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"Saudis haben IS selbst gezüchtet"

Von Klaus Huhold

Politik

Der Islamische Saat (IS) bekannte sich in Saudi-Arabien zu Anschlägen. Die Nahost-Expertin Karin Kneissl erklärt, warum nun auch das reiche Erdölland, das zum Aufstieg des IS selbst seinen Teil beigetragen hat, bedroht ist.


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"Wiener Zeitung": In Saudi-Arabien bekannte sich der Islamische Staat zu Anschlägen auf Moscheen der schiitischen Minderheit. Zudem scheint IS im Jemen Fuß zu fassen und damit näher an die saudische Grenze heranzurücken. Droht der reiche Erdölexporteur Saudi-Arabien das nächste Land zu werden, in dem sich IS ausbreitet?

Karin Kneissl: Freilich besteht die Gefahr, dass die Kämpfe im Jemen und im Irak auf Saudi-Arabien überschwappen. Viel stärker ergibt sich aber eine Bedrohungslage daraus, dass innerhalb der Bevölkerung Saudi-Arabiens ein großer Zuspruch gegenüber der Ideologie, den Bestrebungen und den Zielsetzungen des Islamischen Staates (IS) herrscht. Zu diesem Ergebnis kam etwa vor ein paar Monaten eine Meinungsumfrage des US-amerikanischen Pew-Instituts unter jungen Saudis. In fast allen arabischen Staaten der internationalen Anti-IS-Allianz - den Golf-Emiraten, in Jordanien oder eben Saudi-Arabien - herrscht unter bestimmten Teilen des Klerus und der jugendlichen Bevölkerung eine gewisse Unruhe. Nach dem Motto: Warum sollen wir mit den Ungläubigen gegen unsere Glaubensbrüder kämpfen?

Wie weit versucht der IS nun in Saudi-Arabien, einen Keil zwischen Schiiten und Sunniten zu treiben und die Situation weiter zum Eskalieren zu bringen?

Die Beziehungen zwischen Schiiten und Sunniten liegen meines Erachtens schon die längste Zeit im Argen, da hat es gar keines Islamischen Staates bedurft. Schon vor den Explosionen in schiitischen Moscheen in den vergangenen Wochen gingen die Sicherheitskräfte sehr gewalttätig in den schiitischen Siedlungsgebieten vor, die pikanterweise im Nordosten und damit in der erdölreichsten Gegend liegen. Es gab zudem auch eine Eskalation der Worte durch den saudischen Klerus, der die Schiiten immer wieder angegriffen hat. In dieser aufgeheizten Lage wurden dann die Anschläge verübt. Ob diese von außen oder von innen kamen, entzieht sich meiner Kenntnis, die Atmosphäre dafür wurde schon zuvor geschaffen.

Der IS ist in Syrien oder dem Irak in umkämpfte Staaten mit einer prekären Sicherheitslage eingedrungen. Ist von dieser Seite Saudi-Arabien besser gerüstet, um IS-Angriffe abzuwehren?

Das Land hat einen umfassenden Sicherheitsapparat und seine im Ausland ausgebildeten Söldner. Aber generell sehe ich die Golfstaaten als nicht so stabil an. Das liegt an den Unruhen in der Region und weil keines dieser Länder eine eigene nationale Armee mit Staatsangehörigen hat. Die saudische Armee besteht etwa aus vielen pakistanischen Söldnern. Ich glaube nicht, dass die bis zum letzten Mann für das saudische Königshaus in die Bresche springen werden.

Sie berichteten von großen Sympathien innerhalb der saudischen Bevölkerung, vor allem unter jungen Leuten, für den Islamischen Staat. Warum gibt es diese?

Weil es IS geschafft hat, ein Kalifat wieder territorial zu verankern. Damit unterscheidet er sich von Al-Kaida und anderen Organisationen dieser Art. Der IS hat etwas gemacht, worüber seit Jahrzehnten schon gesprochen wird. Er hat die kolonialen Grenzen wieder abgeschafft, die Grenze zwischen Syrien und Irak existiert ja in weiten Bereichen de facto nicht mehr. Der IS will nun auch Damaskus erobern. Damaskus nimmt in der arabischen und islamischen Geschichte eine ganz entscheidende Rolle ein, denn es war die erste Hauptstadt des arabischen Großreiches. Das IS-Kalifat sorgt für eine unglaubliche Attraktivität unter Moslems weltweit. Deshalb gibt es diesen dschihadistischen Tourismus, der von China bis nach Europa reicht. Und das spricht auch eine breite Schicht unter jungen Saudis an.

Hat Saudi-Arabien den IS auch mitgeschaffen?

Genau so, wie die Saudis Al-Kaida im Kampf gegen die ungläubigen Sowjets aufgebaut haben, haben sie nun den IS selbst gezüchtet. Wenn man sich dessen Ursprünge anschaut, sind viele Gelder, etwa über Stiftungen reicher saudischer Geschäftsleute, an die Dschihadisten geflossen.

Wie stand das Königshaus dazu?

König Abdullah, der bis zu seinem Tod im Jänner dieses Jahres das Königshaus anführte, hat das wohl nicht von oberster Spitze mitgeleitet. Aber er hat in den letzten Jahren auch nicht mehr alles unter Kontrolle gehabt. Das Königshaus besteht aus vielen "Erzherzögen", von denen jeder sein eigenes Süppchen kocht. Und Abdullah war progressiver als der Großteil seiner Verwandtschaft und des Klerus. Wir sehen jetzt (nun regiert König Salman, Anm.) eine Rückkehr zu den konservativen Kräften.

Wie weit könnte das den Islamischen Staat stärken?

Das Königshaus will nun sicher nicht als Förderer von IS auftreten. Das ist ja mittlerweile ein unmittelbarer Konkurrent.

Hat Saudi-Arabien aber nicht nur durch Geld, sondern auch durch seine extrem konservative, wahhabitische Ausrichtung des Islam den IS mitgezüchtet?

Auf jeden Fall. Durch Prediger und vor allem durch die Schulbücher. Man muss sich nur ein Lehrbuch einer durchschnittlichen saudischen Schule anschauen. Darin wird behauptet, das man selbst die einzig reine Interpretation der Religion hätte, alle anderen seien Häretiker. Wer Kindern Derartiges eintrichtert, radikalisiert Millionen junge Leute. Diese Art von Erziehung findet nicht nur in Saudi-Arabien statt, sondern auch überall dort, wo saudische Gelder hinfließen.

Soll der Westen angesichts dessen weiter so eng mit Saudi-Arabien kooperieren?

Der Bruch ist teilweise schon da. Die USA haben zwar um viele Millionen Waffen an Saudi-Arabien geliefert, aber sie versuchen aus verschiedensten Gründen, sich von Saudi-Arabien zu entfernen. Aber für die USA springt nun Frankreich ein.

Karin Kneissl war bis 1998 im österreichischen diplomatischen Dienst tätig und forscht und lehrt zum Nahen Osten. Die renommierte Expertin, Autorin und promovierte Juristen veröffentlichte zuletzt das Buch "Mein Naher Osten".