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"Salam alaikum" oder Rettung des Abendlandes?

Von Clemens M. Hutter

Gastkommentare
Clemens M. Hutter war Chef des Auslandsressorts bei den "Salzburger Nachrichten".
© privat

Undifferenzierte Agitation gegen Muslime diskreditiert pauschal eine ganze Religionsgemeinschaft - wie vor 80 Jahren die Juden.


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"Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus", schrieben Karl Marx und Friedrich Engels 1848. Und: "Der erste Schritt in der Arbeiterrevolution ist die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse." Daher: "Proletarier aller Länder vereinigt euch!" 1917 eroberte allerdings nicht das Proletariat die Herrschaft in Russland, sondern Lenins "Partei der Berufsrevolutionäre" die totalitäre Herrschaft über das Proletariat.

63 Jahre später endete das System auf dem "Misthaufen der Geschichte", den Lenins Partner Leo Trotzky den Anarchisten zugedacht hatte.

Heute bekämpfen Europas Rechtspopulisten ein anderes Gespenst: den Islam, der sich angeblich anschickt, das christliche Abendland zu islamisieren. Erstmals seit dem Holocaust gibt es also Parteien, die eine ganze Religionsgemeinschaft diskreditieren und existenziell bedrohen. In Deutschland brennen durchschnittlich dreimal täglich Flüchtlingsunterkünfte. Hunderttausende syrische Flüchtlinge bieten die Chance, das Thema auf bestehende Problemfelder zu ziehen: Das sind Wirtschaftsflüchtlinge, die unseren Leuten die Jobs abjagen oder in sozialen Hängematten schaukeln wollen; wir haben doch Arme, Arbeitslose und Obdachlose zu versorgen; Muslime sind nicht in unsere Rechts- und Wertesysteme integrierbar; sie entehren unsere Frauen wie zu Neujahr in Köln; wozu brauchen wir Moscheen, in denen Hassprediger agitieren; obendrein stören doch Minarette die Idylle der christlichen Heimat.

Menschen sind zum Selbstschutz mit Skepsis vor Unbekanntem geboren. Offene Gesellschaften funktionieren, weil das von Gesetzen gestützte Vertrauen in die Mitmenschen sie zusammenkittet. Deshalb muss uns keiner beweisen, dass er kein Verbrecher oder Betrüger ist, ehe wir ihm vertrauen. Totalitäre Herrschaften lösen dieses Vertrauen durch allgemeines Misstrauen auf.

Rechtspopulisten aktivieren Ängste und säen Misstrauen zwischen Einheimischen und Muslimen, frei nach Hitlers Modell der Entmenschlichung: "Die Juden sind unser Unglück, eine Pestilenz, Ungeziefer" und daher für die arische Herrenrasse lebensgefährlich. Heute läuft das nicht so grobschlächtig ab: Arabische Muslime sind anders, deshalb andersartig, anderswertig, minderwertig, bösartig, gefährlich. Ex-US-Präsident Dwight D. Eisenhower sagte einst: "Die einfachste Form der Jagd ist die nach Sündenböcken."

Dass die Mehrheit der Muslime friedlich unter uns lebt, fällt nicht auf. Lässt sich aber ein Muslim etwas zuschulden kommen, ist das Pauschalurteil schnell da: Die sind eben so und passen nicht zu uns.

Da hat die simpelste Differenzierung zwischen Muslimen und Islamisten, Dschihadisten oder Salafisten wenig Chance. Wer kennt schon den Koran, von dessen 114 Suren nur eine nicht mit "Barmherzigkeit" beginnt? Wer spricht ein paar Brocken Arabisch - wie einst Karl May mit "Salam alaikum" -, um einem unbekannten Muslim nicht in Wort und Mimik sprachlos gegenüberzutreten?

Vorurteile aufzugeben, bedeutet sowohl eine vermeintlich blamable Niederlage als auch einen Knacks im Selbstwertgefühl. Die selbsternannten Retter des Abendlandes agitieren nicht nur mit Angstparolen, sondern richten auch gesellschaftlich langfristig wirkenden Schaden an.