Zum Hauptinhalt springen

Rundes Jubiläum für eine mutige Vision

Von Norbert Rozsenich

Gastkommentare
Norbert Rozsenich ist Mathematiker und Vertreter Österreichs bei der International Federation of Automatic Control. Er war seit 1972 als Beamter und später als Sektionschef im Wissenschaftsministerium viele Jahre für das IIASA zuständig.
© privat

Das Internationale Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg feierte 50. Geburtstag.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 1 Jahr in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Am 4. Oktober feierte das Internationale Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg seinen 50. Geburtstag. Seit seiner Gründung im Jahr 1972 spielt das llASA eine Schlüsselrolle bei der wissenschaftlichen Analyse wichtiger Entwicklungen der Erdbevölkerung und der globalisierten Wirtschaft mit zunehmend begrenzten Ressourcen an Energie, Rohstoffen, Wasser und Nahrungsmitteln.

US-Präsident Lyndon B. Johnson und der sowjetische Premierminister Alexei N. Kossygin hatten sich bereits im Juni 1967 am Rande der für die Sicherung des Weltfriedens bahnbrechenden Konferenz von Glassboro in New Jersey darüber verständigt, ein "Ost-West-Institut" zu gründen, um anhand globaler Fragestellungen die Zusammenarbeit von Wissenschaftern aus Ländern mit unterschiedlichen politischen Systemen zu forcieren.

Die beiden Staatsmänner delegierten die Umsetzung dieser mutigen Vision, durch gemeinsame Forschung unbeeinflusst von politischen Differenzen einen Beitrag zur friedlichen Koexistenz zu leisten, an ihre Berater McGeorge Bundy und Jermen M. Gvishiani, die diese Idee konsequent weiter verfolgten.

Es ist erstaunlich, dass die 1968 erfolgte blutige Unterdrückung des Prager Frühlings durch die Sowjetarmee und die Fortsetzung des grausamen Kriegs der USA in Vietnam zu keiner Sinnesänderung der beiden Supermächte führten, sondern auch andere Länder von der Idee der Institutsgründung überzeugt werden konnten.

Schließlich kam es am 4. Oktober 1972 in London zur feierlichen Unterzeichnung der IIASA-Charter durch die USA, die UdSSR und weitere zehn Mitgliedsländer aus Ost und West. Akademiemitglied Jermen Gvishiani wurde einstimmig zum Vorsitzenden des IIASA-Councils gewählt und behielt diese Funktion bis 1987. Der erste Direktor war der Mathematiker Howard Raiffa von der Harvard Universität. Österreich und Ungarn sind 1973 als 13. und 14. Land beigetreten, wobei bis heute jedes Land durch eine wissenschaftlich bedeutende Institution im Council vertreten ist, Österreich zum Beispiel durch die Akademie der Wissenschaften.

Vielfältige Themenstellungen

Vorher mussten die IIASA-Proponenten aber noch einen geeigneten Standort für das Institut finden. Die neue sozialdemokratische Bundesregierung legte bereits im August 1970 unter der Federführung der Minister Rudolf Kirchschläger und Hertha Firnberg ein großzügiges Angebot und schlug Schloss Laxenburg als Sitz des Instituts vor. Dieses Angebot enthielt unter anderem die Zusage, bis 1980 das desolate Schlossgebäude in vier Bauabschnitten zu restaurieren.

Die Gesamtkosten dafür wurden mit 180 Millionen Schilling veranschlagt, im Verhältnis 60:20:20 von Bund, Stadt Wien und Land Niederösterreich finanziert und bis zuletzt nicht überschritten. Dass sich Österreich mit diesem Sitzangebot gegen zwei andere Konkurrenten aus Westeuropa durchsetzen konnte, ist aber in erster Linie der aktiven Neutralitätspolitik der Regierung unter Kanzler Bruno Kreisky und den geschickten Verhandlungen der Spitzenbeamten Walter Wodak, Friedrich Bauer und Wilhelm Grimburg zu verdanken.

Seit 1973 ist die Anzahl der Mitglieder im IIASA von 14 auf
23 gestiegen (siehe dazu auch https://iiasa.ac.at/members). Das jüngste Mitglied ist die National Research Foundation of South Africa, die zugleich die Interessen einiger anderer Länder aus der Region vertritt und deren ehemaliger CEO Albert van Jaarsveld derzeit Generaldirektor des IIASA ist. Am IIASA sind derzeit mehr als 400 Wissenschafterinnen und Wissenschafter aus rund 50 Ländern tätig - sehr viele allerdings nicht mit Vollzeitverträgen, sondern als sogenannte Visiting Scientists.

Wie eingangs erwähnt, sind die Themenstellungen vielfältig, aber vernetzt. Daher stützen sich alle Forschungsprojekte seit Beginn auf moderne Methoden der Systemtheorie und der Modellierung, die dank des rasanten Fortschritts der mathematischen Simulationsverfahren und der dazu notwendigen Computerperformance ein hohes Maß an Effizienz erreicht haben.

Künftiges Institutsprofil

Es ist der wissenschaftlichen und methodischen Exzellenz des IIASA zuzuschreiben, dass seine Expertise von immer mehr Regierungen, UN-Gremien, NGOs und großen Firmen in Anspruch genommen wird. So zählen zum Beispiel zahlreiche Analysen nachhaltiger Entwicklungsziele zu den international besonders oft zitierten IIASA-Publikationen. Die offizielle IIASA-Vision 2030 sieht daher folgerichtig vor, im Dialog mit den politischen Stakeholdern verstärkt nach integrierten Systemlösungen von aktuellen und neuen globalen Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung, ihrer Bedrohungen und ihrer Chancen zu suchen.

Österreich ist an der Umsetzung dieser Vision unter anderem prominent durch Wolfgang Lutz, den Interim Deputy Director General for Science, am IIASA vertreten, der auch die Veranstaltung am 4. Oktober moderierte. Die dabei gestellte zentrale Frage "What can Systems Analysis offer to a World in Multiple Crises?" bedarf aber noch einer weiteren und gründlichen Bearbeitung.