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Sakajew: Bauernopfer für Putin

Von Thomas Borchert

Politik

Kopenhagen - Der Moskauer Zorn über den ersten "Tschetschenischen Weltkongress" in Kopenhagen bringt Dänemarks Regierung in unübersehbare außenpolitische Schwierigkeiten. Nachdem die Kopenhagener Regierung erst die Verbotsforderung aus dem Kreml abgewiesen hatte und das Treffen ungehindert durchführen ließ, nahm die Kopenhagener Polizei am Mittwoch plötzlich den prominentesten Teilnehmer auf Wunsch der russischen Behörden fest.


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Wie das nun in Gang gesetzte Auslieferungsverfahren gegen Achmed Sakajew, den persönlichen Beauftragten des im Untergrund lebenden tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow, als angeblich an der Planung der Moskauer Geiselaktion Beteiligten ausgeht, gilt in Kopenhagen als offen.

Fragwürdiges Timing

Schon wenige Stunden nach der allgemein als völlig überraschend eingestuften Festnahme des seit 2001 unbehelligt durch Westeuropa reisenden Sakajew offenbarten sich merkwürdige Ungereimtheiten bei den offiziellen Darstellungen von dänischer Seite. So bestätigte die Kopenhagener Polizeichefin Hanne Bech Hansen, dass die russischen Behörden bereits seit letztem Freitag mehrfach die Festnahme und Auslieferung Sakajews wegen terroristischer Aktivitäten 1996 bis 1999 und nun bei der Moskauer Geiselaktion verlangt hatten. "Das Justizministerium wurde laufend über unsere Behandlung der Sache informiert", erklärte die Polizeichefin.

Von dort scheint es aber keine Information an Außenminister Per Stig Möller und Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen gegeben zu haben. So wies Möller noch am Montag die immer heftigeren Moskauer Vorwürfe wegen der Zulassung des angeblichen "Terroristen-Kongresses" mit der Bemerkung zurück: "Das haben die dänischen Behörden sehr genau untersucht." Er verlangte aus Moskau "konkrete Angaben" und bestritt in einem TV-Interview noch am Dienstagabend, dass er solche in der Zwischenzeit gesehen habe.

Der Regierungschef gar wollte erst bei einem eilig in der Nacht zum Mittwoch einberufenen Treffen des nationalen Sicherheitsausschusses von der geplanten Festnahme erfahren haben. "Eine ganz normale Polizeiaktion" sei das gewesen, in die sich die Regierung in einem Rechtsstaat nun mal nicht einmische, erklärte der Regierungschef und bestritt jedweden politischen Hintergrund für das dänische Vorgehen.

Vorwürfe sind nicht neu

Damit dürfte der als derzeitiger EU-Ratspräsident zusätzlich im Rampenlicht stehende Rasmussen eine Lawine neuer Fragen ausgelöst haben. Sakajews militärische Aktivitäten im ersten Tschetschenien-Krieg sind seit langem auch über die Medien bekannt. Dasselbe gilt für seine eher als "moderat" eingeschätzte Rolle im derzeitigen politischen Widerstand gegen Russland. Warum, so wird in Kopenhagen gefragt, haben die dänischen Stellen erst so kategorisch alle Moskauer Vorwürfe wegen angeblicher Terroristenbeteiligung am Weltkongress zurückgewiesen, wenn sie dann anschließend wie aus heiterem Himmel doch die zentrale russische Forderung erfüllten?

Wie nicht anders zu erwarten bejubelten Moskauer Offizielle und Medien die Kopenhagener Festnahme, nachdem sie vorher Dänemark mehrere Tage wegen der Erlaubnis für den Tschetschenen-Kongress heftigst angeprangert hatten.

Der böse Verdacht eines schnellen "Bauernopfers" zu Gunsten einer guten Atmosphäre zwischen Dänen - vor allem aber der EU - und Kremlchef Wladimir Putin drängte sich für manche Zweifler auf, auch wenn Rasmussen das entrüstet zurückwies. Der amtierende EU-Ratspräsident soll Mitte November bei dem von Kopenhagen nach Brüssel verlegten EU-Gipfeltreffen mit Putin endgültig die Einigung über den russischen Zugang zur Enklave Kaliningrad unter Dach und Fach bringen.