Schiffe für die Mondreise

Von Christian Pinter

Reflexionen
Probesitzen für den Mondflug: Die Männer der Apollo 8 in einem Kapselmodell ohne Innenausstattung ("Boilerplate" genannt).
© NASA

1968 war auch ein wichtiges Jahr in der Raumfahrt: Vor 50 Jahren begann die Apollo-Ära - mit einer kleinen Meuterei und einem legendären Foto.


Eineinhalb Jahre lang war das Wettrennen zum Mond unterbrochen. Die beiden Weltraummächte USA und UdSSR mussten sich erst von den Katastrophen des Vorjahrs erholen: Im Jänner 1967 verbrannten drei Astronauten bei einem Bodentest der nagelneuen Apollo 1. Nun hat man die Verkabelung des Schiffs verbessert, entzündbares Material reduziert. Auch die nur mühsam zu öffnende Luke macht einer Neukonstruktion Platz.

Glücklicher "Rookie"

20 Monate nach dem Feuerdesaster soll der bemannte Apollo-Jungfernflug endlich stattfinden. Als Träger setzt die NASA ihre Saturn IB ein, eine schwächere, nur zweistufige Variante der späteren Mondrakete Saturn V. Ihr Schub genügt, die Apollo 7 am 11. Oktober 1968 in eine Erdumlaufbahn zu hieven.

Kommandiert wird das Schiff von dem ehemaligen Navy-Piloten Walter Schirra. Er hat schon eine Mercury und eine Gemini geflogen und ist entsprechend routiniert. Rechts neben ihm sitzt der sieben Jahre jüngere Donn Eisele. Der Rookie hätte eigentlich in der unglückseligen Apollo 1 Platz nehmen sollen, zog sich beim Training jedoch eine Schulterverletzung zu. Sie bewahrte den einstigen Airforce-Testpiloten letztendlich vor dem Flammentod. Komplettiert wird das Trio von Walter Cunningham, einem ehemaligen Kampfpiloten mit Koreaerfahrung.

Der Kontrollraum in Houston, Texas.
© NASA

Die Männer testen das neue Schiff im Erdorbit auf Herz und Nieren. Sie meistern ihre Aufgabe mit Bravour, sind jedoch erkältet und gereizt. Es kommt zu Streitigkeiten mit dem Missionskontrollzentrum in Houston. Zunächst sagt Schirra eine Folge der täglichen "Wally, Walt and Donn Show" ab: Die TV-Live-Übertragung aus dem Schiff stört seiner Einschätzung nach die Arbeit.

Dann weigern sich die Erkrankten, während der Landung die vorgeschriebenen Helme zu tragen. Sie fürchten um ihre Trommelfelle und wollen deshalb die Valsalva-Methode zum Druckausgleich anwenden: Dabei atmet man vorsichtig in die mit den Fingern zugehaltene Nase aus. Die Männer kehren nach knapp elf Tagen heim zur Erde. Keiner von ihnen wird noch einmal ins All fliegen. Schirra loggt bereits 295 Stunden im Weltraum und hat sowieso schon das Ende seiner Astronautenkarriere angekündigt. Später wird er dem CBS-Moderator Walter Cronkite assistieren - bei dessen TV-Live-Berichten über die Mondlandemissionen.

Die Sowjetunion musste zunächst den tragischen Premierenflug der Sojus verarbeiten: Im April 1967 zerschellte das neue Schiff bei der Landung und riss dabei den Kosmonauten Wladimir Komarow in den Tod. Im März 1968 ist außerdem Juri Gagarin beim Absturz einer MiG-15-Trainingsmaschine ums Leben gekommen: Der erste Mensch im All war eine Legende.

Blick auf die farblose Mondwelt ...
© NASA

Nun peilt Moskau die Wiederaufnahme der bemannten Sojus-Flüge an. Man will unter anderem den Mond umkreisen und bald danach eine Landemission wagen. Doch bis vor Kurzem waren die Militärs mit der Beendigung des "Prager Frühlings" beschäftigt; sogar im Kosmodrom von Baikonur fanden ab Mitte Juli entsprechende Notfallsitzungen statt. Das vertraut Generaloberst Nikolai Kamanin, der Leiter des Kosmonautentrainings, seinem Tagebuch an.

