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Schinden für Puppen und Teddies

Von Sophia Freynschlag

Wirtschaft
Für Hungerlöhne nähen chinesische Fabriksarbeiterinnen Puppenkleider. Foto: Südwind

Kein Gütesiegel für faires Spielzeug. | Firmen wie Steiff und Matador fertigen in Europa. | Wien. Wer den Nachwuchs zu Weihnachten mit Puppen, Autorennbahnen oder Plüschtieren bedenkt, ahnt oft nicht, unter welchen Arbeitsbedingungen das Spielzeug produziert wird.


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"70 Prozent der Spielwaren, die unter heimischen Christbäumen liegen, kommen aus China", sagt Heidemarie Heinz, Vorsitzende des Fachausschusses Spielwaren in der Wirtschaftskammer.

Insgesamt werden rund 80 Prozent der weltweit verkauften Spielsachen in China erzeugt. Die meisten Zulieferbetriebe liegen in der südchinesischen Provinz Guangdong. Die frühere Boomregion wurde hart von der Wirtschaftskrise getroffen: Bis Ende 2008 musste laut Daten des chinesischen Zolls die Hälfte der chinesischen Spielzeugfabriken zusperren. Dadurch hat sich die Situation der Arbeiter verschärft.

Damit die knappen Lieferzeiten eingehalten werden, müssen die Arbeiter bis zu 120 Überstunden monatlich machen, heißt es von der NGO-Organisation Südwind. "In den Fabriken ist es oft unerträglich heiß. Wenn es eine Klimaanlage gibt, müssen Arbeiter für deren Nutzung zahlen", berichtet Südwind-Sprecherin Christina Schröder von einem Lokalaugenschein in China.

Sand und Eisen im Essen

Da die meisten Beschäftigten Wanderarbeiter sind, wohnen sie in Massenunterkünften der Fabriken. Die Sanitäranlagen seien in einem furchtbaren Zustand, sagt Schröder: "Es gibt zwei Toiletten für 200 Mitarbeiter, oft ohne Türen, Duschen sind dreckig oder nicht vorhanden." Oft würden Arbeiter Sand- oder Eisenreste im Essen finden. Die meisten Arbeiter bekommen keinen Arbeitsvertrag, der Lohn wird laut Südwind erst nach 45 Tagen ausgezahlt.

Dass in der Branche nach wie vor der Preiskampf tobt, lässt nicht auf eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in absehbarer Zeit hoffen. Der Einstieg von Diskont-Supermärkten in den Spielzeugmarkt aus China hat den Preiskampf im österreichischen Handel weiter angeheizt. "Wer No-Name-Produkte kauft, kann sicher sein, dass diese aus Fernost stammen", so Heinz. Aber auch Branchenriesen wie Mattel und Disney importierten aus Preisgründen große Mengen aus China. "Besonders bei elektronischen Spielwarenteilen kostet die Produktion in Europa um ein Vielfaches mehr", sagt Heinz.

Auch der Salzburger "Carrera"-Eigentümer Stadlbauer lässt seit einigen Jahren seine Rennbahnen im Reich der Mitte fertigen.

Wie können europäische Händler sichergehen, dass Mindeststandards bei der Produktion eingehalten werden? Neben firmeninternen Kontrollen vertrauen die Spielzeughersteller auf das Siegel des Internationalen Spielzeugverbandes ICTI. "Diese Zertifizierung garantiert sozialverträgliche Arbeitsbedingungen", sagt Heinz. Südwind sieht das allerdings anders. Teilweise würden die ICTI-Standards unter den gesetzlichen Mindeststandards liegen. Südwind wirft den Spielzeugherstellern vor, die Kontrollen der Fabriken durch Druck auf die Beschäftigten verfälscht zu haben. Ein Gütesiegel für fair produzierte Spielsachen gibt es nicht. "Man kann nur beim Hersteller oder beim Händler nachfragen, woher die Spielsachen kommen", so Claudia Bonk von Südwind.

Doch in Europa zeichnet sich ein Gegentrend ab: Der dänische Spielzeugriese Lego produziert Bausteine in Dänemark, Tschechien und Ungarn sowie in Mexiko. Gummi- und Elektronikteile kommen aus China - laut eigenen Angaben sind das jedoch unter drei Prozent aller Elemente. "30 Prozent der Produktion sollen in Dänemark bleiben", so Helena Seppefricke, Lego-Zentraleuropa-Pressesprecherin .

Karten made in Austria

Der österreichische Karten- und Brettspielhersteller Piatnik stellt einen Großteil seiner Teile in der eigenen Fabrik im 14. Wiener Gemeindebezirk her. Elektronische oder Plastikteile werden aber aus Kostengründen in China gefertigt.

Der heimische Holzspielzeughersteller Matador produziert zu 99 Prozent in Waidhofen/Thaya. "Auch bei Verpackungen bemühen wir uns, Lieferanten aus Österreich heranzuziehen", sagt Tatjana Tobias von Matador.

Gegen den Trend agiert auch der deutsche Stofftier-Hersteller Steiff: Er holt bis 2010 seine teilweise nach China verlagerte Produktion zurück nach Deutschland. Als Grund gab Steiff Qualitätsprobleme und lange Lieferzeiten an.