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Scheitern ist der neue Erfolg

Von Christof Habres

Reflexionen
Sinnbild für das Scheitern im Augenblick des Triumphs: Sofia Goscinskis Skulptur "Siegespodest".
© © Unspecified / Michael Goldgruber

Das Scheitern als mediales Phänomen unserer Gesellschaft. | Die Schwierigkeit, heutzutage gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen. | Scheitern mit Stil und als Hipness-Faktor.


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Er läutet nur einmal. Der Gerichtsvollzieher mit der Formel-1-Schirmmütze und dem Petrocelli-Aktenkoffer aus den 1970er-Jahren. Denn ein zweites Mal zu läuten, ist nicht notwendig. Wenn nicht sofort geöffnet wird, dann verschafft er sich durch den mitgebrachten Schlosser Zutritt zur Wohnung. Damit der unvermeidliche Rechnungsposten, den der Schuldner sowieso zu bezahlen hat, zumindest einigermaßen gerechtfertigt ist. So steht der Gerichtsvollzieher wieder einmal in der Wohnung von Clemens B., Designer und Innenarchitekt, der seit einiger Zeit mit der Sozialversicherung auf Kriegsfuß steht.

Und der Begriff Kriegsfuß ist nicht einmal zu martialisch, wenn es um die Sozialversicherung für Selbständige geht, meint Clemens B. im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Zeitungsmeldungen der letzten Tage bestätigen seine Einschätzung. Bis letztes Jahr hatte er noch ein gut gehendes Büro mit namhaften Auftraggebern. Dann Krise, Auftragsstornierungen, Steuernachzahlungen und eben die bissige Versicherung, die einem relativ rasch den Kuckuck nach Hause schickt. Fast klassisch. Das berufliche Scheitern von Clemens B. war perfekt. Der Konkursantrag der Sozialversicherung nur mehr eine Frage der Zeit.

Ein kleiner Trost: Er steht mit seinem Scheitern keinesfalls alleine da. Nur ist er einer derjenigen, die eher im Stillen scheitern, die keine Plattform haben oder sich schaffen können, um auf ihre missliche Lage öffentlichkeitswirksam aufmerksam zu machen.

Liebenswerte Loser

Denn was neben all den Widrigkeiten individuellen Scheiterns in der heutigen Zeit zu beobachten ist, ist die Tatsache, dass es Personen aus den verschiedensten Berufszweigen schaffen, mit ihren Problemen in die Öffentlichkeit zu gelangen und medial gefeiert werden. Sei es durch Bücher, Seminare, Vorträge, Ausstellungen oder Interviews. Gescheiterte Journalisten, Autoren, Politiker, Galeristen, Kuratoren oder Hedge-Fonds-Manager drängen mit ihren Schicksalen ins Licht einer doch interessierten Medienöffentlichkeit und vermitteln das Bild eines liebens- bis bedauernswerten Losers. Oft verbunden mit dem Nimbus, durch dieses Schicksal zum don-quichotesken Kämpfer gegen die Auswüchse eines neoliberalen Raubtierkapitalismus geworden zu sein.

Mit dem Anspruch der Aufklärung einer breiteren Öffentlichkeit wird mit tradierten gesellschaftlichen Tabus gebrochen. Jene Tabuthemen, die über Generationen hinter einem undurchdringlichen Wall rund um persönliches Scheitern im Beruf wie auch bei Beziehungen verborgen waren. Bei all diesen Tendenzen, sich mit seinem Scheitern zu outen, einer wie auch immer gearteten Öffentlichkeit zu stellen, bleiben einige Fragen virulent: In welcher Balance stehen der selbst-therapeutische und der aufklärerische Effekt? Ist es einfach schick in Boboville, zumindest einmal gescheitert zu sein? Und wie erleben Menschen ihr Scheitern, die nicht auf eine solche Plattform zurückgreifen können?

Die vergangenen Jahre waren für die Direktorin des Kunsthaus Basellands Sabine Schaschl nicht die emotional ausgewogensten. Lang anhaltender, oft auch ermüdender Beziehungsstress nahm mehr mentale Zeit in Anspruch als notwendig. Warum also diesen Stress nicht in ein künstlerisches Projekt kanalisieren? Da kann über das Scheitern auch zur Arbeitszeit reflektiert werden. Aus dieser emotionalen Notlage entstand 2007 die einzigartige Ausstellung "The Art of Failure" - "Die Kunst des Scheiterns".

Mehr als 20 internationale zeitgenössische Künstler präsentierten Arbeiten zum Thema Scheitern, zwischen banalem Alltag, permanenten Versagensängsten und dem Verlust politischer Utopien. Eine bemerkenswerte Arbeit war die Aluminium-Skulptur eines Siegespodests der Wiener Künstlerin Sofia Goscinski. Ein rohes Podest, auf dem die einzelnen Stufen von der Grundfläche bis an den Rand mit Wasser gefüllt sind. Was mit sich bringt, dass der Sieger - im Augenblick des größten Triumphs - am tiefsten zurück auf den Boden versinkt. Ein wunderbares Sinnbild für das dem im Augenblick des Triumphs bereits innewohnende Scheitern.

