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Der Sozialtherapeut Rupert Voß, Betreiber der Münchner "Work and Box Company", erklärt, warum boxen zu lernen für gewalttätige Jugendliche mehr bringt, als eine Haftstrafe abzusitzen.
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Wiener Zeitung: Der Fall Dominik Brunner, der zurzeit vor Gericht verhandelt wird, hat im letzten Jahr für Entsetzen und Fassungslosigkeit gesorgt. Der 50-jährige Geschäftsmann wurde auf einem Münchener S-Bahnhof von Jugendlichen zu Tode geprügelt. Was wäre gewesen, wenn Jugendliche Ihrer "Work and Box Company" den Mann erschlagen hätten? Rupert Voß: Damals schoss mir in der Tat der Gedanke durch den Kopf: Hoffentlich war es keiner von uns! Denn das wäre natürlich verheerend gewesen. Und ich kann für keinen der Jugendlichen in unserem Projekt die Hand grundsätzlich ins Feuer legen. Doch generell halte ich es für unwahrscheinlich, dass jemand, der schon länger bei uns ist, so etwas Gravierendes tun würde. Möglich gewesen wäre es aber durchaus bei einem Jugendlichen, der erst seit ein paar Wochen dabei ist. Da sind die alten Verhaltensmuster noch sehr stark.
Welche Einstellung haben die Jugendlichen zu sich selbst, wenn sie zu Ihnen kommen?
Sie haben weder ein Gefühl für sich noch für andere. Sie glauben, nichts wert zu sein und wollen deshalb um jeden Preis auffallen. Das bedeutet: Wenn ich schon nichts wert bin, will ich zumindest dafür Anerkennung, dass ich wertlos bin, auch wenn diese in Form von Ablehnung erfolgt. Solch ein Jugendlicher besitzt so wenig Selbstwertgefühl, dass es ihm egal ist, wenn er in den Knast muss.
Viele fordern nach spektakulären Fällen harte Bestrafung. Was halten Sie davon?
Wenn es jemandem gleichgültig ist, was mit ihm passiert, ist er zu jeder Tat fähig. Deshalb sind auch die harten Strafmaßnahmen, die regelmäßig gefordert werden, völlig sinnlos. Dieses Muster versuchen wir zu durchbrechen, indem wir die Jungen so nehmen, wie sie sind. Wir machen also genau das Gegenteil von dem, was nach Ansicht vieler richtig wäre.
Was lernen die Jugendlichen bei Ihnen?
Bei uns lernen die "Jungs", wie wir sie nennen, dass sie uns etwas wert sind, und sie spüren, dass sie gemocht werden. Jemand, der anfängt, sich selbst zu mögen, wird keine Gewalttat mehr begehen, mit der er sich selbst so sehr schadet. Denn es ist eine sehr schwere Last, jemanden getötet zu haben, und das noch dazu vorsätzlich.
Viele sind der Meinung, man solle sich zuerst einmal um die Opfer von Gewalttaten kümmern, weniger um die Täter.

Es geht mir nicht darum, Gewalttaten zu entschuldigen. Dennoch: So verschieden die Jugendlichen sind, die zu uns kommen - allen gemeinsam ist eine schwere innere Verletzung. Wenn wir sie erreichen wollen, müssen wir zum Kern ihrer Persönlichkeit vordringen.
Wenn die Jugendlichen zu Ihnen kommen, sind sie oft sehr aggressiv. Wenn zu Ihnen einer sagt: "Hey, du alter Wichser!" Wie reagieren Sie darauf?
"Und du nicht?", antworte ich darauf gerne. Damit läuft die Provokation ins Leere. Generell gilt für mich die Regel: Wenn ich mit einem Chinesen zu tun habe, der kaum Deutsch spricht, ist es sinnvoll, mit ihm zumindest ein bisschen Chinesisch zu sprechen. Denn dann versteht er mich.
Wo ist für Sie die Grenze? Würden Sie gegenüber einem Jugendlichen ein Schimpfwort wie "Arschloch" benutzen?
Schimpfwörter verwende ich höchst selten. Ich sage durchaus mal: "Du bist doch nicht ganz knusprig." Das bedeutet: "Dein Verhalten ist wirklich schädlich." Gegenbeleidigungen vermeide ich auch deshalb grundsätzlich, weil sie nur provozieren, aber nie zum Ziel führen. Eine Grenze ist bei mir erreicht, wenn jemand einen anderen aus seinem Innersten heraus verletzen will. Entscheidend ist also die Geisteshaltung, nicht aber der Inhalt.
Drohen, schreien, ausflippen gehört bei den Jugendlichen gleichsam "zum Programm". Sind Sie oder einer Ihrer Mitarbeiter schon einmal geschlagen worden?
