Zum Hauptinhalt springen

Salzburg in dicker Luft - bei den Festspielen erodiert die Führungsebene

Von Edwin Baumgartner

Analysen

Offiziell sagt es niemand. Aber die Spatzen pfeifen es hinter vorgehaltenen Flügeln von allen Salzburger Dächern: Bei den Festspielen ist die Atmosphäre mit mehr Spannung geladen als die ersten szenischen Premieren. Der Reigen der Rücktritte ist in vollem Gang. Eigentlich gibt es, außer der Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler, kaum noch eine Führungspersönlichkeit, die bleibt.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 16 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Begonnen hat es mit dem amtierenden Schauspielchef Thomas Oberender: Krach mit dem Festspielintendanten Jürgen Flimm. Oberender erklärt seinen Rückzug. Ein paar Tage später bleibt er dann doch. In der Öffentlichkeit freilich entsteht der Eindruck, das Direktorium sei zerstritten.

Dann will der Intendant selbst vorzeitig gehen: Flimm möchte seinen Salzburger Vertrag bereits 2010 lösen statt 2011, um seine Aufgaben an der Berliner Staatsoper Unter den Linden wahrzunehmen.

Das ihm übergeordnete Kuratorium, das mit Vertretern des Bundes, des Landes Salzburg und der Stadt Salzburg besetzt ist und das Direktorium bestimmt, will der vorzeitigen Vertragsauflösung zuerst jedoch nicht zustimmen.

Fieberhaft geht man auf Intendantensuche. Zu diesem Zeitpunkt glauben gute Kenner der Salzburger Szene fest daran, dass der Flimm-Nachfolger Markus Hinterhäuser heißen wird. Immerhin ist der österreichische Pianist seit 2006 unumstrittener Konzertdirektor der Festspiele und hat auch in der Presse die denkbar beste Nachrede.

Nicht mit Pereira

Doch dem Kuratorium ist der moderne-freundliche Hinterhäuser mit seinem Faible für entlegenste Avantgarde-Bereiche wie die Musik von Morton Feldman oder Galina Ustwolskaja als Intendant offenbar ein zu großes Risiko. So sorgt das Kuratorium für eine Überraschung: Der neue Intendant heißt Alexander Pereira.

Niemand bezweifelt, dass der Österreicher, der als Chef des Opernhauses von Zürich für dessen internationale Geltung gesorgt hat, in der Lage ist, die Salzburger Festspiele zu führen. Dass Pereira allerdings Mitarbeiter nur als Erfüllungsgehilfen seiner eigenen Ideen braucht, ist branchenbekannt. Und daran, dass der ehemalige erfolgreiche Chef des Wiener Konzerthauses auch auf die Konzerte der Festspiele Einfluss nehmen will, hat er keinen Zweifel gelassen.

"Nicht mit Pereira" wird zu Hinterhäusers Motto. Und Pereira überlegt sofort öffentlich, ob er nicht die Konzertagenden selbst übernehmen wird.

Der Haken daran: Möglich ist das erst nach den Festspielen des Jahres 2011. Denn Pereiras Vertrag mit der Zürcher Oper läuft bis Ende der Saison 2011/2012, endet also nach den Festspielen des Jahres 2011.

Dennoch gibt das Kuratorium dem Begehren Flimms nach: Flimm kann seinen Vertrag mit den Salzburg 2010 lösen. Das öffentliche Gerangel um die vorzeitige Vertragsauflösung freilich hat weder Flimms Ansehen noch dem der Festspiele gutgetan.

Obendrein ist die Situation der Festspiele im Jahr 2011 prekär: Flimm ist weg, Pereira noch nicht da. Geht es ein Jahr auch ohne Intendanten?

Nächster Knalleffekt: Gerbert Schwaighofer, kaufmännischer Direktor der Salzburger Festspiele, mag auch nicht mehr: "Aus privaten Gründen" tritt er von seiner Position bereits am 1. Jänner 2011 und damit neun Monate vor Vertragsende zurück.

Die rettende Idee des Kuratoriums heißt - Markus Hinterhäuser. Er wird also doch Nachfolger Flimms. Allerdings nur für ein Jahr. Helga Rabl-Stadler übernimmt Schwaighofers Agenden - das aber keineswegs nur interimistisch. Sie sind in ihrem bis 2014 verlängerten Vertrag inkludiert.

Hinterhäuser wiederum führt als nomineller Intendant die Projekte Flimms durch und rückt dafür bereits ab 1. Oktober 2010 ins Direktorium auf - allerdings ohne Stimmrecht.

Was dahinterstecken könnte, ist eine kluge Taktik Rabl-Stadlers: In einem mit nur zwei Personen besetzten Direktorium, in dem beide Personen gleich stark sind, sichert sie sich, gerade über die kaufmännischen Agenden, eine Machtposition gegenüber Pereira.

Die Stärkung einer Gegenposition zu Pereira wäre auch eine Erklärung, weshalb Hinterhäuser die undankbare Aufgabe übernimmt, ohne die Möglichkeiten einer eigenen Gestaltung Flimms Vorhaben zu verwalten. Denn hätte Hinterhäuser dieser Idee nicht zugestimmt, wäre das Kuratorium eventuell auf Konstruktionen verfallen, die Pereira eine Quasi-Alleinherrschaft ermöglicht hätten.