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Scheidung wegen Sprachdefizit

Von Sarah Al-Hashimi

Politik
Meist nicht lange währt das Eheglück , wenn Männer von ihren Frauen abhängig bleiben.
© corbis

Eheprobleme entstehen, wenn Männer um den Männlichkeitsverlust fürchten.


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Wien. Nicht nur Männer mit Migrationshintergrund, die in Wien aufgewachsen sind, verlieben sich in ihre Zukünftige beim Heimaturlaub. Auch Frauen mit Migrationshintergrund holen sich ihren Gatten aus dem Ausland nach Wien. Doch dass manche Männer kein Deutsch lernen wollen und dadurch von der Frau abhängig werden, haben sie nicht erwartet.

"Die Frau ist ja eh da", meinte der Ehemann von Kader C. (Name geändert). Daher wollte er kein Deutsch lernen. Die heute 27-Jährige wuchs in Wien auf und lernte ihren Mann während eines Türkeiurlaubs kennen. Damals war sie 18 Jahre alt. Ein Jahr später haben sie in der Türkei geheiratet und sind in eine gemeinsame Wohnung in Wien gezogen. Der Mann bekam als fertiger Bäcker nach einer Woche einen Arbeitsplatz in einer türkischen Bäckerei. Da er nicht im Verkauf tätig war, sei es für ihn nicht nötig gewesen, Deutsch zu lernen. Für ihren Mann übersetzte Kader C. bei Amtswegen für das Visum, bei Ärzten oder beim AMS. "Er hat mich immer nett gefragt, hat nie einen Deutschkurs besucht", erzählt die heute Geschiedene. Irgendwann habe er ein paar andere Türken kennengelernt und angefangen mit ihnen auszugehen. "Eines Tages war unser Zuhause nur noch ein Hotel für ihn", seufzt Kader C. enttäuscht.

Einige Frauen mit solchen Problemen hat die Sozialarbeiterin Figen Ibrahimoglu während ihrer Arbeit im Gesundheitszentrum Fem (Frauen, Eltern, Mädchen) Süd im Kaiser Franz Josef-Spital kennengelernt. Eine Ursache des Problems sei der Verlust der Männlichkeit: "Dem Mann wird mit der Sprache viel genommen, wenn er nichts mehr selbst erledigen kann. Er ist dann nicht mehr das Oberhaupt." Dieses Empfinden liege natürlich an den Werten, mit denen er aufgewachsen ist. "In der Türkei sagt man zum Beispiel: Ein Mann muss ein Kind zeugen, ein Haus bauen und eine Familie ernähren können."

Gewisse Männer würden sich nicht minder fühlen. Ihnen sei die Abhängigkeit sogar recht, denn "dann können sie sich auf die faule Haut legen", meint Ibrahimoglu. Dass das Sprachniveau für Zuwanderer seit 2006 von A1 auf B1 angehoben wurde, hat daran nichts geändert. Eheprobleme wegen Sprachdefiziten bleiben ein Thema für Frauen, die in Wien aufgewachsen sind.

So auch für Esin D. Sie lernte ihren Mann ebenfalls während eines Türkeiurlaubs als 17-Jährige kennen. Sieben Jahre später folgte die Heirat, ihr Mann zog zu ihr nach Wien. Nach einem Jahr Ehe kam das erste Kind zur Welt. Er bekam einen Job, bei dem die deutsche Sprache nicht nötig war. "Ich habe alles auf mich genommen", erzählt Esin D. Da alles dank ihrer Deutschkenntnisse geklappt hat, sei das zunächst kein Problem für ihn gewesen. Doch mit der Entlastung übernahm sie auch die Verantwortung. "Es sind ihm nämlich viele Blödheiten eingefallen, wenn er nichts zu tun hatte. Er hat mich betrogen", erinnert sie sich. Er habe sich eben etwas anderes gesucht, wo er sich behaupten konnte. Kurz darauf reichte sie die Scheidung ein.