Es kann schon passieren, dass die Jugendlichen übergriffig werden. Ich selbst bin zwar noch nie geschlagen worden, aber bei Kollegen kommt es vor.
Wie schützen Sie sich? Arbeiten immer mehrere Mitarbeiter gleichzeitig mit den Jugendlichen?
Das ist ein wesentlicher Punkt. Zum anderen wenden wir den simplen psychologischen Trick der immer gleichen Rollenverteilung im Sinne von bad guy, good guy an, um Notwendiges auszusprechen. Wichtig ist zudem, ehrlich zu sein. Wenn ich versuche, jemanden zu manipulieren, weil ich zu wissen glaube, was für ihn richtig ist, spürt der andere das sofort. Wenn es mir dagegen gelingt, authentisch und mit offenem Herzen da zu sein, kann ich mir fast alles erlauben.
Cooles Auftreten funktioniert also überhaupt nicht?
Man darf sich auf keinen Fall mit den Jugendlichen gemein machen. Es muss völlig klar sein, wer der Chef ist.
Im Film "Friedensschlag" strahlen Sie in Gesprächen mit den Jugendlichen eine gewisse "Wurschtigkeit" aus. Ist die Haltung gespielt?
Nein, das ist echt. Es muss mir nämlich egal sein, wie sich ein Jugendlicher entscheidet. Wenn ich dabei eine Intention verfolge, wird er garantiert das Gegenteil von dem tun, was ich will. Für das Gesamtprojekt habe ich selbstverständlich Ziele - und ich will bei den Jugendlichen auch etwas erreichen. Letztendlich zählt aber: Es ändert sich nur, wer sich ändern will, wer sich dafür entscheidet, Hilfe zu wollen.
Wie finden die jungen Männer die Kraft, sich überhaupt erst einmal ändern zu wollen?
Wir versuchen ihnen zu vermitteln: Euer Leben muss nicht zwangsläufig in einer Sackgasse enden. Ihr könnt weit mehr als ihr glaubt. Ihr müsst euch nur dafür entscheiden.
Wie würden Sie Ihre Haltung gegenüber den Jugendlichen beschreiben? Sind sie Elternersatz?
Ein Psychologe hat unsere Arbeit tatsächlich als "Nachbeelterung" bezeichnet. Ich sehe mich eher als Mentor. Als jemanden, der einem anderen Menschen zur Seite steht. Der den anderen begleitet, wohl wissend, was man erreichen will, ohne dabei selber zu viel zu wollen. Es ist wie mit den eigenen Kindern und hat sehr viel mit Liebe zu tun, die zuerst einmal bedingungslos ist. Und ohne dass man versucht, den anderen nach seinen Wünschen zu formen.
Aber manche Menschen mag man doch schlicht und einfach nicht. Was machen Sie, wenn Sie diese Abneigung in sich spüren?
Manche Jugendliche machen es einem sicher sehr schwer. Aber in solchen Fällen gelingt mir inzwischen eine neutrale Haltung, also weder Ab- noch Zuneigung. Das war aber nicht immer so.
Im Film gibt es erschreckende Szenen hilfloser, weinender Mütter. Väter sieht man nicht. Haben die Väter versagt?
Versagt haben in diesen Fällen Väter und Mütter. Nur, weil jemand da ist, heißt es ja noch lange nicht, dass er seinen Job gut macht. Kern des Problems sind fehlende oder tragfähige Beziehungen. Beziehungslosigkeit ist ein gesellschaftliches Problem, das sich bei den Jugendlichen in der Work and Box Company mit ihrem familiären Hintergrund oft noch stärker auswirkt. Deshalb nimmt auch die Brutalität immer weiter zu. Letztlich zeigt sich hier, wie ohnmächtig unsere Gesellschaft ist. Wir haben weder Rezepte noch Handlungsmuster, um mit der Situation angemessen umzugehen.

Früher war der Gedanke der Resozialisierung Kernbestand im Strafvollzug. Inzwischen treten der Schutz der Bevölkerung und das Prinzip der Abschreckung immer mehr in den Vordergrund. Bringen härtere Strafen tatsächlich etwas?
Nein. Das beste Beispiel dafür sind die USA. Dort ist die Inhaftierungsquote in Bezug auf die Bevölkerung zehn Mal so hoch wie bei uns. Und das, obwohl es dort die Todesstrafe zur Abschreckung gibt. In den Vereinigten Staaten gibt es zudem immer noch das elterliche Züchtigungsrecht. Eltern dürfen ihre Kinder schlagen. In Skandinavien hingegen, wo das Züchtigungsrecht als erstes abgeschafft wurde, sind Kriminalität und Inhaftierungsrate am niedrigsten. Es ist also im Gegenteil so: Je weniger drakonisch der Umgang mit Jugendlichen und Straftätern, desto geringer ist die Kriminalität.
