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Die Schriftstellerin und Literaturtheoretikerin Germaine de Staël wirkte auch in die Politik hinein. Am 14. Juli, Frankreichs Nationalfeiertag, jährt sich ihr Todestag zum 200. Mal.
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Wie jedes Jahr am 14. Juli begeht Frankreich auch heuer wieder den Nationalfeiertag. Ein Tag, der an ein hochsymbolisches Ereignis der Französischen Revolution, den Sturm auf die Bastille, erinnert, an den Kampf gegen den
Absolutismus - und die Geburt der Nation.
Heuer gedenkt man am selben Tag zugleich einer der einflussreichsten Frauen jener Zeit: Germaine de Staël. Als Schriftstellerin schrieb sie Romane, prägte aber auch die Kultur- wie Literaturtheorie mit ihrem Buch "De l’Allemagne" (Über Deutschland), das maßgeblichen Einfluss auf die Entdeckung der deutschen Romantik in Frankreich hatte.
Ihr Wirken reichte aber bis in die Politik und Gesellschaftsanalyse hinein: Sie reflektierte scharfsinnig über die Ereignisse, die sie erlebte, und griff gleichsam in das politische Geschehen ein. Sie kann als Feministin bezeichnet werden, da sie in ihren Schriften auf die sozialen Barrieren, denen die Frauen ausgesetzt waren, hinwies.
Ihr Vater, Jacques Necker, ein Schweizer Financier und Geschäftsmann, war mehrmals "Finanzminister" des Königs Ludwig XVI. und machte blühende Geschäfte unter anderem dadurch, dass er der Krone, deren Finanzen er verwaltete und reformieren wollte, Geld lieh.
Intellektuelles Umfeld
Germaines Mutter, Madame Necker, geborene Curchod, Tochter eines strengdevoten calvinistischen Geistlichen, hatte in Paris einen berühmten Salon, in dem die schillerndsten Figuren der Aufklärung ihre Ideen im Bereich der Philosophie, Naturgeschichte und Wissenschaft austauschten und ausfeilten. Die Salons waren Glanzstätte der gelehrten Konversation, wo sich unter der Schirmherrschaft einer reichen Frau einmal in der Woche (jeder Salon hatte seinen fixen Tag) die intellektuelle Elite traf. Als quasi Institutionen stellten sie einen unverzichtbaren Bestandteil für die Verbreitung und die Diskussion der Konzepte und Ideen der Aufklärung dar, die unsere heutige Welt noch maßgeblich prägen.
In diesem Umfeld wuchs die hochbegabte, in Paris geborene, Germaine Necker auf, einerseits umgeben von den Künstlern, Philosophen und Wissenschaftern der Zeit und andererseits im unmittelbaren Wirkungskreis der politischen und ökonomischen Aktivitäten ihres Vaters, der zahlreiche Schriften zur Reform der Wirtschaft und zur Rettung der Finanzen des Königreichs Frankreich verfasste und außerdem ein pragmatischer Geschäftemacher wie gelehrter Theoretiker war. So konnte sie einen natürlichen Umgang mit den großen Köpfen ihrer Zeit erlernen und entwickelte gleichzeitig ein Interesse für die Wirtschaft und politische Ökonomie sowie tiefgehende Kenntnisse in diesen Bereichen.
Der brillante Vater, der trotz des Umstandes, dass er weder Franzose noch Katholik war, die höchsten Ämter bekleidete, war zeit ihres Lebens die große Leidenschaft von Madame de Staël. Darüber hinaus war er auch der Garant für ihre finanzielle Unabhängigkeit. Mit dem Familiengeld konnte sie später ein möglichst freies Leben führen, Einfluss auf die Politik üben, ihren Freunden unter die Arme greifen und ihnen Ämter verschaffen.