Erfolgreiches Scheitern

Am 25. Oktober 1968 steigt eine unbemannte Sojus 2 auf. Tags darauf hetzt der Kosmonaut Georgi Beregowoi ihr in der Sojus 3 hinterher. Er wurde 1921 in der damaligen Sowjetrepublik Ukraine geboren und für seinen Kampffliegereinsatz im Zweiten Weltkrieg mit dem Titel "Held der Sowjetunion" ausgezeichnet. Beregowoi muss sofort auf das leere Schwesterschiff zuhalten - möglicherweise, um den raschen Anflug eines "Killersatelliten" zu simulieren. Das geplante Andockmanöver soll ohne Funkkontakt und im dunklen Schatten der Erde erfolgen. Der Weltraum-Neuling hat sich noch nicht an die Schwerelosigkeit gewöhnt. Er fühlt sich so, als würde sein Körper "herunterhängen".

Die letzten 200 Meter fliegt Beregowoi per Handsteuerung. Er hat das Andocken immer und immer wieder geübt: Doch dem Flugsimulator mangelte es an Realismus. Das rächt sich jetzt. Beregowoi merkt nicht, dass eines der beiden Schiffe verdreht ist. Es ist, als wolle man einen am Dach liegenden Eisenbahnwaggon an einen Zug ankoppeln. Nach fast vier Tagen lässt man den Kosmonauten landen. Die sowjetische Presse verschweigt den Fehlschlag und bejubelt die geglückte, "enge Annäherung" der beiden Schiffe.

Die erste bemannte Mondumrundung wäre eine Sensation, das weiß man in Ost und West. Die Kraft der dreistufigen, russischen Proton-Rakete würde dafür gerade ausreichen - sofern man die Sojus um eines ihrer drei Module erleichtert und schlussendlich auch noch den Reservefallschirm entfernt. Die Kosmonauten würden diese abgespeckte Version, "Sojus Zond" genannt, gerne fliegen. Doch Wassili Mischin, der Leiter des federführenden Konstruktionsbüros, zögert. Er fordert zunächst drei erfolgreiche Testflüge ohne Besatzung ein.

Die unbemannte Sojus Zond 4 ist im März 1968 bereits in eine Höhe von 354.000 km aufgestiegen. Auf der Heimreise vom Kurs abgekommen, sprengte sich das Schiff aber über dem Golf von Guinea in die Luft; es sollte keinesfalls der Konkurrenz in die Hände fallen.

Käferlarven auf Allreise

Am 18. September 1968 umrundeten in der Zond 5 dann erstmals Lebewesen den Mond. Die weit gereisten Besucher vom Planeten Erde waren keine Menschen - sondern Mehlkäferlarven, Fliegen und zwei russische Landschildkröten. Drei Tage danach geriet der Wiedereintritt in die Erdatmosphäre allerdings zur Tortur. Menschen wären mit mehr als dem Zwanzigfachen ihres Körpergewichts in den Sitz gedrückt worden. Die Schildkröten haben den Höllenritt erstaunlicherweise überlebt.

Die Crew der Apollo 8.
© NASA

Bei der nachfolgenden, ebenfalls unbemannten Sojus Zond 6 löst eine Fehlfunktion die nächste aus. Schließlich wird der Fallschirm vorzeitig abgeworfen. Das Schiff zerschellt am 17. November in Kasachstan. Der Welt wird ein Missionserfolg vorgegaukelt. Doch in Wahrheit lässt sich nach dieser Bilanz keine bemannte Mondumrundung verantworten.

Im Westen ahnt man anscheinend wenig von den sowjetischen Problemen und zeigt sich weiterhin besorgt: Der Kreml könne noch vor Ende 1968 Menschen auf die Reise zum Mond schicken, heißt es in den Medien. Aber auch in der Bodenkontrolle in Houston, Texas, hängen warnende Blätter mit den möglichen Startterminen für eine sowjetische Mondreise aus.

George Low wurde am 10. Juni 1926 in der Nähe von Wien geboren. Nach dem "Anschluss" Österreichs an Nazi-Deutschland floh die jüdische Unternehmerfamilie in die USA. Seit 1967 leitet Low dort das Apollo-Raumfahrtprogramm. Er hat es nach dem Feuerdesaster gleichsam wieder auf Kurs gebracht. Eigentlich sollte nun das Andocken eines Apollo-Schiffs an die Apollo-Mondlandefähre geprobt werden, und zwar in der Erdumlaufbahn. Doch die Landefähre ist noch nicht einsatzbereit.

