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Schlechte Noten für neue Lehrpläne

Von Martina Madner und Patrick Krammer

Politik

Die Lehrpläne hätten "mit dem alltäglichen Unterricht nichts zu tun" und seien kaum umsetzbar, sagen Bildungsexperten.


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Es klingt nach ganz Großem: "Schule und Unterricht tragen dazu bei, dass junge Menschen befähigt werden, bei der Bewältigung von gesellschaftlichen, sozialen, ökonomischen und ökologischen Herausforderungen eine aktive Rolle einzunehmen", heißt es in der 128 Seiten starken Anlage der Verordnung zu den neuen Lehrplänen. Es gehe um "Kompetenzen für eine nachhaltige Entwicklung", Politische Bildung mit Global Citizenship Education, Friedenserziehung und Menschenrechtsbildung" etwa.

Da ist von "innovativen Lern- und Lehrformaten" die Rede, individuellen Bildungserfolgen, Stärken, Talenten, die es zu fördern gelte. Dreizehn Punkte an fächerübergreifenden Kompetenzen, darunter "Entrepreneurship Education", "informatische Bildung" oder auch "Wirtschafts-, Finanz- und Verbraucher/innenbildung". Er habe "selten ein so mit Erwartungen überzogenes und überfrachtetes Dokument" gesehen, kritisierte Stefan Hopmann in Ö1: Es sei beinahe Lyrik, "in der Wunderbares beschrieben wird, das mit dem alltäglichen Unterricht nichts zu tun hat".

Gewerkschaften kritisieren "unleserliche" Passagen, wodurch mancher Inhalt zum "bestgehüteten Geheimnis" werde und Anforderungen, deren Umsetzung mit den aktuellen Ressourcen "schier unmöglich erscheint".

Praxisnahes Wissengeht unter

"Man hat sich wieder darum herumgedrückt, klar zu sagen, was ist in der heutigen Zeit der notwendige Bildungstand, was benötigen alle jungen Menschen an sozialem als auch ökonomischen Basiswissen. Schule soll ja nicht Expertinnen und Experten ausbilden, sondern gebildete Laien", sagt Bildungsexpertin Christa Koenne, die sich seit Jahrzehnten mit Unterricht, Pisa und Ausbildung von Lehrkräften, "dem wichtigsten Beruf überhaupt", auseinandersetzt, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Koenne sieht zwar "gute Ansätze" in den neuen Lehrplänen, aber: "Die Macht bleibt weiterhin bei den einzelnen Fächern." Schülerinnen und Schüler seien mit zu viel Fachwissen konfrontiert. Was dagegen fehle, sei das fächerübergreifende Einschätzen, das praktische Anwendenkönnen. Anders als in der aktuellen Verordnung geht es der Bildungsexpertin nicht um zusätzlichen Unterricht neben dem bestehenden, sondern das Ersetzen des alten durch neuen modularen Unterricht.

Ein Beispiel: Naturwissenschaften könnten die Fächer Physik, Biologie und Chemie ersetzen. "Ich muss kein Periodensystem mehr auswendig lernen, sondern aus den Informationen, die darin stecken, Eigenschaften ablesen und Schlüsse ziehen können", sagt Koenne, die selbst aus dem Fach kommt. Dass das basische Verhalten von Metallen etwa von oben nach unten zunimmt. Oder: Wo ich träge Elemente finde und was reaktionsfreudig ist, also auch gefährlich werden könnte, wenn man es mischt.

Neues wird addiert, das Minus aber fehlt

"Wir benötigen nur in einem winzigen Bereich Expertenwissen, das wir später in Berufen verwerten können und wofür andere bereit sind, uns dafür zu bezahlen." Aktuell aber versuche jedes Fach in seinem Bereich genau das. Jeder sollte Verträge lesen und nachfragen können, nicht jeder muss sie erstellen. Jede sollte mit Ärztinnen und Ärzten sprechen können, nicht aber Diagnosen oder Behandlung entwickeln können. "Wir vermitteln viel zu viele Details im Unterricht, zu wenig Zusammenhänge und Überblickswissen", sagt Koenne.

Auch den Gewerkschaften ist das Geplante zu bunt. Zusätzlich zu den fachlichen sollen überfachliche Kompetenzen vermittelt werden, wie beispielsweise Motivation, Selbstvertrauen oder soziale Kompetenzen. "Das Erreichen dieser Punkte wird sich schwer umsetzen lassen", heißt es in der der "Wiener Zeitung" vorliegenden Stellungnahme der Gewerkschaft für Pflichtschullehrerinnen und Pflichtschullehrer. Mehr noch: Angesichts großer Klassenverbände, einer Vielzahl an Nationalitäten pro Klasse, unterschiedlicher Leistungsniveaus, einem schwierigen Lebensalter erscheint der Gewerkschaft die praktische Umsetzung "schier unmöglich".

Genau wegen der Unterscheidung in fachliche, überfachliche und fächerübergreifende Kompetenzen, aber auch "der Textfülle" seien die Lehrpläne "schwer lesbar". Viele der angestrebten Ziele seien auch "praxisfern", ergänzt die Vertretung der AHS-Lehrerinnen und Lehrer, auch deren Stellungnahme liegt der Redaktion vor. "Da werden Idealbilder, die schön wären, als fix integrierbar hingestellt", bedauert Herbert Weiß, Vorsitzender der AHS-Gewerkschaft im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Zu kurzer Zeitraum für Umsetzung

Die AHS-Gewerkschaft lehnt außerdem ab, dass Teile der neuen Lehrpläne bereits im Schuljahr 2023/2024 in Kraft treten sollen. Warum? "Weil es unmöglich ist, dass bis zu diesem Zeitpunkt approbierte Schulbücher vorliegen, die die Lehrplanänderung berücksichtigen", ist nachzulesen. Auch Christa Koenne bezweifelt, dass eine solch rasche Umsetzung möglich ist: "Man muss die Bücher nicht überarbeiten, sondern komplett neu erarbeiten, da die aktuellen mit diesem Konzept nicht kompatibel sind." Sie weist auch auf hohe Folgekosten hin, wenn man alle Schulbücher neu gestalten würde.

Auch das Bildungsministerium weiß, dass die neuen Lehrpläne nicht so einfach eingeführt werden können. Es sei "fachliche sowie organisatorische Begleitung" notwendig, schreibt das Ministerium auf Anfrage der "Wiener Zeitung". Es sei ein schrittweises Ausrollen geplant und erst nach "vier Jahren ab Lehrplanstart vollständig abgeschlossen". Fragen zu der Schulbuch-Problematik lässt das Ministerium indessen unbeantwortet.

Als Reaktion auf die Kritik der Bildungsexperten verweist das Ministerium auf mindestens zehn Personen aus der Praxis, die pro Unterrichtsfach mitgearbeitet haben. Im Hintergrund wird aber erzählt, das sei vor allem einer hohen Fluktuation der eingebundenen Personen geschuldet, "die Diskussionen verliefen nicht so harmonisch". Das Ministerium will jedenfalls die insgesamt mehr als 100 Stellungnahmen erst einmal sichten "und konstruktive Vorschläge" einarbeiten. Bis wann, wird nicht gesagt.