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Salafisten ante portas?

Von Alexander von der Decken

Gastkommentare
Alexander von der Decken ist außenpolitischer Redakteur in Bremen.

Der Umgang mit der Koran-Verteilungsaktion in Deutschland macht deutlich, wie es um die demokratische Gesellschaft wirklich steht.


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Die Demokratie kommt in die Jahre. Deutschland ist zum Land der TV-Philosophen mutiert, die sich lieber in Einschaltquoten aalen als im Funkenflug stählerner Kontroversen Schrammen holen. Das zeigt sich in der jüngsten Auseinandersetzung mit der Israel-Kritik des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass und jetzt in der Terrorismus-Hysterie, die das Land erfasst, weil radikalislamistisch eingestufte Salafisten 25 Millionen Koran-Exemplare kostenlos an Nichtmuslime in Deutschland verteilen. Aufgeregtheit allerorten. Die Politik warnt vor der "aggressiven Aktion", der Verfassungsschutz erinnert, dass nicht jeder Salafist eine Bombe unterm Kaftan habe, die Ulmer Druckerei stoppt die Auslieferung der Gratis-Korane, und die intellektuelle Klasse taucht mangels Masse ab.

Die Achillesferse einer pluralistischen Gesellschaft ist ihre Offenheit. Es klingt paradox, aber sie ist zugleich die Garantie ihres Fortbestands. Zustimmung und Empörung sind die beiden Pole, aus denen sich das Spannungsfeld speist, das nötig ist, um Missstände freizulegen und zu beheben. Der Skandal ist das Mittel dazu, die Politik das Korrektiv. Ein Umstand, den die politische Klasse nicht mehr realisiert. Sie saugt ihren politischen Honig aus der Abgrenzung gegenüber der Konkurrenz. Das ist zu wenig, die offene Gesellschaft droht mangels Visionen zu implodieren.

Den Salafisten sei Dank, mit ihrer Koran-Aktion halten sie dem System den Spiegel vor Augen, indem sie - gewollt oder ungewollt - die Lebenssituation der Muslime auf die Tagesordnung setzen. Die Diskussion über Terrorismusbereitschaft im Kaftan wird als das enttarnt, was sie ist: eine Opfergabe an politischen Populismus. Das Wort Terrorismus lässt sich in jede Diskussion werfen, wie auch der französische Wahlkampf zeigt. Geschickt malt Präsident Nicolas Sarkozy nach den Morden von Toulouse das Horrorszenario eines islamistischen Terrorismus an die Wand, um in doppelzüngiger Manier seine Landsleute davor zu warnen, Islamismus mit Islam zu verwechseln. Geschickt jongliert er mit den Begriffen, wissend, dass die Franzosen die Botschaft verstehen. Das ist menschenverachtend und sollte keine Nachahmung erfahren.

Die Multi-Religiosität ist ein Faktum. Sie für Nebenkriegsschauplätze zu instrumentalisieren, ist unverantwortlich. Die Politik hört die Fragen der Zeit nicht mehr. Sie hat sich zu einem geschlossenen Mikrokosmos entwickelt, der mit dem eigenen Herzschlag genug zu tun hat. Nur eine offene Gesellschaft kann die Freiheit des Individuums garantieren, egal welch "heiliges" Buch es in der Hand hält. Der beste Beweis: Es bedarf erst einiger Salafisten, die den Koran verschenken, um den Muskelschwund der demokratischen Gesellschaft zu diagnostizieren. Nur eine offene Gesellschaft kann eine solche Erneuerung vorantreiben. Eine lebende Demokratie verlangt permanente Anteilnahme und das Wechselspiel von Vision und Machbarkeit. Das ist der Unterschied zu geschlossenen Systemen, wo die Menschen nach dem Taktstock der Nomenklatura singen oder weinen, ihre Unfreiheit als Errungenschaft bejubeln und dem historischen Determinismus ihr Blut opfern.