"Männer mehr belastet"

"Frauen dürfen schwach sein und sich Fehler erlauben. Sie brauchen keine Kompensation und lassen sich auch nicht so gehen wie die Männer", sagt Ibrahimoglu. Viele türkische Männer würden ständig in Cafés sitzen oder in die Moschee gehen. "Vielleicht sind sie verwirrt und wissen nicht genau, wo sie hingehören", meint Ibrahimoglu, die selbst aus der Türkei stammt.

Dass sich Sprachprobleme stärker bei Männern als bei Frauen auswirken, hält der Psychologe Predrag Pljevaljcic durchaus für plausibel, denn für Frauen böten Haushalt und Kinder einen gewissen Ersatz. Ein Mann mit wenig Deutschkenntnissen und wenig Hobbys sei eher belastet. Das habe verschiedene Auswirkungen, auch Depressionen. "Dazu kommt, dass die Männer aufgrund ihrer Sprachdefizite oft unterqualifizierten Jobs nachgehen müssen und, wenn nicht in der eigenen Community, schwieriger soziale Netzwerke aufbauen können", erwähnt Pljevaljcic. Sie würden auch Abwertung in der Gesellschaft erleben, was sie belaste. Eheprobleme würden aber auch von der Qualität der Kommunikation in der Ehe abhängen. Bildung, Alter und Lebensziele seien ebenfalls wichtige Faktoren einer geglückten Partnerschaft.

Nicht alle Ehen zerbrechen an den Herausforderungen. Yeliz I. lebt seit mehr als 40 Jahren in Wien. Auch sie hat ihren Mann bei einem Türkeiurlaub kennengelernt. Er habe in Wien mit dem Deutschlernen begonnen. "Ohne Sprache wäre er sich blöd vorgekommen; wie ein Nichts", erzählt sie. Nach seiner Ankunft wurde er Installateur und machte sich selbständig. Yeliz I. ließ ihn von Anfang an das Oberhaupt der Familie sein. Dass sie es war, die ihm ein besseres Leben in Wien ermöglicht hat, habe sie ihm nie vorgehalten, wofür er ihr sehr dankbar gewesen sei.

"Er ist als Konservativer nach Wien gekommen, hat sich aber geöffnet und ist liberal geworden", erinnert sie sich. Mit gegenseitigem Respekt zueinander hätten sie gelebt. "Am Anfang habe ich ihn noch zum Arzt begleitet, ihn aber selbst reden lassen, bis es nicht mehr ging", erzählt Yeliz I. Sie habe ihn immer aufgefordert, selbständig zu sein, alleine wohin zu gehen und zu sprechen. Irgendwann habe er dann die Hemmschwelle überwunden.

Patriarchat ist nicht überall

Halina J. ist eine weitere Frau, die ihren Mann beim Selbständig-Werden unterstützt. Denn sie kann sich noch gut an ihre erste Zeit in Wien vor elf Jahren erinnern: "Als ich von Polen nach Wien gekommen bin, war für mich nach einem Monat klar, dass mein erstes Ziel die Sprache ist, um zu überleben und unabhängig zu sein." Sie habe sich schlecht gefühlt, als sie immer jemanden gebraucht hat, der für sie übersetzt. "Am Anfang traut man sich noch nicht zu sprechen. Es kostet viel Überwindung und dauert lange", meint Halina J. Ihrem Mann Tadeusz sei es auch wichtig, die Sprache zu lernen: "Zuerst hat er es alleine zuhause probiert. Das hat ihn mit der Zeit aber immer weniger motiviert. Jetzt hat er sich für einen Wifi-Kurs eingeschrieben und lernt dort gemeinsam mit anderen."

Pljevaljcic, der im Männergesundheitszentrum im Kaiser Franz Josef-Spital tätig ist, hatte bisher erst einen einzigen Klienten mit diesem Problem. Er betreut nur Männer aus Ex-Jugoslawien. Die sozialistische Zeit hätte das patriarchale System zurückgedrängt. In Österreich würden zum Beispiel noch immer viel zu wenig Frauen Ingenieurberufe erlernen. Pljevaljcic meint: "Die Ursachen für Eheprobleme sind von Schicht zu Schicht und Fall zu Fall unterschiedlich."