Es gibt aber immer noch genug Eltern, für die eine "Watschn" zur Erziehung gehört.
Das ist ein Offenbarungseid, denn es heißt, dass meine Erziehungsmethoden gescheitert sind. Ich muss mein Kind schlagen, weil ich mir nicht mehr anders zu helfen weiß. Wichtig ist auch, ob ich wirklich bewusst schlage oder mir im Affekt die Hand ausrutscht.
Wesentlicher Bestandteil Ihrer Arbeit ist das Boxen. Sie steigen selbst mit den Jugendlichen in den Boxring. Was bezwecken Sie damit?
Beim Boxen arbeiten wir mit Partnerübungen, aber wir kämpfen nicht. Es geht darum, bewusst Stresssituationen zu erzeugen.
Warum?
Das Entscheidende dabei ist: Zwischen den Seilen sind die Jungs Täter und Opfer in einer Person. Sie müssen den anderen schlagen, obwohl sie ihn vielleicht mögen und in diesem Moment gar kein Aggressionspotenzial haben. Zugleich werden sie getroffen. Sie lernen also im Eins-zu-eins-Training, mit Gewalt neu umzugehen, ohne auszurasten. Dabei kommen viele Erinnerungen und Gefühle aus Situationen hoch, in denen sie vom Vater verprügelt wurden oder selbst gewalttätig waren. Sie können es mit dem Prinzip der Homöopathie vergleichen: Das, was krank macht, macht in einer anderen Potenz wieder gesund. Homöopathisches Boxen also statt archaischem Kampf.
Wie weit sind Körperkontakt und Berührung möglich bzw. notwendig?
Das ist sowohl erlaubt als auch erwünscht. Mit aller Vorsicht, die geboten ist. Aber Nähe lässt sich ja nicht nur über Körperkontakt herstellen. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, in den Jugendlichen den Leidensdruck zu erhöhen, wenn keine Veränderung geschieht. Es kann eine Woche Arrest sein oder ein Gespräch mit dem Jugendrichter, damit sie zu sich selbst in Beziehung kommen. Nehmen Sie auch jemanden in den Arm?
Es gab den Fall eines Jugendlichen, der kurz davor war, rauszufliegen, weil er sich an keine Abmachung gehalten und Drogen genommen hat. Beim Abschlussgespräch habe ich mich gefragt, was diesem Menschen fehlen mag. Dann habe ich ihn entgegen allen fachlichen Regeln gefragt: Brauchst du vielleicht eine Umarmung? Dabei habe ich mit allem gerechnet, doch er hat tatsächlich ja gesagt. Er hat sich daraufhin ein paar Wochen lang jeden Morgen seine Umarmung abgeholt. Dieser Mensch hat es schließlich geschafft, seine Lehre zu beenden. Das ist aber ein Einzelfall.
Sie sind erfolgreicher Unternehmer, Vater von sechs Kindern und stecken viel Zeit und Energie in die "Work and Box Company". Woher nehmen Sie die Kraft und die Nerven? Ohne therapeutische Begleitung wäre meine Arbeit sicher nicht möglich. Zudem zeigt mir mein Körper durchaus Grenzen, und im vergangenen Jahr musste ich auf Reha. Was mich die letzten Jahre aber am meisten ausgezehrt hat, ist der Misserfolg.
Wie dürfen wir das verstehen? Ihre Erfolgsquoten sind doch ganz beachtlich. 80 Prozent werden nicht mehr straffällig, 80 Prozent der Jugendlichen gelingt es, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.
Mit Misserfolg meine ich auch nicht die Arbeit mit den Jugendlichen, denn die ist erfüllend und der Rückgewinn erfolgt dort sofort. Auszehrend ist die Arbeit mit den Behörden. Denn das, was hier so erfolgreich funktioniert, will niemand haben.
Fehlt Ihnen die Anerkennung?
Über mangelnde Anerkennung kann ich mich nicht beschweren. Aber wenn es ernst wird und darum geht, Geld in die Hand zu nehmen, ist niemand bereit. Mit meinen bisherigen Versuchen, in anderen Städten ähnliche Projekte aufzuziehen, bin ich abgeblitzt. Das hat bei mir Spuren hinterlassen.
Sie stellen jährlich 14 Plätze für straffällige Jugendliche zur Verfügung. Wie viel kostet die Betreuung eines Jugendlichen?