Eines hatten die reichen Neckers aber nicht: einen Adelstitel. Erst später konnten sie einen erwerben, zusammen mit dem Kauf des Schlosses Coppet in der Schweiz. Fürs Erste wurde daher die junge Germaine mit dem Baron von Staël-Holstein verheiratet, der auch schwedischer Botschafter in Paris war, und den alle als durchaus mittelmäßig und seiner jungen Frau intellektuell weit unterlegen beschrieben. Über ihn sagte sie selbst später: "Von allen Männern, die ich nicht mag, ist de Staël mir der liebste." Was ihre äußere Erscheinung betrifft, ist es ein Leitmotiv bei den Zeitgenossen, sie eher als unattraktiv zu beschreiben, wobei als Ausgleich stets auf ihre Intelligenz hingewiesen wird. So war sie im vorrevolutionären Paris der Aufklärung stark umworben worden, wobei die Perspektive einer saftigen Mitgift sicher auch eine Rolle spielte.
Von nun an wird sie ungeachtet ihrer unglücklichen Ehe zahlreiche aventures haben und die Liebschaften mit ausführlicher Korrespondenz in einem sehr theatralischen Stil dokumentieren: Louis de Narbonne, Benjamin Constant, Talleyrand, um nur einige zu nennen.
Es sind hochliterarische Leidenschaften, die sie mit diesen Männern auslebt. Denn Madame de Staël scheint vor allem die Liebe zu lieben und sieht sich gerne als Romanheldin, in deren Innerem Ratio und Passion einander bekämpfen. So macht sie diesen Konflikt sowie die Unmöglichkeit, Liebe offen auszuleben, zum zentralen Thema ihrer Romane "Delphine" und "Corinne" sowie der Abhandlung "De l’influence des passions sur le bonheur".
Literaturtheorie
Ihre Romanfiguren sind Frauen von Genie, die durch die sozialen Gegebenheiten in ihrer Entfaltung gehindert werden, und deren Existenz ein trauriges Ende findet. Sie werden zu ihrer Zeit als radikale feministische Erzählungen aufgefasst.
Die vielseitige Germaine de Staël zeigt sich auch als innovative Literaturtheoretikerin. In ihrem Essay "De la littérature considérée dans ces rapports avec des institutions sociales" (Von der Literatur im Zusammenhang mit sozialen Institutionen) ebnet sie den Weg für eine Literaturkritik, die in der Deutung der Werke auch die gesellschaftlichen, kulturellen und geographischen Einflüsse berücksichtigt. Dieser Ansatz wird im 19. Jahrhundert zum Teil auch bis heute seine Anhänger finden, wie etwa bei Sainte-Beuve bis hin zur modernen biographischen Methode der Textanalyse. Mit ihrem lebensgeschichtlichen oder milieutheoretischen Ansatz zeigt sie sich in der Tat als deren Vordenkerin.
Der weitere Lauf ihres Lebens ist in die Umwälzungen der Französischen Revolution verstrickt. Die Wirren dieser Zeit, in der die Erfindung einer neuen Welt möglich zu sein schien, bietet für die umtriebige Germaine de Staël die Möglichkeit, ihre liberale politische und wirtschaftliche Weltauffassung zu formulieren.
Die Schlagworte libéralisme und liberté, (Liberalismus und Freiheit) entwickeln sich als Dogma einer Zunft, die am Ende des 18. Jahrhundert zwar weitgehend die finanzielle und wirtschaftliche Macht besitzt, die sich aber mehr politische Macht und mehr gesellschaftliche Anerkennung wünscht. Die liberale Auffassung Germaine de Staëls - Balzac schreibt ihr sogar die Begriffsfindung zu und ihrer Freunde schließt deswegen auch einen Großteil der Menschheit aus der Gesellschaftsordnung aus, nämlich das "Volk", das sie als gefährlich und nicht reif für die Emanzipation bezeichnet.
Der Liberalismus ist also schon seit seinen Anfängen ein Elitedenken, das die Interessen, bzw. die Privilegien einer gewissen aufgeklärten aber dennoch aristokratisch denkenden Schicht vertritt. Das Wort Freiheit, das in ihren Schriften omnipräsent ist, kann sie nicht mit dem Begriff der Gleichheit (im Sinne von Gerechtigkeit) verbinden, und sie wird nie eine Freiheitsauffassung entwickeln, die die ganze Gesellschaft gleichermaßen umfasst.
Während der turbulenten Zeit zwischen 1789 und 1815 (Französische Revolution und Napoleonische Zeit) zeigt sie eine höchst solide Begabung in der Analyse des politischen Geschehens - so etwa in dem 1798 geschriebenen (erst 1906 publizierten) Werk "Des circonstances actuelles".
