Gegenbegriff zum heurigen Wort des Jahres (Willkommenskultur). Er meint in Wirklichkeit einen kilometerlangen Zaun an der slowenischen Grenze, der Flüchtlinge abhalten soll, ins Land zu kommen." Damit kein Irrtum entsteht: Für mich ist "Willkommenskultur" zu Recht das Wort des Jahres. Aber die erläuternden Bemerkungen regen mich auf, sie zeugen von fehlendem Realitätssinn. Und die Wissenschafter sollten nicht so tun, wie wenn das Verfahren eine "Wahl" wäre und die "WählerInnen" entschieden hätten. Das Internet ist keine Wahlurne.

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