Russland hat den Taliban seine roten Linien aufgezeigt

Von Gerhard Mangott

Gastkommentare
Gerhard Mangott ist Politikwissenschafter und Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Innsbruck mit dem Schwerpunkt Osteuropa und Russland. privat

Der Kreml wird Afghanistan nicht isolieren, doch das Verhältnis ist fragil.


Die russische Führung hat schon seit geraumer Zeit das Vertrauen verloren, dass die USA und ihre Verbündeten in der Lage wären, die staatlichen Institutionen in Afghanistan zu stabilisieren, die aufständischen Taliban niederzuschlagen oder zu einem politischen Kompromiss zu bewegen. In Moskau war man sich sicher, dass die Regierung in Kabul stürzen und die Taliban an die Macht zurückkehren würden, sobald die ausländischen Truppen das Land verließen.

Russland hatte mit der ersten Herrschaftsperiode der Taliban aber sehr unangenehme Erfahrungen gemacht. Die Taliban hatten damals tschetschenische Kämpfer ausgebildet, eigene Kämpfer in den russischen Nordkaukasus geschickt und vor allem zugelassen, dass muslimische Extremisten in die zentralasiatischen Nachbarstaaten Russlands - Kirgistan, Usbekistan und Tadschikistan - einsickerten und die Lage dort destabilisierten. Um eine Wiederholung zu verhindern, suchte die russische Führung schon seit geraumer Zeit engen Kontakt mit den Taliban. In diesen Gesprächen kommunizierte Russland seine roten Linien, die die Taliban nicht überschreiten dürften: etwa ein neuerliches Einsickern in russische Nachbarstaaten, als deren Sicherheitsgarant sich der Kreml sieht. Als Gegenleistung bot er den Taliban an, deren Regierung als legitim anzuerkennen. Russland drängt dabei aber auf eine inklusive Regierung, die zwar unter der Dominanz der Taliban steht, aber an der auch andere Kräfte beteiligt sein sollen - Leute wie Hamid Karzai, Abdullah Abdullah oder Gulbuddin Hekmatyar.

Natürlich verlässt sich Russland nicht auf die Zusagen der Taliban, die roten Linien einzuhalten, und hat daher auch deutlich gemacht, dass es über ausreichende militärische Kräfte verfügt, um das Einsickern muslimischer Extremisten, allen voran IS-Kämpfer, in die zentralasiatischen Nachbarländer zu verhindern. Russland hat in Tadschikistan die größte ausländische Militärbasis. Auch in Kirgistan gibt es einen russischen Militärstützpunkt. Schon im Juli hat Russland gemeinsam mit Usbekistan und Tadschikistan militärische Manöver abgehalten, um Abschreckung gegenüber den Taliban aufzubauen. Kirgistan und Tadschikistan sind auch Mitglieder der von Russland geführten kollektiven Verteidigungsorganisation ODKB, die mobilisiert würde, sollten von Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban Destabilisierungsversuche ausgehen.

Russland wird die Taliban vorerst aber nicht als legitime Regierung Afghanistans anerkennen, weil es eben auf eine inklusive Regierung drängt. Dennoch wird Russland Afghanistan unter Taliban-Führung nicht wie einst diplomatisch, politisch und wirtschaftlich isolieren. Den Taliban ist auch sehr daran gelegen, nicht mehr so isoliert zu sein wie während ihrer ersten Herrschaftsperiode von 1996 bis 2001.

Das Verhältnis zwischen Russland und den Taliban wird aber fragil bleiben. Das Misstrauen der russischen Führung ist groß. Festen Glauben an die Zusicherungen der Taliban, Russlands rote Linien einzuhalten, gibt es in Moskau nicht. Die zentralasiatischen Staaten wiederum werden den Schutz durch Russland noch eindringlicher suchen, was die Rolle des Kreml in dieser Region verstärken wird.