Die Intensivbetreuung kostet 18.000 Euro pro Jahr. Finanziert wird das mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds, der Jugendämter der Stadt München und des Landkreises. Zum Vergleich: Für einen jugendlichen Serienstraftäter muss der Staat rund das Doppelte für Jugendhilfe, Strafvollzug, Ausbildung und Sozialhilfe ausgeben.
Sie bezeichnen sich selbst als Sozialunternehmer und stecken zehn Prozent Ihrer Unternehmensgewinne in die "Work and Box Company". Muss es erst in den Köpfen ankommen, dass sozial und Unternehmer kein Gegensatz sind?
Das bekomme ich sicher zu spüren. Bei Unternehmern im sozialen Bereich heißt es gerne: Da ist was faul, der bereichert sich bestimmt selbst.
Sie haben über Ihre ehrenamtliche Arbeit ein Buch mit dem Titel "Herzschlag" geschrieben. Was treibt Sie an?
Wenn jeder in unserer Gesellschaft mehr Eigenverantwortung übernimmt, entsteht zwischen uns auch mehr Menschlichkeit. Entweder kümmern wir uns um jugendliche Gewalttäter oder sie werden weitere Opfer produzieren.
Zum Schluss noch eine ganz konkrete Frage: Die Berichte über brutale Überfälle gewalttätiger Jugendlicher verunsichern viele Menschen. Wie verhalte ich mich, wenn ich in der U-Bahn sitze, gewalttätige Jugendliche beobachte oder sogar selbst angegriffen werde?
Ganz einfach! Es ist nie ein Einzeltäter, sondern es sind immer mindestens zwei. Ich muss also nur ein paar Leute ansprechen. "Sehen Sie, was da passiert? Sie haben sicher schon von Zivilcourage gehört. Ich brauche Ihre Hilfe - und zwar jetzt!"
Aber das ist doch genau der Punkt! Es wird zwar viel darüber gesprochen, aber wenn es ernst wird, bekommen die Leute Angst.
Ich habe Ihnen doch gerade erklärt, wie es funktioniert. Ich bilde eine kleine Seilschaft und in dem Moment durchbreche ich das Paradigma des Täters: Macht versus Ohnmacht. Dann bin ich in der Übermacht und die Jugendlichen trollen sich. Wenn sich an dem Münchner S-Bahnhof drei Männer zusammengetan hätten, könnte der Manager noch leben. Es macht mich unheimlich wütend, dass immer nur über die Täter gesprochen wird!

Und nicht über die, die wegschauen?
Ja! Mir wird speiübel beim Gedanken an Menschen, die tatenlos zuschauen, wenn ein Penner in der U-Bahn angezündet wird! Es ist mir unbegreiflich, dass diese Leute nicht vor Gericht kommen. Wir leben in einer Welt von Gelähmten, die nicht mehr handlungsfähig sind. Dabei ist es so einfach: Alles, was man braucht, ist nur ein bisschen Mut.
Zur Person
Rupert Voß, geboren 1965, ist Tischlermeister, Sozialtherapeut, Unternehmensberater, Vorstandsvorsitzender der Voss AG und Initiator der "Work and Box Company". Mit seiner Familie lebt er in der Nähe von München. Für sein außergewöhnliches Engagement erhielt er bereits zahlreiche Preise und hat zudem ein Buch darüber geschrieben. Es heißt "Herzschlag" und ist 2009 im Kösel Verlag erschienen.
Seit acht Jahren betreibt der 44-Jährige in Taufkirchen bei München die "Work and Box Company", ein Sozialprojekt mit gewalttätigen Jugendlichen. Er und sein Team helfen den 16- bis 21-Jährigen, ihr Leben nach dem Scheitern in Schule, Ausbildung und anderen Jugendhilfemaßnahmen wieder in den Griff zu bekommen. Sie versuchen Jugendlichen zu vermitteln, dass deren Leben nicht zwangsläufig in einer Sackgasse enden muss. Ziel ist es, für die Jugendlichen innerhalb eines Jahres einen Arbeitsplatz zu finden. Die Methoden: Boxen und Handwerk. Die Erfolgsquote von rund 80 Prozent spricht für das Projekt.
Wie es in der Praxis funktioniert, zeigt eindrücklich der Film "Friedensschlag - Das Jahr der Entscheidung". Darin dokumentiert Regisseur Gerardo Mil- sztein die Arbeit von Voß und seinen Mitstreitern, einer Handvoll Menschen, die alle zugleich Therapeuten, Sozialarbeiter und "Lebensbegleiter" sind. Der Film ist auf DVD erhältlich.
Sonja Panthöfer, geboren. 1967, arbeitet als Journalistin und Coach und lebt in München.
Andreas Wirthensohn, geboren 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker und lebt in München.

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