Kann man sich eine neuerliche, monatelange Verzögerung leisten, oder wird man währenddessen von der Sowjetunion überholt? Low geht auf Nummer sicher. Er hat den Flugplan der Apollo-Missionen daher abgeändert: Apollo 8 wird ohne Mondlandefähre ins All aufsteigen - dafür aber nicht nur die Erde, sondern erstmals auch den Mond umkreisen. Was für eine Premiere!

Die sowjetischen Kosmonauten sind bestens über die NASA-Pläne informiert: Sie lesen davon im "Life"-Magazin. Generaloberst Nikolai Kamanin räumt der bevorstehenden Apollo-Mission bloß eine Erfolgschance von 25 Prozent ein. Die Rückkehr vom Mond geschieht mit unvertraut hoher Geschwindigkeit; der Wiedereintritt sei daher allzu riskant, meint er. Auch die Mondrakete Saturn V erscheint ihm noch nicht verlässlich genug. Ganz offensichtlich projiziert Kamanin die sowjetischen Probleme auf den Konkurrenten USA. Er spricht von amerikanischem "Abenteurertum".

Auf dem Weg zum Mond

Wernher von Brauns Saturn V ist die stärkste Rakete der Welt und, alles in allem, 110 Meter hoch. "So etwas Riesiges kann nie funktionieren!", denkt der einstige Gemini-8-Pilot David Scott spontan. Die drei Raketenstufen umfassen insgesamt elf Triebwerke. Bei einem unbemannten Teststart im Vorjahr sollen in Walter Cronkites TV-Studio Fliesen von der Decke gefallen sein - trotz eines Sicherheitsabstands von acht Kilometern.

Kennedy Space Center, 21. Dezember 1968: Die Triebwerke der Saturn V feuern los und bringen die Apollo 8 zunächst in einen 185 km hohen Erdorbit. Nicht einmal drei Stunden später zündet die dritte Raketenstufe nochmals. Innerhalb von 318 Sekunden beschleunigt sie das bereits 28.000 km/h schnelle Schiff um weitere 11.000 km/h. Dann wird die ausgebrannte Stufe abgestoßen.

Das Schiff ist jetzt auf dem Weg zum Mond. Nach 56 Stunden Flug spürt es dessen Anziehungskraft bereits stärker als jene der Erde. Kommandant ist der 40-jährige ehemalige Kampfpilot Frank Borman. Der gleichaltrige Pilot Jim Lovell war einst bei der US-Navy im Einsatz. Die beiden kennen einander gut, von ihrem gemeinsamen Flug mit der zweisitzigen Gemini 7. Keine Weltraumerfahrung bringt hingegen William Anders mit, ein ehemaliger Kampfpilot der Air Force.

Jeder der drei Männer hat zwei Kubikmeter Platz. Das kegelförmige Kommandomodul ist an der Basis 3,9 Meter breit, verjüngt sich aber rasch. Vor den Köpfen der Astronauten prangt eine Instrumententafel mit 566 Schaltern, 71 Lampen und 40 Zeigern. Nicht unter Druck steht das angeschlossene, zylindrische Servicemodul. Es beherbergt unter anderem Treibstofftanks und Funkgeräte. An seinem unteren Ende ragt eine riesige Düsenglocke mit 2,5 Meter Durchmesser heraus: Von diesem überdimensionierten Triebwerk hängt das Leben der Astronauten ab.

Um in den Mondorbit einzuschwenken, muss es vier Minuten lang feuern - und zwar hinter dem Mond, ohne Kontakt zur Bodenstation. "Wir sehen euch auf der anderen Seite", verspricht Lovell. Dann reißt die Funkverbindung wie erwartet ab. Ein 32 Minuten dauerndes, am Ende nervenstrapazierendes Rauschen tönt aus den Lautsprechern.

Legendäres Foto von Apollo-8-Astronaut William Anders: Die zerbrechlich anmutende Erde, die über dem Mond aufgeht.
© NASA

Man schreibt den 24. Dezember 1968. An diesem Tag umkreisen Menschen zum ersten Mal einen anderen Himmelskörper, sehen eine fremde Welt aus unmittelbarer Nähe. Die Astronauten blicken aus einer Höhe von 114 Kilometern auf die kraterzernarbte Mondoberfläche hinab. Sie studieren vor allem jene Gebiete, in denen ihre Kameraden später landen wollen. Der Mond präsentiert sich als völlig farblose Welt, grau wie Straßenpflaster.