Politischer Aktivismus
Auch später, in den posthum erschienenen "Considérations sur la Révolution française" und den Memoiren "Dix années d’exil" zeigt sie sich als scharfsinnige Beobachterin. Zugleich greift sie sowohl mit Aktivismus als auch mit Publikationen in das politische Geschehen ein und vertritt dabei eine flexible politische Position der Mitte, die höchst pragmatisch anmutet. Zu Beginn der Französischen Revolution etwa heißt sie die konstitutionelle Monarchie als Lösung der Krise gut, da diese erlaubte, den Absolutismus zu mildern, ohne auf das Ancien Régime ganz zu verzichten.
Später erkennt auch sie, dass die Monarchie nicht mehr zu retten ist, und sie setzt sich für "mildere" Formen der Demokratie und der Republik ein, immer in dem Bestreben, gesellschaftliche Ordnung und Stabilität sowie die Interessen der wirtschaftlichen Elite zu wahren.
Als nach der letzten chaotischen Phase des revolutionären Experiments Napoleon an die Macht kommt, sieht sie ihn zuerst als Retter und als jenen, der die ersehnte Ordnung wieder herstellen könnte und: als einzigen Mann, der ihr ebenbürtig ist. Ihm, dem zukünftigen Kaiser Napoleon I., wird sie von Talleyrand vorgestellt, dem sie zuvor, als einflussreiche Frau mit einem großen politischen Netzwerk, eine Wiederkehr in das politische Leben ermöglicht hat.
Bei einem Empfang wirbt sie sehr direkt um ihn, erhält dabei jedoch vor allen Anwesenden eine Abfuhr. In den nächsten Jahren, bis zu Napoleons Sturz, reiht sie sich unter seine erbittertsten Feinde und intrigiert an allen Höfen Europas gegen ihn, den sie als Inkarnation des Despotismus sieht. 1803 wird sie aus Paris verbannt und wirkt von nun an aus dem Familienschloss Coppet, nahe Genf, wo sie einen berühmten Salon führt.
Französische Romantik
Als 1810 ihr bedeutendes Werk "De l’Allemagne" erscheinen sollte, lässt Napoleon es von der Zensur verbieten und die bereits gedruckten Exemplare einstampfen, vielleicht weniger aufgrund der philosophischen Ansichten, sondern weil de Staël darin ein Porträt des Hunnenkönigs Atilla zeichnet, das zu sehr auf den Empereur selbst zugeschnitten ist.
In diesem Werk schlägt sie eine Brücke auf kultureller Ebene zwischen Deutschland und Frankreich und wird damit die französische Romantik, sowie für lange Zeit das Bild Deutschlands in Frankreich maßgeblich prägen. Dennoch weicht ihr Verständnis der Romantik in vielen Punkten von dem der Deutschen ab. Zudem fehlt bei ihr das Modernitätsstreben, das die späteren, französischen Vertreter der Romantik zu republikanischem Engagement bringen wird (Victor Hugo). Sie bleibt einem rousseauistisch- pietistischen Sentimentalismus verhaftet.
Nach dem Sturz Napoleons kehrt sie nach Paris zurück, stellt sich in den Dienst der wiedergekehrten Monarchie unter Ludwig XVIII. und stirbt zwei Jahre später, am 14. Juli, an den Folgen eines Schlaganfalls.
Was bleibt von Madame de Staël? Beinahe zwei Jahrhunderte nach ihrem Tod ist sie heute weitgehend unbekannt. Ihre (schwer lesbare) Literatur wird kaum als solche rezipiert, und im Bereich der Politik wird ihr zentristischer Ansatz von den Nachkommenden überstrahlt. Doch durch den Siegeszug des politischen und ökonomischen Liberalismus im Europa der letzten Jahre, der sich auch in der Wahl Emmanuel Macrons zum Präsidenten niederschlägt, wird sie heuer als Vordenkerin dieser politischen Richtung sowie für ihr bestimmtes Verständnis von Freiheit gefeiert.
Manuel Chemineau, geboren in Paris, lebt in Wien. Kulturhistoriker, Literaturwissenschafter und Übersetzer, unterrichtet an der Universität Wien.

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