Hochstapeln, Zeche prellen

War es die "Internationale", die Hymne der Sozialisten, die im Jahr 1994 das politische Scheitern von VP-Vizekanzler Erhard Busek im Augenblick des Triumphs der positiven EU-Volksabstimmung gesanglich einläutete? Das bleibt Spekulation. Auf jeden Fall stellte er als Herausgeber der Anthologie "Was haben wir falsch gemacht?" Texte von Politikern, Wissenschaftern, Autoren und anderen zusammen, die über ihr Scheitern reflektieren. In einem Spannungsfeld der Auflösung von tradierten Werten, gesellschaftlicher Umwälzungen und einer um sich greifenden Oberflächlichkeit. Teilweise kontroversielle Beiträge, die es wert sind, gelesen zu werden.

Gerade jene von Erhard Busek und dem ehemaligen SP-Minister Caspar Einem. Zwei Politikertypen - fast ist man geneigt zu sagen, einer ausgestorbenen Spezies -, die noch Visionen und Ziele realisieren und sich nicht an die gestreichelten Hunde des Boulevards verfüttern lassen wollten. Was über kurz oder lang, in beiden Fällen eben eher kurz, zum politischen Scheitern führte.

Was an Literatur zum Thema in den letzten Jahren erschienen ist, kann als inflationär bezeichnet werden. Wobei wenig wirklich lesenswert ist. Empfehlenswert sind die Bücher der deutschen Autoren Joachim Lottmann "Der Geldkomplex" und Katja Kullmann "Echtleben". Tragikomische Hochschaubahn-Geschichten zwischen Hochstapeln, Zeche prellen, Hartz IV, falschen Freunden und innovativen Überlebensstrategien. Strategien, die auch dazu dienen, nicht im sozialen Abseits zu landen und zu vereinsamen. Dann lieber drei Tage nur Thunfisch mit Toastbrot essen, wie Kullmann beschreibt. Dafür hat man am vierten Tag Geld für ein paar Gin-Tonics mit Freunden.

Freunde waren auch für die Journalistin Ela Angerer wichtig. Zuerst einmal als persönliche Unterstützung in einer Zeit, als sie fast mit ungläubigem Staunen erkennen musste, an einer Beziehung komplett gescheitert zu sein. Und nicht einmal an der langjährigen Beziehung. Die war augenscheinlich nicht mehr zu retten, sondern an der nachfolgenden, wie sie im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erzählt. Sie war am Boden zerstört. Durch den intensiven Austausch mit Freunden erkannte sie, dass die meisten schon in ihren Leben zumindest einmal massiv gescheitert sind. Der Schritt zur gemeinsamen literarischen Aufarbeitung bot sich an und im Herbst 2011 erscheint, nach "Abwärts" und "Brennstoff", bereits der dritte Band "Porno" ihrer "Scheitern-Reihe". Gleichzeitig mit der Premiere einer dramatisierten Fassung im Rabenhoftheater (14. September). Die Konzeption und Realisierung der Bücher haben ihr in der Bewältigung sehr geholfen, meint Angerer. Zurzeit hat sie eher ein Problem mit Freunden, die mit ihrem jeweiligen Scheitern noch nicht in den Büchern präsent sind.

Zurück zu Clemens B., dessen Schicksal wohl nie auf der Bühne des Rabenhof zu sehen sein wird. Er würde zurzeit nicht einmal rechtzeitig den Programmfolder des Theaters bekommen. Denn nachdem die Sozialversicherung noch einen Schritt weiter gegangen ist und den Insolvenzantrag beim Handelsgericht eingebracht hat, hat ein Masseverwalter das Ruder über B.s Leben in der Hand. Was neben dem Zugriff auf alle Konten auch bedeutet, dass sämtliche Post, private und geschäftliche, vom Masseverwalter geöffnet und kontrolliert, sprich gelesen wird. Was eine zeitliche Verzögerung beim Bekommen der Post mit sich bringt. So hat er auch den Abschiedsbrief seiner Freundin erst bekommen, als sie schon wieder nach Barcelona zurückgekehrt war. Zumindest bei dieser Briefübergabe glaubte B., ein gerührtes Zucken in den Augen der Anwaltssekretärin entdecken zu können. Diese Momente stellen zweifelsohne Höhepunkte in der Kunst des Scheiterns dar. Das geht unter die Haut.

Ela Angerer: "Abwärts", "Brennstoff", "Porno", alle Czernin VerlagErhard Busek (Hg.): "Was haben wir falsch gemacht", Kremayr & ScheriauKatja Kullmann: "Echtleben", Eichborn VerlagJoachim Lottmann. "Der Geldkomplex", KiWi Taschenbuch.