Ganz anders mutet die Erde an, die sich aus der Perspektive der Raumfahrer alle 129 Minuten aufs Neue über den Mondhorizont hebt. William Anders hält einen solchen Moment auf Farbfilm fest: Obwohl automatische Sonden bereits Ähnliches vollbracht haben, wird sein Foto Earthrise zur Ikone der Umweltschutzbewegung: Es zeigt den Planeten Erde als fernes Raumschiff; einzigartig, aber auch höchst fragil.

Eine TV-Live-Übertragung steht an. Die NASA hatte die Astronauten gebeten, sich "etwas Passendes" zum Weihnachtsfest einfallen zu lassen. Nun lesen sie abwechselnd aus dem Buch "Genesis": "Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde . . .". Noch nie waren Menschen so weit von ihrer Heimat entfernt.

Nach zwanzig Stunden im Mondorbit muss das Apollo-Triebwerk neuerlich zünden, um den Rückflug zur Erde einzuleiten. Wieder geschieht dies auf der erdabgewandten Mondseite, wieder wartet Houston mit Spannung auf die Wiederkehr des Funkkontakts. Schon der Zeitpunkt wird verraten, ob das entscheidende Manöver geklappt hat. "Hiermit sei Ihnen allen gesagt", schält sich Lovells Stimme ganz pünktlich aus dem Rauschen, "es gibt tatsächlich einen Weihnachtsmann."

"Time"-Cover.
© Hector Garrido

Das Service-Modul wird eine Stunde vor dem Wiedereintritt in die Erdatmosphäre abgesprengt. So kommt der fünf Zentimeter dicke Hitzeschild zum Vorschein, der die rasende Kapsel vor dem Verglühen schützt. Denn ihres hohen Tempos wegen erhitzt sie die Luft auf 2800 Grad Celsius. Das Schiff wassert am 27. Dezember im Pazifik - und zwar recht nahe beim Flugzeugträger. Von nun an wird man die Bergungsschiffe sicherheitshalber in größerem Abstand stationieren. Das "Time"- Magazin kürt die drei Raumfahrer zu den "Männern des Jahres 1968". Jim Lovell wird den Mond 1970 nochmals umrunden, als Kommandant der unglücklichen Apollo 13.

Die gelungene Mondumkreisung beendet ein für die USA sonst bitteres Jahr: Martin Luther King und Robert Kennedy sind ermordet worden; die Tet-Offensive machte deutlich, wie sehr man die nordvietnamesische Armee unterschätzt hat. Die sowjetischen Raumfahrer werden angesichts des amerikanischen Erfolgs von widersprüchlichen Gefühlen geplagt. Wie Nikolai Kamanin festhält, bewundern sie den Mut ihrer US-Kollegen; während der Apollo-8-Mission sind sie sogar in die eisige Nacht hinaus geschritten und haben still zum Mond hochgeschaut. Die Kosmonauten ahnen aber auch: Das Wettrennen ist jetzt so gut wie verloren.

Sowjetische Besorgnis

Nur mit einer bemannten Landung auf dem Mond könnte man die Amerikaner noch übertrumpfen - doch die ist laut Kamanin zwei, drei Jahre entfernt. Auch, weil die neue sowjetische Mondrakete N1 noch zu keinem einzigen Testflug angetreten ist. Im Dezember 1968 trainieren etliche Kosmonauten für eine Mondumrundung oder eine Mondlandung. Einer von ihnen ist Alexei Leonow, der 1965 den allerersten "Weltraumspaziergang" absolviert hat.

"Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass mir alles entglitt", schreibt er später über die Stunden nach dem US-amerikanischen Triumph: "Ich sah schon kommen, wie sich meine Träume in Luft auflösten. Es kam mir vor, als wäre alles, wofür ich die letzten Jahre so hart gearbeitet hatte, nutzlos geworden. Die Vorstellung, die Verantwortlichen könnten unser Programm der bemannten Mondumrundung stoppen, erfüllte mich mit tiefer Besorgnis." Leonow sollte Recht behalten. Kein einziger Bürger der Sowjetunion bzw. Russlands wird es zum Mond schaffen.

Christian Pinter, geboren 1959 in Wien, schreibt seit 1991 im "extra" über Astronomie und Raumfahrt. www.himmelszelt.at